Angriffe auf Sanitäter Wenn Patienten plötzlich zuschlagen

Gewalt gehört für Rettungsdienstmitarbeiter inzwischen zum Alltag. Welch dramatisches Ausmaß das Phänomen angenommen hat, zeigt nun eine Studie des Roten Kreuzes.
Rettungsdienstmitarbeiter in Freiburg

Rettungsdienstmitarbeiter in Freiburg

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Rücken Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn aus, schießt der Adrenalinspiegel der Retter nicht nur wegen der rasanten Fahrt in die Höhe. Viele Rettungsdienstler machen sich auch Gedanken, was ihnen ganz persönlich am Einsatzort widerfahren könnte. Denn die Helferinnen und Helfer sehen sich seit Jahren Situationen ausgesetzt, in denen sie um die eigene körperliche Unversehrtheit fürchten müssen. Fast alle haben schon Attacken erlebt. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat nun untersucht, wie die Helfer angegangen werden.

Die größte Überraschung: Die Täter sind in fast vier Fünfteln der Fälle die Patienten selbst. In 42,6 Prozent der Fälle waren (auch) Freunde der Patienten beteiligt, in 40,7 Prozent (auch) Angehörige der Patienten. Mehrfachnennungen waren möglich. Das geht aus der Studie des DRK hervor, für die Angaben von 425 Mitarbeitern von DRK-Rettungsdiensten ausgewertet worden sind. Die Untersuchung liegt dem SPIEGEL vor.

Die Fragebögen wurden zwischen August und November 2019 eingesammelt und bezogen sich auf ein Jahr. Ziel der Untersuchung war es, einen Überblick über die Art der Angriffe zu erlangen. Die häufigsten Taten waren demnach Beschimpfungen und Beleidigungen (91,1 Prozent), gefolgt von Gewaltandrohungen (55,3 Prozent). Der Anteil der tätlichen Übergriffe betrug 14,4 Prozent. Verbale Gewalt wie Beleidigungen und Beschimpfungen kommen bei fast jedem fünften Befragten (18,4 Prozent) sogar jede Woche vor. Darüber hinaus war im Beobachtungszeitraum von zwölf Monaten an der Tagesordnung: Einschüchterung (40 Prozent), Schlagen/Treten (32,7 Prozent), Schubsen (31,5 Prozent), Anspucken (29 Prozent), Beißen/Kratzen (12 Prozent), verbale sexuelle Belästigung (10,6 Prozent), Androhung von Waffengewalt (4,7 Prozent) oder sexuelle Belästigung (3,1 Prozent).

DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt sagt dazu: »Die Ergebnisse sind erschreckend. Wir müssen leider feststellen, dass Beleidigungen, Beschimpfungen und auch körperliche Übergriffe mittlerweile zum Alltag im Rettungsdienst gehören.« Hasselfeldt spricht sich dafür aus, Rettungsdienstmitarbeiter noch besser für solche Situationen zu schulen und Straftäter konsequent zu verfolgen.

Übergriffe in Innenstädten sind am häufigsten

Die Gewalttaten passieren keinesfalls nur in Großstädten oder an sozialen Brennpunkten. Ein Großteil ereignete sich in mittelgroßen Städten, gefolgt von Kleinstädten. Das kann jedoch auch an der Methodik der Untersuchung liegen. In vielen Großstädten übernimmt vor allem die Berufsfeuerwehr die Notfallrettung – befragt wurden aber nur Mitarbeiter des DRK. Auch ist die Untersuchung nicht repräsentativ, weil die Teilnehmer freiwillig und möglicherweise beeinflusst von Vorerfahrungen teilnahmen. Die Autoren geben zu bedenken, dass es zu einer Überschätzung der Gewalterfahrung gekommen sein kann.

Am häufigsten waren demnach Übergriffe in Innenstädten (52,2 Prozent), gefolgt von sozial problematischen Vierteln (51,8 Prozent) und Großveranstaltungen sowie bürgerlichen Wohngegenden (je 47,1 Prozent). Meistens kam es zu Problemen während der Behandlung und direkt nach dem Eintreffen des Rettungsdienstes. Einsätze abends und nachts scheinen deutlich gefährlicher für das Personal als Fahrten am Morgen oder tagsüber. Nicht immer richtete sich die Gewalt gegen die Helfer, sondern immer wieder auch gegen das Einsatzfahrzeug oder Ausrüstungsgegenstände.

Die Ergebnisse der DRK-Untersuchung passen zu bereits bekannten Analysen aus dem Bereich. Auch Mitarbeiter des Rettungsdienstes werden offenbar von Teilen der Bevölkerung als Vertreter einer staatlichen Institution gesehen, die sie nicht akzeptieren wollen. Im Fall des DRK ist das besonders abwegig, da es sich um eine unabhängige, gemeinnützige Hilfsorganisation handelt. Die Einsatzkleidung schützt nicht vor Gewalt. Das baden-württembergische Innenministerium teilte mit , dass im Vergleich zu 2011 Rettungsdienst- und Feuerwehrkräfte im Jahr 2019 mindestens dreimal häufiger attackiert worden seien.

Die Autoren der aktuellen DRK-Analyse fordern eine zusätzliche Schulung des Personals in Deeskalation, Kommunikation und Selbstschutz. Einsatzlagen, etwa Feste mit vielen alkoholisierten Besuchern, sollten frühzeitig identifiziert werden als Orte, an denen Gewalt droht. Vor allem aber: Die Dokumentation von Gewalttaten gegen Rettungskräfte sollte konsequent erfolgen – und deren Weiterleitung an Strafverfolgungsbehörden. 15,7 Prozent der DRK-Retter gaben an, keine Anzeige nach einem Übergriff erstattet zu haben, weil sie ohnehin davon ausgingen, dass das Verfahren aussichtslos sei und eingestellt werden würde.