Angriff auf die "MSC Melody" Passagiere hielten Piraten mit Liegestuhl-Attacke auf

Der Kapitän plauderte noch an der Bar, als Kreuzfahrt-Teilnehmer schon auf die Seeräuber losgingen: Neue Zeugenberichte zeigen, wie dramatisch der Überfall auf die "MSC Melody" ablief. Passagiere übernahmen die erste Abwehr - und kritisieren jetzt die Heldengeschichten der Crew.

Von , Mombasa, und Dietmar Hipp


Ciro Pinto war sich seiner Sache sicher. Mit einem Drink an der Bar des Kreuzfahrtschiffes "MSC Melody" war der Kapitän recht entspannt, plauderte am Samstagabend mit zwei südafrikanischen Passagieren. Ob die marodierenden Piratenbanden nicht ein Problem seien, fragten die Damen. Nie im Leben, antwortete der erfahrene Seemann. Weit, mehr als 1000 Seemeilen, sei man weg von der somalischen Küste. Unvorstellbar, ja schier unmöglich, dass die Seeräuber in Badelatschen hier zuschlagen könnten.

Der nette Plausch fand ein jähes Ende. Zeugenaussagen zufolge stürzten zwei Passagiere schreiend in die Bar, wild gestikulierend redeten sie auf den Kapitän ein. Am Heck des Schiffes, gleich hinter dem Pool, fahre ein Schnellboot hinter dem riesigen Kreuzfahrtschiff her - darin mehrere bewaffnete Personen, einer sei schon dabei, das Schiff zu entern. Mehrere Passagiere würden verzweifelt Liegestühle und Tische über Bord werfen, um die Angreifer abzuwehren.

In diesem Moment krachten die ersten Schüsse. Der Kapitän begriff nun, was los war - sein Schiff wurde von Piraten angegriffen.

Pinto funkte einen Alarmcode an die Crew, befahl, dass die Passagiere sofort unter Deck sollten, und rannte auf die Brücke. Die Piraten versuchten weiter, das Schiff zu entern. Pinto schloss den Tresor auf, gab den Sicherheitsleuten an Bord Pistolen. Den Steuermann wies er an, Zickzack zu fahren, um das Boot der Angreifer durch hohe Wellen aufzuschütteln. Angekommen am Heck, feuerten die Wachleute zwei Warnschüsse in die Luft.

Wenige Minuten später war die akute Gefahr gebannt. Völlig überrascht, dass die Besatzung des Kreuzfahrtschiffes bewaffnet war, so die Darstellung der Reederei MSC, zogen sich die Piraten auf ihr Schnellboot zurück - feuerten aber noch einige Salven aus ihren AK-47-Gewehren auf das Schiff. Scheiben zerbarsten, die Kugeln krachten dumpf an die Bordwand.

"Es war wie im Krieg", sagte der Kapitän am nächsten Morgen stolz im italienischen Rundfunk. Professionell hätten Crew und Sicherheitsleute den drohenden Angriff abgewehrt.

"Mit Stühlen hält man doch keine Piraten ab"

Was sich wie das Drehbuch zu einem Hollywood-Thriller liest, hat sich am vergangenen Samstagabend tatsächlich so abgespielt. Neue Augenzeugenberichte von Passagieren ergeben ein wesentlich dramatischeres Bild des Überfalls als bisher bekannt. Pierfrancesco Vago, Chef der italienischen Reederei MSC, bestätigt die Darstellung der Kreuzfahrtteilnehmer SPIEGEL ONLINE als "authentisch".

Die neuen Details zeigen, wie knapp das Schiff einer Kaperung entgangen ist. "Wir waren professionell", sagt Vago ziemlich offen, "aber wir haben auch Glück gehabt."

Glück nennt er es; "reiner Zufall" sei es gewesen, sagt indes Passagier Jules Tayler, der sich mit einigen anderen Kreuzfahrtteilnehmern auf dem Achterdeck aufhielt.

Denn zunächst wurde der Überfall von niemandem bemerkt - erst als sich eine Frau intuitiv über die Reling beugte und im Halbdunkel nach unten blickte, fiel ihr etwas auf. Plötzlich drehte sie sich zu ihren Mitreisenden um und sagte: "Huch, da ist ein kleines Boot neben uns!"

Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

Tayler und die anderen eilten ebenfalls an die Reling und sahen das oben offene Piratenboot, in dem fünf oder sechs Bewaffnete saßen. Einer kletterte am Seil auf das darunter liegende Deck. "Er war schon halb oben", berichtet Tayler. Einer der Passagiere rief: "Piraten!"

Die anderen zögerten nicht, griffen, was sie zu fassen kriegten. "Wir haben sofort angefangen, die Tische und Stühle auf das Seil zu werfen", sagt Tayler. Ein Wurf traf den Piraten am Seil voll, er stürzte in die Tiefe, das Boot drehte ab, erinnert sich Tayler.

Minutenlang sei es zwischen Passagieren und den Piraten hin- und hergegangen, sagt Tayler. Plötzlich eröffneten die Piraten das Feuer, drei Salven zählte Tayler, mit je 25 bis 30 Schüssen.

Immer wieder näherte sich demnach das Piratenboot, verschwand unter dem Heck des Schiffes, tauchte wieder auf. Tayler und seine Mitstreiter warfen weiter Stühle, trotz der Schüsse. Ein Passagier wurde von einem Schuss ins Bein getroffen, eine Kugel streift ein Crewmitglied am Kopf - was der Darstellung des Kapitäns Ciro Pinto, es habe "keine Verletzten" an Bord gegeben, widerspricht. Erst nach sechs bis acht Minuten tauchten die bewaffneten Sicherheitsleute endlich auf.

Augenzeuge Rolf R.*, der SPIEGEL ONLINE am Wochenende von dem Übergriff berichtet hatte, und auch Jules Tayler sind sich sicher, dass nur das Werfen von Stühlen und Tischen das Schiff gerettet hat. Wenn der Pirat am Seil das Deck erreicht hätte, hätte er mit nur wenigen Schritten die rund 600 Passagiere in seine Gewalt bringen können, die weiter vorne einem Klassik-Konzert lauschten, sagt Rolf R. "Die Crew war total überfordert, keiner wusste, wie man Alarm auslöst", berichtet der in Südafrika lebende britische Fahrgast Tayler.

MSC-Chef Vago drückt es etwas anders aus: "Die Passagiere haben die Angreifer behindert, verscheucht wurden sie von den Schüssen unserer Sicherheitsleute."

Kapitän Pinto, von der Presse als Held gefeiert, berichtete seinen Mitreisenden am Montagmorgen von den Details des Angriffs. Über die Passagiere machte er sich fast ein bisschen lustig. "Mit Stühlen und Tischen hält man doch keine bewaffneten Piraten ab", sagte er vor allen Kreuzfahrt-Teilnehmern. "Nur die vorbildliche Arbeit seiner Crew und von ihm selbst sollen für das Abwehren der Piraten gesorgt haben", erinnert sich Kreuzfahrtgast Rolf R. an den Vortrag des Kapitäns. Pinto habe sich regelrecht gesonnt in seiner Rolle als Held.

* Der Name wurde geändert und gekürzt, da die Familie nicht identifiziert werden möchte



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