Anna-Maria Ferchichi als Zeugin vor Gericht Die Frau, bei der Arafat Abou-Chaker sein Schweigen bricht

Anna-Maria Ferchichi hat erneut im Prozess gegen Arafat Abou-Chaker ausgesagt. Sie brachte den Angeklagten in Rage – und berichtete von ihrer offenbar turbulenten Ehe mit Bushido.
Angeklagter Arafat Abou-Chaker (Archivbild vom 11. November 2020 in Berlin): Drei seiner Brüder sitzen mit ihm auf der Anklagebank

Angeklagter Arafat Abou-Chaker (Archivbild vom 11. November 2020 in Berlin): Drei seiner Brüder sitzen mit ihm auf der Anklagebank

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Olaf Wagner / imago images/Olaf Wagner

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Anna-Maria Ferchichi sitzt auf der vorderen Kante des Stuhls. Ihre Unterarme hat sie auf den Tisch gestützt, Oberkörper und Kopf weit nach vorn gebeugt. Die Frau von Bushido ist ungeduldig. Die Fragen der Verteidigung returniert sie meist, noch bevor sie formuliert sind. »Kann ich vielleicht meine Frage zu Ende stellen?«, fragt Arafat Abou-Chakers Verteidiger mehr als einmal. Kann er selten.

Die 40-Jährige ist eine impulsive Frau, temperamentvoll. Da geht es ihr ganz ähnlich wie Arafat Abou-Chaker. Auch der 45-Jährige kann an diesem Mittwoch im Saal 500 des Landgerichts Berlin schwer an sich halten. Und so kommt es zu einem kleinen Dialog zwischen der Zeugin und dem eigentlich schweigenden Angeklagten.

»Warum äußerst du dich nicht?«

Es geht um Sary H., einen Freund von Anna-Maria und Anis Ferchichi, wie Bushido mit bürgerlichem Namen heißt. Der Freund hatte zuletzt selbst als Zeuge im Prozess ausgesagt. Anna-Maria Ferchichi erzählt, dass Arafat Abou-Chaker 2018 den Vater des Freundes kontaktiert habe, damit Sary H. nicht gegen ihn aussage. Die Oberstaatsanwältin fragt, woher sie davon wisse. Sary H. habe ihr davon berichtet, sagt Anna-Maria Ferchichi. Abou-Chaker lacht spöttisch auf – und vergisst zu schweigen.

»Warum hast du es nicht aufgenommen?«, ruft er. Abou-Chakers Neigung, Gespräche mit seinem Handy aufzunehmen, ist mittlerweile bekannt. Und auch Anna-Maria Ferchichi berichtet davon, schon einmal ein Gespräch mitgeschnitten zu haben.

Auf Abou-Chakers Zuruf reagiert sie ohne zu zögern. »Warum äußerst du dich nicht?«, kontert sie. »Kommt noch«, sagt Abou-Chaker. »Dann mach doch mal«, setzt sie nach. Der Vorsitzende Richter beendet das Intermezzo.

Noch schweigt der Mandant

Auch außerhalb des Saals deutet Abou-Chaker immer wieder an, dass er sich eines Verhandlungstages äußern wolle. Ob seine Verteidiger das für eine gute Idee halten, ist fraglich. Noch schweigt ihr Mandant, so gut er kann. Arafat Abou-Chaker muss sich seit August 2020 wegen Freiheitsberaubung, versuchter schwerer räuberischer Erpressung, Nötigung, gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung vor Gericht verantworten. Drei seiner Brüder sitzen mit ihm auf der Anklagebank. Ihr Opfer soll laut Anklage der Rapper Bushido sein.

Es ist der letzte Tag der Aussage seiner Frau. Anna-Maria Ferchichi berichtet erneut, wie sehr es Bushido belastet habe, dass Arafat Abou-Chaker die geschäftliche Trennung nicht akzeptiert habe. Sie wiederholt, dass ihr Mann seit Herbst 2017 immer wieder versucht habe, sich mit Abou-Chaker zu einigen. »Er dachte – bisschen bescheuert – wirklich, sie werden sich einig«, sagt sie, »aber Arafat wollte sich einfach nicht trennen.«

Sie erzählt noch einmal, dass sie Bushido im Januar 2018 außer Landes geschickt habe, nachdem Arafat Abou-Chaker ihn eingesperrt, angebrüllt und mit Stuhl und Plastikflasche attackiert haben soll. Und dass sie schließlich ohne Bushidos Wissen zur Polizei gegangen sei.

Die Verteidigung versucht ein ums andere Mal, Details zu erfragen, Widersprüche herauszuarbeiten. Doch Anna-Maria Ferchichi ist schwer zu greifen. Je nach Perspektive ist sie keine einfache oder eine gute Zeugin. Es wirkt, als redete sie einfach drauflos und erzählte, was ihr gerade so einfiele. Etwa dass sie ihrem Ex-Freund, dem früheren Fußballnationalspieler Mesut Özil, einmal ihre Villa in Kleinmachnow – in direkter Nachbarschaft zu Abou-Chaker – zum Kauf angeboten habe.

Trockener Mund, tausend Gedanken

Anna-Maria Ferchichi differenziert in ihrer Aussage vor Gericht kaum zwischen tatsächlicher Erinnerung und Gedanken, die sie heute zu Ereignissen aus der Vergangenheit hat. So wiederholt sie, dass sie »total geschockt« gewesen sei, als sie durch Sary H. von angeblichen Anschlagsplänen Abou-Chakers gegen ihre Familie erfahren habe.

Der Richter will ihre damalige Reaktion genauer wissen. Sie erzählt, wie ihr Körper in derartigen Situationen »immer« reagiere: trockener Mund, zittern, »tausend Gedanken«. Auch scheinbare Widersprüche in ihren Aussagen wischt sie recht unbekümmert beiseite.

Bisher hatte sie es vor Gericht so dargestellt, dass die Trennung Bushidos von Abou-Chaker Ende 2017 sie und ihren Mann zusammengeschweißt habe. Der Zeuge Sary H. sprach vor Gericht zuletzt hingegen davon, dass sich Anna-Maria Ferchichi 2018 von Bushido trennen wollte. Der Vorsitzende Richter hakt bei der Zeugin nach. Hatte sie Trennungsabsichten? »Ja, des Öfteren«, sagt sie. Zwar nicht, wie Sary H. behauptet habe, im Januar 2018, aber im Sommer jenes Jahres. Zuletzt habe sie 2020 über eine Trennung nachgedacht, sagt sie.

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Die Ferchichis scheinen eine recht turbulente Ehe zu führen. »Klar ziehen wir am selben Strang«, sagt Anna-Maria Ferchichi, »trotzdem haben wir wahnsinnige Probleme.« Ihr Mann neige dazu, Dinge mit sich allein auszumachen. Manchmal sei er ihr zu distanziert. »Ich rege mich regelmäßig über meinen Mann auf«, sagt sie. »Ich sage ungefähr zweimal im Jahr, er solle ausziehen.«

An insgesamt fünf Verhandlungstagen hat Anna-Maria Ferchichi vor Gericht ausgesagt. An diesem Tag nun beendet der Vorsitzende Richter ihre Befragung. »Sie sind mit Dank entlassen«, sagt er: »Sie haben es hinter sich.« Es sei denn, schränkt er ein, es ergäben sich irgendwann noch weitere Fragen. Der Prozess ist bislang bis Ende Juni terminiert.

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