Prozess gegen Arafat Abou-Chaker »Er wollte auf Teufel komm raus nicht zur Polizei«

Anna-Maria Ferchichi hat nur wenige Wochen nach der Geburt ihrer Drillinge wieder im Prozess gegen Arafat Abou-Chaker ausgesagt. Vor Gericht gab sich die Frau von Bushido entschlossen – und ungeduldig.
Anis und Anna-Maria Ferchichi (Archiv): Heute leben sie unter Polizeischutz

Anis und Anna-Maria Ferchichi (Archiv): Heute leben sie unter Polizeischutz

Foto: imago

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Sie ist ganz in Schwarz gekleidet, wirkt entschlossen und ungeduldig. Es ist gerade einmal einen Monat her, dass Anna-Maria Ferchichi Drillinge zur Welt gebracht hat. Nun muss die Frau des Rappers Bushido vor Gericht ihre Aussage im Prozess gegen Clanchef Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder vor dem Landgericht Berlin fortsetzen.

Arafat Abou-Chaker soll ihren Mann bedroht und attackiert haben. Er soll nicht akzeptiert haben, dass Bushido 2017 die Geschäftsbeziehung beendete. Die Anklage lautet unter anderem auf versuchte schwere räuberische Erpressung, Nötigung, Freiheitsberaubung und gefährliche Körperverletzung.

»Wie geht es Ihnen?«, fragt der Vorsitzende Richter. »Danke, gut«, sagt die 40-Jährige. »Ein bisschen müde, aber gut.«

Der Richter fragt sie nach dem 18. Januar 2018. An dem Tag soll Arafat Abou-Chaker Bushido im Büro eingesperrt, bedroht und mit einer Plastikflasche und einem Stuhl attackiert haben. Sie erzählt noch einmal, wie aufgelöst ihr Mann danach gewesen sei. Sie habe ihn daraufhin mit einem Freund in den Urlaub geschickt. Dann sei sie zur Polizei gegangen. Ohne sein Wissen.

Es gibt einen polizeilichen Bericht über das Gespräch. Es war am 24. Januar 2018, sechs Tage später. Darin findet sich nichts zu dem angeblichen Vorfall zwischen ihrem Mann und Abou-Chaker. »Das wundert mich«, sagt der Richter.

»Ich wusste, wir schaffen das nicht allein«

Anna-Maria Ferchichi sprudelt über. Sie habe gewollt, dass die Polizei erfahre, dass die Trennung ihres Mannes von Abou-Chaker nicht friedlich verlaufe. Und sie habe gewusst, dass ihr Mann der Polizei nichts über die mutmaßliche Attacke im Büro erzählen würde. »Er hatte kein Rückgrat, er hatte Angst«, sagt sie. »Er wollte auf Teufel komm raus nicht zur Polizei.« Bushido sei »fassungslos« gewesen, als sie ihm erzählte, dass sie bei der Polizei war, »fassungslos und sauer«. Doch auch sie habe Angst gehabt. »Ich wusste, wir schaffen das nicht allein.«

Das Gericht fragt sie auch nach einem anderen Tag. Am 3. September 2018 soll ein Freund, Sary H., bei ihnen zu Hause gewesen sein und sie gewarnt haben. Bushidos Frau sagt, sie erinnere sich daran, wie blass Sary H. gewesen sei. »Er war weiß, er war aufgeregt, sehr nervös.« Er habe sie gebeten, mit ihm auf den Balkon zu gehen. Dort habe er ihr erzählt, ein Cousin von Arafat Abou-Chaker habe gesagt, dass »etwas Großes im Gang« sei. Ihr sei klar gewesen, dass es um »einen Anschlag« gehe. Sie habe furchtbar zu zittern begonnen und eine Zigarette nach der anderen geraucht. Auch der Freund soll Angst gehabt haben. »Er hatte einfach Panik.«

Der Richter fragt, was sie sich denn unter »etwas Großes« vorgestellt habe. »Dass entweder auf mich geschossen wird oder auf meinen Mann«, sagt Anna-Maria Ferchichi.

Ob Bushido bei dem Gespräch dabei war, ob Sary H. vorher oder hinterher mit ihm gesprochen habe, wisse sie heute nicht mehr. Sie wisse auch nicht, welcher Cousin das gesagt haben soll. Nach dem Gespräch habe sie schlaflose Nächte gehabt, »weil ich Angst bekommen habe, weil ich weiß, er ist so niederträchtig, er macht das«. Sie meint Arafat Abou-Chaker.

Ein paar Tage später informierte sie die Polizei. Es sei kein einfacher Schritt gewesen. »Wir wussten, was passiert, wenn wir aussagen«, sagt sie: »Ich bin heute mit Polizeischutz hier.«

Die Oberstaatsanwältin liest ihr Passagen aus der Vernehmung vor. Demnach habe sie damals gesagt, dass der Freund erst mit ihrem Mann und dann mit ihr gesprochen habe. »Kann auch sein«, sagt Anna-Maria Ferchichi. Die Oberstaatsanwältin fragt weiter. Wie hat Sary H. darauf reagiert, als er erfuhr, dass sie zur Polizei gegangen war? »Er fand das nicht gut, gar nicht gut. In den Kreisen geht man nicht zur Polizei.« Er habe gesagt, dass sein Vater nicht wolle, dass er in dieser Sache aussagt. »Ich konnte verstehen, dass er sich einschüchtern ließ.« Dass er sie dennoch gewarnt habe, rechne sie ihm hoch an. Sie sei sicher gewesen, dass die Warnung ernst zu nehmen sei. Und sie beteuert, dass sie »auf gar keinen Fall« irgendetwas missverstanden habe.

»Hamudi quatscht viel«

Das Gericht unterbricht ihre Vernehmung. Bushidos Frau muss an einem anderen Tag wiederkommen. Dann betritt Sary H. den Saal. Er ist 30 Jahre alt und betreibt in Berlin einen Handyladen. Er wirkt angespannt. Sein linker Fuß zuckt unentwegt. An seiner Seite ist eine Anwältin. Vor Gericht erzählt er eine andere Version jenes Tages.

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Ein Bekannter von ihm, Mohamad N., auch bekannt als »Hamudi Wasserkopf«, habe ihm »den Ratschlag« gegeben, er solle sich aus der Angelegenheit zwischen Bushido und Abou-Chaker raushalten. Er habe gesagt, »dass etwas passieren könnte«. Sary H. sagt, er habe das Ganze damals gar nicht ernst genommen. »Hamudi quatscht viel.« Ob Mohamad N. mit den Abou-Chakers verwandt sei, wisse er gar nicht. Mohamad N. selbst hat vor Gericht gesagt, dass er kein Verwandter sei.

Der Zeuge sagt, er sei damals fast jeden Tag zu Bushido gefahren, so auch an jenem Abend. Da habe er Bushido – bürgerlich: Anis Ferchichi – erzählt, was »Hamudi« ihm gesagt habe. »Anis war genervt, weil er auch weiß, dass Hamudi ein Quatscher ist.« Sie hätten nur »ganz kurz« darüber gesprochen. Anna-Maria sei bei dem Gespräch nicht dabei gewesen.

»Eine Aussage kann nicht stimmen. Die Frage ist nur, welche«

»Wie haben Sie sich an dem Tag gefühlt?«, fragt der Richter. »Ganz entspannt«, sagt Sary H. Von Panik kein Wort. Er sei »total genervt« gewesen, als er erfuhr, dass die Polizei davon erfahren habe. Er spricht von einem Missverständnis.

Die beisitzende Richterin fragt den Zeugen, wie gut er Arafat Abou-Chaker und seine Brüder kenne. Ihre Familien kommen aus demselben Dorf im Libanon, sagt Sary H. Schon ihre Väter und Großväter kannten sich. Er selbst habe seit 2018 keinen Kontakt mehr zu den Angeklagten. Auch der Kontakt zu Bushido sei abgebrochen. »Er ist wahrscheinlich sauer, weil ich gesagt habe, das war ein Missverständnis.«

Die Vorsitzende Richter konfrontiert ihn mit Anna-Maria Ferchichis Aussage wenige Stunden zuvor. Und damit, dass ihre Angaben so ganz anders sind als das, was der Zeuge nun sagt.

»Muss ja nicht stimmen«, entgegnet Sary H. »Da haben Sie recht«, sagt der Richter: »Eine Aussage kann nicht stimmen. Die Frage ist nur, welche.«

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