Angriff auf "heute-show"-Team "Woher kommt diese Wut, die meine Leute da abbekommen haben?"

Prellungen am ganzen Körper, Schnittwunden im Gesicht: Ein Kamerateam der "heute-show" wurde in Berlin brutal attackiert. Harald Ortmann, Chef der Produktionsfirma, über den Angriff und eine neue Dimension der Bedrohung in seinem Beruf.
Ein Interview von Julia Stanek

SPIEGEL: Herr Ortmann, das Kamerateam, das am 1. Mai für die ZDF-Satiresendung "heute-show" in Berlin unterwegs war und brutal von Vermummten angegriffen wurde, arbeitet für Sie. Wie geht es Ihren Kollegen?

Ortmann: Fünf Mitarbeiter haben schwere Verletzungen erlitten - unter anderem Prellungen am ganzen Körper und Schnittwunden im Gesicht. Sie durften das Krankenhaus zwar wieder verlassen, müssen aber noch zu Nachuntersuchungen.

SPIEGEL: Körperliche Verletzungen sind eine Sache. Was macht so eine Attacke mit der Psyche?

Ortmann: Ohne Vorwarnung so angegriffen zu werden, muss ein Schock sein. Ich habe meinen Mitarbeitern geraten, in der nächsten Zeit gut in sich hineinzuhören, um alles zu verarbeiten. Das ist wichtig. Es ist damit zu rechnen, dass sie beim nächsten Drehtermin Angst vor einer ähnlichen Situation bekommen.

SPIEGEL: Gilt diese Befürchtung nur für die Kollegen, die jetzt direkt betroffen waren?

Ortmann: Nein, auch andere TV-Journalisten, die den Fall verfolgen und uns ihre Solidarität ausgesprochen haben, machen sich Sorgen.

SPIEGEL: Wie viel Risiko muss ein Journalist einzugehen bereit sein, wenn er am 1. Mai auf einer Demonstration in Berlin filmt?

Ortmann: Wir haben es hier nicht mit Kriegsberichterstattung zu tun. Reporter in Krisengebieten setzen sich mit dem besonders großen Risiko für Leib und Leben auseinander, das ihre Arbeit mit sich bringt. Aber unsere TV-Produktion schickt keine Leute in Krisengebiete. Muss ich meinen Mitarbeitern jetzt ernsthaft vor einem Dreh sagen, dass sie sich besser schon mal von ihren Familien verabschieden sollen - für den Fall, dass sie nicht wiederkommen? Das mag jetzt überzeichnet sein. Aber wenn wir die Entwicklung weiterdenken, dann muss man ganz klar sagen: Das hat mit Pressefreiheit dann nichts mehr zu tun.

SPIEGEL: Sie sagen, es sei keine normale Prügelei gewesen. Wie ordnen Sie den Vorfall ein?

Ortmann: Der Angriff hatte eine neue Qualität. Die Täter haben mit Gegenständen auf das Team eingeschlagen. Die Brutalität, mit der unserem Tonassistenten ins Gesicht getreten wurde, zeigt: Da hat jemand das Risiko in Kauf genommen, dass ein Mensch schwere Schäden davonträgt - oder nicht überlebt. Die Sache ist eskaliert.

SPIEGEL: Bundesinnenminister Horst Seehofer sagt, die Sicherheitsbehörden müssten Medienvertreter besser schützen, auch auf Demonstrationen. Hätte das Ihren Leuten geholfen?

Ortmann: Unsere Teams sind seit einigen Jahren bei bestimmten Veranstaltungen mit Security ausgestattet - es begann mit den Pegida-Demonstrationen. Wenn wir unsere Leute nun aber mit immer mehr Sicherheitspersonal beschützen müssen, dann wird es irgendwann schwer, die Wahrheit abzubilden. Wir wollen als Reporter die Realität nicht beeinflussen, sondern beobachten und berichten. Das geht aber nicht, wenn man mit einer Hundertschaft irgendwo aufkreuzt. Das wäre absurd. Und außerdem nicht finanzierbar.

SPIEGEL: Was für Drehtermine machen Ihnen Sorgen?

Ortmann: Kamerateams werden inzwischen nicht mehr nur auf Demonstrationen angegangen. Auch wenn man rund um Parteitagungen oder andere Großveranstaltungen filmt, werfen uns Leute absurde Dinge an den Kopf - das ist schon verbal manchmal schwer auszuhalten, aber wenn das in Gewalt übergeht, sind Grenzen wirklich überschritten.

SPIEGEL: Warum wurde Ihr Team am Freitag eigentlich angegriffen? Die Deutsche Presse-Agentur schrieb unter Berufung auf Ermittler, die Täter kämen aus dem linken Spektrum.

Ortmann: Die Motive sind noch unklar, die Ermittlungen laufen. Es wird zwar in den sozialen Medien viel über die politischen Hintergründe spekuliert und gemutmaßt. Ich persönlich kann mir jedoch auch vorstellen, dass die Absichten nicht einem bestimmten Lager zuzuordnen sind.

SPIEGEL: Wie kommen Sie darauf?

Ortmann: Es war überhaupt nicht erkenntlich, für wen wir gedreht haben - das Kamerateam hatte zum Beispiel keinen Popschutz mit ZDF-Logo dabei oder ähnliches. Ich glaube nicht, dass es ein gezielter Anschlag auf die "heute-show" war. Möglicherweise hat sich die Aggression gegen die Presse als solche gerichtet. Und das ist umso erschreckender.

SPIEGEL: "Freie Medien müssen ihren Job in unserer freiheitlichen Demokratie ohne Angst machen können", schrieb der Bundestagsabgeordnete und Grünenpolitiker Kai Giehring nach dem Angriff auf Twitter. Wird Ihre Arbeit künftig von Angst geprägt sein?

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Ortmann: Ich hatte in den vergangenen zwei Nächten schon ein übles Gefühl. Woher kommt diese Wut, die meine Leute da abbekommen haben? Wenn sich Teile der Bevölkerung so gegen Mitbürger richten - und gegen die Presse im Speziellen -, dann bereitet mir das massiv Sorgen. Es gibt offenbar Menschen, die Spaß an Adrenalin fördernden Situationen haben - auch wenn sie lebensgefährlich und verwerflich sind.

SPIEGEL: Es gefährdet auch die Demokratie, wenn Journalisten nicht frei ihrem Job nachgehen können.

Ortmann: Ja. Nicht nur die Politiker, sondern jeder Einzelne ist gefordert, in seinem Umfeld für freiheitliche Werte einzutreten. Mir fällt es auch manchmal schwer, Menschen, die radikale Thesen vertreten, konsequent Argumente entgegenzuhalten. Aber nach diesem Ereignis ist mir umso klarer: Die Demokratie ist es wert, dass wir uns gegen Gewalt wehren. Das erfordert Mut und einen klaren Geist.