Angriff in Ludwigshafener Schule Täter besaß ein Dutzend Schreckschusswaffen

Bewaffnet mit einer Schreckschusspistole und einem Kampfmesser stürmte Florian K. in seine frühere Berufsschule, tötete einen Lehrer. Sein Motiv: Wut über schlechte Noten. Nach SPIEGEL-Informationen wurden in der Wohnung des 23-Jährigen zahlreiche Schreckschusswaffen gefunden.
Angriff in Ludwigshafener Schule: Täter besaß ein Dutzend Schreckschusswaffen

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Ludwigshafen: Großeinsatz an Berufsschule

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Ludwigshafen - Sie hatten gerade Mathe, als der Alarm losschrillte. Brandalarm. Ohne Vorankündigung, also scheinbar keine Übung, beschreibt eine 23-Jährige angehende Physiklaborantin die Situation. Die knapp 2000 Schüler verließen das Gebäude, die Lehrer versuchten Ordnung zu halten. Unten standen Polizeiwagen, Feuerwehr. Es herrschte Aufregung. "Es ging gleich los", sagt die junge Frau in dem grünen Parka. "Gerüchte gingen um, es gebe eine Bombendrohung, es gebe einen Amoklauf."

Die Stimmung war beängstigend. Polizisten mit Maschinenpistolen stürmten ins Gebäude der Berufsbildende Schule Technik 2 in Ludwigshafen. "Manche Schüler haben geweint, saßen auf dem Boden", erklärt der 19-Jährige Janis Seel. "Es war komisch nicht zu wissen, was los ist", sagt seine Mitschülerin. Der Amoklauf von Winnenden, bei dem über ein Dutzend Schüler und Lehrer umkamen, ist noch nicht einmal ein Jahr her.

Drinnen in der Schule durchkämmen derweil Beamte das Gebäude. Sie suchen einen jungen Mann, der mit einer Schreckschusspistole und einem Outdoor-Messer durch die Gänge streift, wieder und wieder schießt. Als er ihnen tatsächlich gegenübersteht, ziehen sie sofort die Waffen, fordern ihn auf, aufzugeben. Er wehrt sich nicht, lässt sich festnehmen.

Doch für einen Lehrer kommt jede Hilfe zu spät. Der 58-Jährige, der Malen und Lackieren unterrichtete, ist tot. Die Beamten finden ihn niedergestochen, auf einer Treppe in einem Nebengebäude, in dem die Werkstätten liegen. Noch am Tatort erliegt er seinen schweren Verletzungen.

Suche nach Erklärungen

Am Nachmittag ist man in Ludwigshafen auf der Suche nach Erklärungen. Hätte man die furchtbaren Pläne des jungen Mannes, der als Florian K. identifiziert wurde, erahnen können - oder gar müssen? Bislang gibt es nur ungenaue Angaben über den 23-Jährigen. In den Vernehmungen gab er an, die Berufsschule 2004 verlassen zu haben. Ob mit oder ohne Abschluss, ist derzeit noch unklar. Derzeit sei K. in einer berufsfördernden Maßnahme tätig, heißt es am Nachmittag bei der Pressekonferenz.

Allerdings gibt es Hinweise, dass er sich vor der Tat im Internet in einschlägigen Amok-Foren "bewegt haben könnte", wie Oberstaatsanwalt Lothar Liebig eingesteht. Nach SPIEGEL-Informationen fand die Polizei bei dem Jugendlichen zu Hause ein Dutzend weitere Schreckschusswaffen in einem Tresor. Offenbar war der Ludwigshafener der Polizei auch bekannt, weil er vor einigen Jahren seinen Selbstmord im Internet ankündigte. Beamte hätten ihn von dem Vorhaben aber abbringen können, heißt es.

In den Vernehmungen sagte er aus, er habe seinen Lehrer aus Wut getötet - weil der ihm in der Vergangenheit unangemessen schlechte Noten gegeben habe.

Die Notfall-Handys waren bestellt - aber noch nicht geliefert

Doch es gibt weitere Fragen, die sich die Ludwigshafener nach diesem Tag stellen: Warum ereignete sich die Tat ausgerechnet an dieser Schule? Warum traf es ausgerechnet diesen Lehrer? "Er war streng, aber nett", sagt Janis Seel über das Opfer. " Er konnte auch mal Quatsch machen." Auch die Atmosphäre an der Schule sei "locker" gewesen, sagt ein ehemaliger Schüler, der noch am Mittag sichtlich erschüttert vor dem hellgrauen Kastengebäude steht. "Besser als an anderen Schulen", sagt der 20-Jährige mit der hellen Wollmütze und dem Piercing in der Lippe.

Auch Bürgermeister Wilhelm Zeiser ist sichtlich erschüttert. Im dunkelblauen Anzug sitzt er am Nachmittag im Polizeipräsidium bei einer ersten Pressekonferenz, findet kaum Worte für das, was passiert ist. "Bedauerlich ist dieser Vorfall", sagt er. Es sind nicht gerade die besten Worte für so einen Tag. Aber man muss Zeiser nur ins Gesicht sehen, um sie richtig zu verstehen. Wer denke schon, dass so etwas in der eigenen Stadt passiere, fragt er.

Es ist nicht so, dass man nicht vorbereitet war in Ludwigshafen. Die Polizei habe alle Schulen für den Ernstfall beraten, beteuert Zeiser. "Individuell nach den Raumverhältnissen", fügt der Polizeiführer der Aktion, Franz Leidecker hinzu. Es gab sogar einen Plan, Lehrer mit speziellen Notfall-Handys auszustatten. Bei Knopfdruck geben sie einen stillen Alarm an die Kollegen ab, auf einer speziellen Frequenz. Die Geräte seien schon bestellt gewesen, sagt Zeiser. "Aber noch nicht ausgeliefert."

K. selbst löste den Feueralarm aus

Besonders erschütternd ist, dass Florian K. es gezielt auf seinen früheren Lehrer abgesehen hatte. Nach bisherigem Kenntnisstand der Polizei ging K. direkt in das Nebengebäude, in dem die Werkstätten untergebracht waren. Erst nachdem er den Pädagogen auf der Treppe niedergestochen hatte, ging er ins Hauptgebäude der Schule.

Dort lief er durch die Stockwerke, feuerte noch ein paar Schüsse ab und zündete dann ein bengalisches Feuer, das ein Lehrer aber austrat. Daraufhin hat K. offenbar selbst den Feueralarm ausgelöst.

Wollte er Schüler und Lehrer aus den Klassenräumen locken? Bei dem anschließenden Durcheinander jedenfalls attackierte der junge Mann noch einen weiteren Lehrer und schoss auf den Schulleiter, wie die Beamten später berichteten.

Sein Ziel aber hat K. offensichtlich nicht erreicht: Er habe noch weitere Lehrer im Visier gehabt, erklärte er in ersten Vernehmungen.

Trotzdem weiß Bürgermeister Zeiser, dass sie jetzt wieder losgehen wird: Die Diskussion, ob man die Tat hätte verhindern können. Man könne "noch so viel Präventionsarbeit" leisten, erklärte er deshalb am Nachmittag - wenn jemand noch nie straffällig geworden sei, seien solche Katastrophen kaum zu verhindern.

Man stehe erst am Anfang der Ermittlungen, betonen Staatsanwaltschaft und Polizei am Nachmittag. Vor allem aber steht die Stadt erst ganz am Anfang der Aufarbeitung. Viele Schüler werden psychologisch betreut, der Unterricht wird erst am Montag wieder aufgenommen.

Janis Seel ist nach der Bluttat gleich nach Hause gegangen - und dann zu seiner Freundin. Hat er Angst, wieder in die Schule zu gehen? "Angst nicht gerade", sagt er etwas unschlüssig. "Es ist halt komisch." Vielleicht richte man ja jetzt höhere Sicherheitsmaßnahmen ein, erklärt er. Ob K. das hätte aufhalten können, ist freilich fraglich.