Angeklagter im Brunner-Prozess "Das kam mir alles zu krass vor"

Wer trägt die Schuld für den Tod Dominik Brunners? Vor Gericht belastete einer der jugendlichen Angeklagten seinen Freund schwer. Sebastian L. sagte, Markus S. habe auf den am Boden liegenden Geschäftsmann weiter eingetreten - während er ihn davon abzuhalten versucht habe.


München - Sie entschuldigten sich, sprachen von Blackout und Alkoholkonsum: Seit diesem Dienstag müssen sich Sebastian L. und Markus S. wegen Mordes an dem Geschäftsmann Dominik Brunner vor dem Landgericht München I verantworten. Zum Prozessauftakt hat einer der beiden mutmaßlichen Täter schwere Vorwürfe gegen seinen mitangeklagten Freund erhoben.

Der 18 Jahre alte Sebastian L. sagte in der Verhandlung, der ein Jahr ältere Markus S. habe auf den bereits am Boden liegenden 50-Jährigen eingetreten und mit dem Fuß auf dessen Kopf gezielt. L. schlug selbst mehrmals auf Brunner ein, am Ende aber zog er Markus von dem am Boden liegenden Sterbenden weg. Er habe Markus S. aufgefordert aufzuhören, sagte der Jüngere vor Gericht. Warum, fragt Richter Reinhold Baier. "Das kam mir alles zu krass vor."

Sowohl er als auch Markus S. hätten vor der Tat Alkohol getrunken - "Bier und ein paar Schluck Wodka", sagte Sebastian L. Und er fügte hinzu: "Es tut mir von Herzen leid. Ich habe das nie gewollt." Die Tat erklärte er mit einem Aussetzer: "Ich muss wohl einen Blackout gehabt haben."

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Der Fall Dominik Brunner: Gewaltexzess am Bahnsteig
Markus S. trat mit zittriger Stimme vor der Jugendstrafkammer des Landgerichts München auf. "Mir tut der Tod des Herrn Brunner so unendlich leid", sagte der 19-Jährige. "Ich bitte um Verzeihung, auch wenn ich weiß, dass mir nicht verziehen werden kann. Auch ich selbst werde mir nicht verzeihen." Zugleich versicherte er, dass er zu keinem Zeitpunkt mit dem Tode Brunners gerechnet habe.

Den beiden Jugendlichen wird vorgeworfen, am 12. September 2009 auf dem Münchner S-Bahnhof Solln den Geschäftsmann Dominik Brunner brutal niedergeprügelt und mit Dutzenden Faustschlägen und Fußtritten getötet zu haben, weil dieser sich schützend vor eine Gruppe von vier Kindern gestellt hatte. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten Mord aus "niedrigen Beweggründen" vor, weil sie sich an Brunner für dessen Eingreifen hätten rächen wollen.

22 Faustschläge und Tritte in einer Minute

"Mit äußerster Wucht" hätten die Jugendlichen auf ihr Opfer eingeschlagen, auch als dieses schon sichtlich schwerverletzt am Boden lag, betonte die Staatsanwältin. Dabei hätten sie den Geschäftsmann mit Worten wie "Dreckschwein", "Sau" und "Bastard" beschimpft. "Bei dieser Vorgehensweise erkannten die Angeschuldigten die naheliegende Möglichkeit eines tödlichen Ausgangs und fanden sich damit auch ab", fügte die Staatsanwältin hinzu. Das ganze Tatgeschehen habe "etwa eine Minute" gedauert.

Die Obduktion ergab, dass er mit insgesamt 22 Faustschlägen und Tritten auf den Oberkörper malträtiert worden war. Die beiden mutmaßlichen Täter wurden noch am Tatort festgenommen.

Markus S. ließ von einem seiner Verteidiger eine Erklärung verlesen. Darin betonte der Angeklagte, er und L. hätten ihre Pöbeleien gegen die Kinder nicht ernstgemeint. In Solln seien die beiden nur ausgestiegen, um mit der Bahn zurück zu ihrer verpassten Haltestelle zu fahren. Völlig unvermittelt habe ihn dann von Brunner ein "heftiger Schlag ins Gesicht" getroffen. Anschließend habe er die Kontrolle über sich verloren. Aufgrund eines Blackouts könne er sich an nichts mehr erinnern.

Da L. zum Tatzeitpunkt erst 17 Jahre alt war, findet das Verfahren vor der Jugendkammer des Landgerichts statt. Nach dem Jugendstrafrecht drohen beiden Angeklagten bis zu zehn Jahre Haft. S., der damals schon 18 Jahre alt war, könnte auch Erwachsenen gleichgestellt werden und sogar zu lebenslanger Gefängnisstrafe verurteilt werden. Beide Angeklagten sind bereits vorbestraft.

Am Mittwochvormittag will das Gericht mit der Beweisaufnahme beginnen. Zunächst ist die Zeugenaussage zweier ermittelnder Polizeibeamter geplant. Am Nachmittag soll dann das erste jener Kinder gehört werden, die Dominik Brunner zu beschützen versuchte. Für den Prozess sind bis Ende Juli neun Termine anberaumt. Insgesamt wurden 53 Zeugen und vier Sachverständige geladen.

han/ddp/AFP/dpa

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