Belästigung in Kiel Polizei muss Angaben zum Fall Sophienhof korrigieren

Eine Gruppe von Migranten habe drei Mädchen belästigt und gefilmt - das teilte die Kieler Polizei Ende Februar mit. Nun stellt sich heraus: Es gab keine Bilder. Und es gab keinen Mob.

Polizisten in Kieler Sophienhof
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Polizisten in Kieler Sophienhof

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Die Mitteilung der Kieler Polizei vom 26. Februar, versandt um 12.41 Uhr, verbreitete sich im Nu. Tags zuvor hätten im Einkaufszentrum Sophienhof zwei junge Afghanen drei Mädchen "massiv belästigt", so hieß es da.

Die beiden Männer hätten ihre Opfer mit dem Handy gefilmt und die Daten "augenscheinlich an Dritte" geschickt. Rasch habe sich ein Pulk von "20 bis 30 Personen mit Migrationshintergrund" gebildet und die Mädchen bedrängt.

Wer das las, fühlte sich an die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht erinnert. Das Echo in den Medien war groß, der Sachverhalt schien eindeutig, immerhin ging es um Tatsachen. Landespolizeiamt und Innenministerium hatten die Zeilen abgenickt.

"Die Mädchen sind nicht gefilmt worden"

Kurzzeitig nährte die Polizei selbst Zweifel an ihrer Darstellung - und räumte ein, dass es bislang nur einen Verdacht gebe. Doch als wolle er Kritik ersticken, tönte Vize-Landespolizeidirektor Joachim Gutt im Landtag: Man habe Fotos der Opfer auf den Handys der Verdächtigen gefunden. Punkt.

Seit wenigen Tagen liegt der Kieler Staatsanwaltschaft der Abschlussbericht der Polizei vor. Und nun stellt sich heraus, dass einige Vorwürfe haltlos sind. "Die Mädchen sind nicht gefilmt und fotografiert worden", sagte Oberstaatsanwalt Axel Bieler SPIEGEL ONLINE.

Bilder der Mädchen seien nicht auf den Handys der jungen Männer gefunden worden. Und: "Es gab keinen Mob." Die Ermittler fanden keine Belege dafür, dass sich eine Gruppe junger Männer gezielt versammelte. Man gehe von Schaulustigen aus, die "nicht in das Geschehen eingegriffen haben". Für die Strafverfolger spielen sie keine Rolle. Die Nationalität sei "unerheblich", man mache dazu keine Angaben, sagte Bieler.

Es ist eine Wende, die scharfe Kritik an den Behörden provoziert. Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef im Kieler Landtag, sieht im Fall Sophienhof "eine erschreckende Pannenserie" der Polizei. "Hier wurde ein Fall konstruiert, der keiner war", sagte Kubicki SPIEGEL ONLINE. "Dafür habe ich kein Verständnis." Die Vorfälle seien "nicht nur übertrieben, sondern falsch dargestellt worden".

Kubicki: Polizei untergräbt Vertrauen in ihre Arbeit

Die Beamten, so Kubicki, hätten mit ihrem Verhalten dazu beigetragen, dass das Vertrauen in die Arbeit der Polizei und in die unabhängige Berichterstattung der Medien "einmal mehr erschüttert wird". Es hätte viel stärker betont werden sollen, dass es nur um einen Verdacht gehe. "Wir leben immerhin in einem Rechtsstaat, in dem die Unschuldsvermutung gilt - und zwar für jedermann."

Oberstaatsanwalt Bieler mühte sich, den Eindruck einer neuen Entwicklung im Fall zu zerstreuen. Die vermeintlichen Fotos und Videos gingen auf eine "Wahrnehmung der Mädchen" zurück, die sich nicht bestätigt habe. Es sei immerhin denkbar, dass die Beschuldigten ihre Handys genutzt hätten, um zu zoomen.

Gegen die beiden Beschuldigten dürfte Ende April, Anfang Mai Anklage erhoben werden. Kernvorwurf: Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. Die Afghanen sollen sich gegen ihre Festnahme mit Gewalt gewehrt haben. Bieler sagte, er gehe weiterhin "von einer massiven Belästigung" der Mädchen aus. Fraglich sei, ob das strafrechtlich zu beanstanden sei.

Beide Beschuldigten sind 17 Jahre alt, also entgegen der bisherigen Darstellung nicht erwachsen. Sie bestreiten sämtliche Vorwürfe. Bieler sagte, ihr aggressives Verhalten habe den Fall eskalieren lassen. Sie hätten sich an den Grundsatz halten sollen: "Wenn der Sheriff kommt: Füße stillhalten und Mund halten." Dann wäre "das Ganze entspannt gewesen". Die Beamten hätten die Personalien aufgenommen, die Afghanen hätten sich entschuldigt.

Ein Sprecher von Landespolizei-Vize Gutt wollte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE keinen Fehler einräumen. Als Gutt sich geäußert habe, "war Stand der Ermittlungen, dass sich Bilder der Geschädigten auf den Handys der Beschuldigten befanden".

Die Verunsicherten

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