Angst vor Piraterie Russland sucht verschwundenen Frachter "Arctic Sea"

Rätsel um die "Arctic Sea": Das letzte Zeichen des Frachters gab es Ende Juli in der Nordsee, seither ist er verschollen. Russland lässt jetzt mit Marine-Patrouillen nach dem Schiff suchen, die britische Küstenwache wähnt es womöglich in der Gewalt von Piraten - mitten in europäischen Gewässern.


Moskau/London - Den letzten Funkkontakt zur "Arctic Sea" hatte die Küstenwache am 28. Juli. Seitdem fehlt von dem Frachter, der unter maltesischer Flagge für eine finnische Rederei Holz nach Algerien bringen sollte, jede Spur.

Wo ist das Schiff?

"Arctic Sea": Ist der Frachter in den Händen von Piraten?
AFP

"Arctic Sea": Ist der Frachter in den Händen von Piraten?

Die britische Küstenwache befürchtet, dass der Frachter in die Hände von Piraten geraten sein könnte. Zuletzt meldete sich die "Arctic Sea" in Dover, um den Ärmelkanal zu passieren. "Wir wussten nicht, ob wir mit der Besatzung sprachen oder womöglich mit den Entführern", sagte Mark Clark, Sprecher der britischen Küstenwache. "Niemand von uns kann sich an etwas Vergleichbares in der Vergangenheit erinnern."

Das Schicksal des verschollenen Frachters und seiner 15-köpfigen russischen Besatzung hält die Regierung in Moskau in Atem. Der russische Präsident Dmitrj Medwedew beauftragte am Mittwoch seinen Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow, alles in Bewegung zu setzen, um den Frachter "wiederzufinden und - wenn nötig - zu befreien".

Wie russische Nachrichtenagenturen weiter meldeten, sind bei der Suche außer Marine-Patrouillen auch Radargeräte und satellitengestützte Überwachungssysteme im Einsatz.

Die "Arctic Sea" hat finnisches Holz mit einem geschätzten Wert von 1,16 Millionen Euro geladen. Zielhafen war die algerische Küstenstadt Béjaia, wo der Frachter am 4. August eintreffen sollte.

Ungeklärt ist weiterhin, was sich zuvor mit dem Frachter in der Ostsee abgespielt hatte. Interpol informierte die britischen Behörden darüber, dass der Frachter am 24. Juli in schwedischen Gewässern von maskierten Männern geentert wurde. Nach Informationen des russischen Marine-Newsletters "Sowfracht" hielten sich die Angreifer rund zwölf Stunden an Bord auf und suchten etwas, verschwanden dann aber wieder, ohne etwas mitzunehmen.

Inzwischen hat der Kapitän des von somalischen Piraten gekaperten Frachters "Hansa Stavanger" angekündigt, vorerst nicht mehr zur See fahren zu wollen. Er müsse erst wieder "der alte Kapitän" werden, sagte Krzysztof Kotiuk am Mittwoch in München. Im Moment würde er nach eigener Einschätzung in jedem Fischerboot ein Piratenschiff sehen. "Ich könnte etwas Falsches machen, die falschen Befehle geben." Daher werde er "nicht so schnell" wieder zur See fahren. Er hoffe aber, dass alles wieder in Ordnung komme "und ich wieder zurück zur See kann", sagte der 60-Jährige.

Kotiuk war am Dienstag nach viermonatiger Geiselnahme zu seiner Frau nach München zurückgekehrt. "Ich freue mich, dass ich wieder bei meiner Familie sein kann", betonte er. "Ich habe gedacht, ich komme nicht mehr zurück." Die Geiselhaft sei für ihn "psychisch eine ganz große Belastung" gewesen, denn die ganze Last habe auf seinen Schultern gelegen: Zum einen habe sich der ganze Druck und Terror der Piraten auf ihn konzentriert, zum anderen habe er seine Crew betreuen müssen. 15 Kilogramm habe er in Gewalt der Piraten abgenommen.

Nach diesem enormen Stress brauche er jetzt viel Ruhe und Erholung. Das Bundeskriminalamt habe ihm versprochen, ihm eine Woche Ruhe zu gewähren. Dann werde er bei den Ermittlungen mithelfen müssen: "Das ist das Schwerste für mich."

Die am 4. April rund 400 Seemeilen östlich von Mombasa von somalischen Piraten gekaperte "Hansa Stavanger" der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg war vor mehr als einer Woche wieder freigekommen. Die Seeräuber sollen 2,75 Millionen Dollar Lösegeld erhalten haben. Unter den 24 Besatzungsmitgliedern waren fünf Deutsche.

hen/ddp/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.