Anschläge in London "Wir wollten uns am Westen rächen"

Die italienischen Fahnder haben heute einen weiteren Terrorverdächtigen festgenommen: den zweiten Bruder des mutmaßlichen Rucksackbombers. Ihm wird vorgeworfen, Beweismaterial vernichtet zu haben. Die "Sunday Times" berichtet, in Großbritannien existiere noch eine dritte intakte Terrorzelle.


Polizist mit Fotografien des Terrorverdächtigen: Umfangreiches Netzwerk in Italien
AFP

Polizist mit Fotografien des Terrorverdächtigen: Umfangreiches Netzwerk in Italien

London/Rom - Der Bruder des mutmaßlichen Attentäters sei in der norditalienischen Stadt Brescia gefasst worden, berichtet die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Der Mann, dessen Name mit Fati Issac angeben wird, soll wichtige Dokumente und Beweismaterial zu dem Fall vernichtet haben. Nach stundenlangen Verhören hätten die Ermittler beschlossen, den Mann zu inhaftieren. Seine ebenfalls verhörte bosnische Freundin sei hingegen freigelassen worden. Zuvor war bereits ein weiterer Bruder in Haft genommen worden: Ramsi Issac, der den aus London flüchtenden Bruder in Rom beherbergt hatte, soll Dokumente gefälscht haben.

Italienischen Angaben zufolge heißt der mutmaßliche Rucksackbomber Hamdi Adus Issac. Der Name Osman Hussein, der nach seiner Verhaftung am Freitagabend genannt worden war, sei eine Tarnung gewesen, hieß es heute.

In Verhören hat Hamdi Adus Issac jede Verbindung zwischen der zweiten Anschlagserie in London und dem Terrornetzwerk al-Qaida bestritten. "Wir wollten nicht töten, wir wollten nur Terror verbreiten", zitierte die Zeitung "La Repubblica" den Briten äthiopischer Herkunft am Sonntag. Wie aus Kreisen der Ermittler verlautete, gab der 27-Jährige an, er habe nicht genügend Sprengstoff bei sich gehabt, um irgendjemanden zu verletzen. Die britische Polizei widersprach allerdings dieser Darstellung. Der Londoner Polizeichef Ian Blair betonte laut der britischen Nachrichtenagentur PA, die Attentäter vom 21. Juli hätten sehr wohl Menschen töten wollen. Die Attentate schlugen vermutlich deshalb fehl, weil die Zünder der Sprengsätze nicht richtig funktionierten.

Die Attentate des 21. Juli seien Rache für die Militäraktionen im Irak gewesen, zitierte "La Repubblica" aus der Aussage. In einem Londoner Fitness-Studio habe "Muktar" - vermutlich ist der mutmaßliche Anführer des Attentäter-Quartetts Muktar Said Ibrahim gemeint - Videos des Irak-Kriegs gezeigt. "Wir haben beschlossen, gegen den Westen loszuschlagen, ums uns zu rächen", zitierte "La Stampa" aus dem Verhör. Mit den Attentätern vom 7. Juli, die 52 Menschen in den Tod gerissen hatten, habe seine Gruppe nichts zu tun, behauptet der Mann.

Die vom Gericht bestellte Anwältin erklärte, ihr Mandant werde sich einer Auslieferung nach Großbritannien vermutlich widersetzen. Bis in dieser Frage eine Entscheidung getroffen werde, könnten allerdings Monate vergehen. Der italienische Innenminister Giuseppe Pisanu sagte vor dem Parlament, der Terrorverdächtige habe bei seiner Flucht aus London am 26. Juli auf ein umfangreiches Netzwerk in Italien zurückgreifen können. Er reiste vermutlich vom Bahnhof Waterloo über Paris nach Rom. Bei einer Razzia in Mailand wurden Pisanu zufolge zahlreiche gefälschte Papiere beschlagnahmt. In Venedig, der Hafenstadt Salerno und etlichen weiteren Städten seien Ermittler im Einsatz.

Der spanische Geheimdienst geht ebenfalls davon aus, dass hinter den jüngsten Londoner Anschlägen eine umfassende Organisation steckt. Geheimdienstchef Alberto Saiz sagte heute in einem Interview mit "El Pais", es gebe kaum Parallelen zu den Terroranschlägen in Madrid im vergangenen Jahr. Beide ähnelten sich lediglich darin, dass sie dem Nahverkehr gegolten hätten. Die Londoner Attentäter hätten offenbar mit anderen Gruppen in Verbindung gestanden oder "Anweisungen von oben" bekommen. Es handele sich nicht um eine isolierte Gruppe, sondern "die Entscheidung kommt von oben", wurde Saiz zitiert.

Eine Sprecherin von Scotland Yard sagte, es gebe wahrscheinlich noch mehrere Hintermänner. Spekulationen über eine dritte Terrorzelle wies sie zurück. Die "Sunday Times" hatte unter Berufung auf Sicherheitskräfte berichtet, eine dritte Gruppe gewaltbereiter Extremisten sei noch auf freiem Fuß und plane weitere Attentate in London. Die Polizei habe am Mittwoch entsprechende Informationen erhalten und am Donnerstag etwa 6000 Beamte zur Sicherung der Hauptstadt abkommandiert. Die dritte Gruppe arbeite unabhängig von den Attentätern der ersten beiden Bombenserien, stünde aber in Verbindung mit einigen der mutmaßlichen Täter vom 21. Juli, heißt es in dem Bericht.



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