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02. Oktober 2013, 14:20 Uhr

41 Jahre Isolationshaft

Lebenslanges Unrecht

Mehr als vier Jahrzehnte saß der US-Amerikaner Herman Wallace wegen Mordes in strenger Isolationshaft. Jetzt hat ein Richter das umstrittene Urteil gegen den 71-Jährigen aufgehoben: Wallace verließ das Gefängnis als freier, aber sterbenskranker Mann.

New Orleans - "Zufrieden, aber auch ziemlich krank" - so umschrieb Rechtsanwalt George Kendall den Zustand seines Mandanten, und "ziemlich krank" dürfte dabei eine enorme Untertreibung sein. Herman Wallace, 71 Jahre alt, trat am Dienstagabend die letzte Etappe seines Lebens an: liegend auf einem Krankenbett, eingewickelt in eine dicke Decke, auf dem knochigen Schädel eine Wollmütze. Ein paar Wochen in Freiheit, so viel bleiben dem Sterbenskranken vielleicht noch. Er hat Leberkrebs, im Endstadium.

41 Jahre lang saß Wallace in strenger Isolationshaft, von ein paar Monaten abgesehen. 23 Stunden am Tag sperrte man ihn dazu in seine sechs Quadratmeter große Gefängniszelle. Hofgang: dreimal die Woche, jeweils für eine Stunde, aber allein. Es waren mehr als vier Jahrzehnte Einsamkeit, die für Wallace am Dienstag zu Ende gingen.

Zu lebenslanger Haft verurteilt worden war der Mann aus New Orleans wegen Mordes an einem Gefängniswärter im Jahr 1972 - als Teil eines Häftlingstrios, das später als "Angola 3" bekannt wurde. Stets gab es erhebliche Zweifel an seiner Schuld. Jetzt hob ein Richter in der Stadt Baton Rouge (Louisiana) das Urteil auf - und ordnete für Wallace die sofortige Entlassung an.

Bei seiner Entscheidung bezog sich Richter Brian Jackson allerdings nicht etwa auf entlastende Beweise, sondern auf einen Formfehler im Prozess vor 41 Jahren. Demnach hätten in der Grand Jury laut US-Verfassung auch Frauen sitzen müssen - weil das nicht der Fall war, habe Wallace kein faires Verfahren bekommen. Einen Antrag des Bundesstaats Louisiana, der die Freilassung in letzter Minute verhindert hätte, lehnte Jackson ab.

Vergewaltigungen im Hochsicherheitsknast

Bereits seit 1967 hatte Wallace wegen eines Banküberfalls im Staatsgefängnis von Louisiana gesessen, einem Hochsicherheitsknast mit 5000 Häftlingen. Schlägereien und Vergewaltigungen prägten den Alltag in der "Angola" genannten Einrichtung; in den USA galt sie damals als eine der gefährlichsten ihrer Art. Wallace und sein Kamerad Albert Woodfox gründeten im Gefängnis einen Ableger der Bürgerrechtsbewegung Black Panther und machten sich für bessere Haftbedingungen stark.

Als am 17. April 1972 in "Angola" ein weißer Wärter erstochen wird, hat die Anstaltsleitung sofort Wallace und Woodfox im Auge. Später verurteilt ein Gericht die Männer zu lebenslanger Haft. Auch Robert King, der dritte der "Angola 3", wird für den Mord verantwortlich gemacht.

Bis heute weisen die drei Männer jede Schuld am Tod des Wärters von sich. Stattdessen habe man sie als unliebsame politische Aktivisten aus dem Weg räumen wollen. Jahrelang saßen sie in "Angola" in Isolationshaft. 2001 kam immerhin Robert King frei, seither kämpft er für die Begnadigung seiner Kameraden. Albert Woodfox bleibt nach der Entlassung von Wallace als letzter der "Angola 3" in Haft.

"Lebenslanges Unrecht"

Wallace' Anwälte teilten am Dienstagabend mit, ihr Mandant habe das Gefängnis in einem Krankenwagen verlassen. "Er wird jetzt die medizinische Behandlung bekommen, die seine fortgeschrittene Krebserkrankung erfordert", heißt es in einer Stellungnahme. Laut CNN soll der 71-Jährige in einem Hospiz unterkommen. Anwalt George Kendall sagte über die Entscheidung von Richter Jackson, sie gebe seinem Mandanten ein gewisses Maß an Gerechtigkeit "nach lebenslangem Unrecht".

Steven Hawkins, Chef der Hilfsorganisation Amnesty International, begrüßte die Freilassung des Mannes. "Tragischerweise kommt dieser Schritt erst jetzt, wo Herman an Krebs stirbt und nur noch Tage oder Stunden zu leben hat." Kein Gerichtsurteil könne die "grausamen, unmenschlichen und entwürdigenden Haftbedingungen ungeschehen machen, die er mehr als 41 Jahre lang ertragen hat".

Amnesty International hatte sich jahrelang für die "Angola 3" starkgemacht. Erst im vergangenen Jahr legte die Organisation dem Gouverneur von Louisiana eine Petition gegen die Unterbringung in Isolationshaft vor. 65.000 Menschen hatten sie unterzeichnet.

Ärzte hatten Wallace' Krebserkrankung laut CNN im vergangenen Sommer entdeckt, nachdem er viel Gewicht verloren hatte. Kendall zufolge wurde die Behandlung vor einigen Wochen eingestellt.

Dennoch ist der juristische Kampf für Wallace auch nach seiner Freilassung noch nicht vorbei. Er wolle wegen der jahrzehntelangen Isolationshaft rechtlich gegen die Behörden vorgehen, teilte Kendall mit. "Herr Wallace hofft, dass dieses Verfahren anderen Menschen dazu verhilft, derart grausame Haftbedingungen nicht länger ertragen zu müssen."

rls/AP/dpa

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