Angriff auf Schule in Ansbach Lehrer und Polizisten fordern Amok-Warnsystem

Die Bluttat von Ansbach hat eine Debatte über Schulsicherheit entfacht: Die Polizeigewerkschaft fordert ein Frühwarnsystem gegen Amokläufer - und warf der Regierung schwere Versäumnisse vor. Lehrer plädieren für spezielle Alarmsignale in Schulen, die vor Gewalttätern warnen.
Angriff auf Schule in Ansbach: Lehrer und Polizisten fordern Amok-Warnsystem

Angriff auf Schule in Ansbach: Lehrer und Polizisten fordern Amok-Warnsystem

Foto: MICHAEL DALDER/ REUTERS

Ansbach - Nach dem erneuten Amoklauf an einer Schule kritisiert die Deutsche Polizeigewerkschaft große Versäumnisse bei der Schulsicherheit. "Die schreckliche Tat von Ansbach belegt leider einmal mehr, dass Deutschlands Schulen keine sicheren Orte sind", sagte Gewerkschaftschef Rainer Wendt der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Wir brauchen endlich ein flächendeckendes Frühwarnsystem."

Trotz aller politischen Versprechen nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden fehlten aber nach wie vor Schulpsychologen und Sozialarbeiter, die Probleme frühzeitig erkennen könnten. "In jede Schule in Deutschland gehören mindestens ein Sozialarbeiter und ein Psychologe", forderte Wendt. "Die Landesregierungen müssen endlich ihre Hausaufgaben machen und massiv in die Schulsicherheit investieren, statt nach jedem Amoklauf mit Rufen nach schärferen Gesetzen von ihren großen Versäumnissen in der Schulpolitik abzulenken."

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, sprach sich für "flächendeckende Schulungen von Klassensprechern aus, um sie für mögliche Probleme und Außenseiter in ihren Klassen zu sensibilisieren". In den Schulen müsse man "eine Kultur des Hinsehens etablieren". Außerdem müsse die Zahl der Schulpsychologen in einem ersten Schritt verdoppelt werden. Derzeit müsse ein Psychologe im Schnitt 10.000 Schüler betreuen. "Das kann nicht funktionieren."

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Ansbach: Amoklauf am Carolinum

Foto: Matthias Schrader/ AP

Trotz gegenteiliger Ankündigungen aus der Politik habe sich die Versorgungsquote in den vergangenen Jahren kaum verbessert, kritisierte Kraus. Mittelfristig müsse zudem jede der 42.000 deutschen Schulen auf einen Schulsozialarbeiter zurückgreifen können.

Angriff mit Brandsätzen und Axt

Der in Ansbach lebende Schüler Georg R. war am Donnerstagmorgen mit einer Axt, Messern und drei Molotow-Cocktails in das traditionsreiche Gymnasium Carolinum gestürmt.Jeweils einen Brandsatz warf der 18- Jährige in eine neunte und eine elfte Klasse im dritten Stock. Es gab mehrere Verletzte. Eine Elftklässlerin schwebte in Lebensgefahr, nachdem ihr der Täter mit der Axt auf den Kopf geschlagen hatte. Zudem erlitt eine Neuntklässlerin schwere Brandwunden.

Elf Minuten nach dem ersten Notruf überwältigten ihn Polizisten, nachdem sie R. mit fünf Schüssen aus einer Maschinenpistole getroffen hatten. Der Zustand des Täters galt zunächst als kritisch. Die Staatsanwaltschaft beantragte Haftbefehl wegen versuchten Mordes. In seinem Zimmer hätten die Ermittler Briefe gefunden, in denen von einer bevorstehenden Apokalypse die Rede war, berichtete der Bayerische Rundfunk.

Der junge Mann war zuvor noch nie strafrechtlich in Erscheinung getreten. Die Polizei will am Freitag Eltern, Mitschüler und Lehrer des 18 Jahre alten Täters vernehmen. Sollte der Abiturient gesundheitlich dazu in der Lage sein, werde auch er zu den Motiven und Hintergründen seiner Tat befragt, sagte ein Polizeisprecher.

"Schneller als in Winnenden"

Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, plädiert mit Blick auf die Bluttat für Notfallpläne für Schulen. In einem Interview der Nachrichtenagentur ddp zeigte er Verständnis für die Forderung nach schärferen Sicherheitsvorkehrungen. So könnte beispielsweise im Falle zukünftiger Amokläufe über Lautsprecher ein verschlüsseltes Warnsignal abgegeben werden. Auch Videokameras seien denkbar. Das Wichtigste sei jedoch die Prävention bereits im Vorfeld einer Gewalttat.

Wenzel warnte davor, den Vorfall zu instrumentalisieren. Er forderte eine grundlegende Diskussion in Politik und Gesellschaft über die Rolle der Schule. Diese müsse mehr als eine Bildungseinrichtung sein, nämlich eine "Wohlfühleinrichtung".

Der BLLV-Präsident zollte den beteiligten Lehrern und Schülern in Ansbach großen Respekt. "Ich finde es vorbildlich, wie die Lehrer und Schüler reagiert haben." Wann die Schule wieder zum normalen Betrieb zurückkehren könnte, wollte er nicht prognostizieren. Allerdings könne er sich vorstellen, "dass es schneller geht als in Winnenden", sagte Wenzel.

Auch die Sicherheitsmaßnahmen am Carolinum dürften nun in der Diskussion stehen. Schüler hatten kritisiert, dass zwar ein Feueralarm zu hören gewesen sei, sie aber nicht über einen Amoklauf informiert wurden. "Nicht auszudenken ist, wenn Lehrer und Schüler die Klassenzimmer verlassen und dem Amokläufer ins Schussfeld geraten", teilte die innenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Helga Schmitt-Bussinger, mit. Ob im konkreten Fall richtig gehandelt worden sei, müsse anhand des Notfallplans der Schule überprüft werden.

amz/ddp/dpa
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