Norwegischer Blogger zu Breivik Fjordmans Selbstgespräche

Er sollte als Zeuge im Prozess gegen den Massenmörder auftreten und sagte ab. Nun hat Blogger und Breivik-Vorbild Fjordman alias Peder Jensen seine Vernehmung durch das Gericht simuliert - als Frage- und Antwort-Protokoll.

Anders Behring Breivik: Blogger Fjordman äußert sich erneut
REUTERS/ Scanpix Sweden

Anders Behring Breivik: Blogger Fjordman äußert sich erneut


Hamburg - Geir Lippstad hatte 40 Zeugen geladen, um die Zurechnungsfähigkeit eines Massenmörders zu beweisen. Der Anwalt von Anders Breivik setzte im Prozess auf die umstrittene Strategie, neben Psychiatern und anderen Experten auch Islamisten und Rechtsextreme in den Zeugenstand zu rufen.

Unter ihnen war Fjordman, ein islamfeindlicher Blogger Mitte 30, auf dessen Texte über Zuwanderung und den Islam sich Breivik in seinem Manifest immer wieder bezieht. Breivik nutzte solche Anleihen, um seine Ideologie zu unterfüttern, einen Aufstand aller "Nationalisten" zu fordern.

Fjordman alias Peder Jensen aber entschloss sich kurz vor seinem Termin bei Gericht, nicht im Breivik-Prozess auszusagen. Die Anwälte hätten Zeugen "schlecht behandelt", schrieb er im Blog "gatesofvienna". Stattdessen simulierte er dort nun seine eigene Befragung im Internet.

Als trete er vor Gericht auf, beginnt Jensen mit biografischen Angaben. Er stamme aus Westnorwegen, schreibt er und habe im Jahr der Terrorangriffe auf das World Trade Center in Kairo Arabisch studiert; seit 2005 sei er Blogger, seine Abschlussarbeit habe er an der Universität über die iranische Blogger-Szene geschrieben. "Wie hast Du auf die Anschläge vom 22. Juli reagiert?", fragt sich Jensen. "Über Nacht rückte ich auf den zweiten Platz der meistgehassten Männer Norwegens auf, weil ein geistesgestörter Mann, den ich nie getroffen habe, durchdrehte", antwortet Jensen sich selbst.

Das jetzt veröffentliche Selbstgespräch sei nicht die erste Äußerung, mit der er an die Öffentlichkeit trete, schreibt er weiter. Bereits fünf Tage nach den Attentaten will Fjordman sich beim norwegischen Nachrichtendienst gemeldet haben, um sich zu offenbaren. "Sie sagten mir, dass sie beschäftigt seien und dass ich ihnen eine Mail schreiben sollte." Die Beamten hätten ihn dann an die normale Polizei verwiesen.

Über seine Rolle als intellektuelles Vorbild eines Massenmörders sagte Jensen: "Dass jemand in einem Manifest zitiert wird, beweist doch nur, dass Anders Behring Breivik zu den Milliarden Menschen auf der Erde gehört, die einen Internetanschluss haben. Er zitiere schließlich auch Winston Churchill und John F. Kennedy." Tempelritter seien ihm unbekannt, und Breivik habe er auch nie getroffen. Ein einziges Mal habe ihn der Angeklagte per E-Mail angesprochen, Jensen will darauf aber nicht eingegangen sein.

"In seinem Manifest und seinen Aussagen gibt es Stellen, die auf eine psychische Störung hinweisen", schreibt Jensen auf die Frage, ob er Breivik für geisteskrank halte. "Zweifelsohne ging er aber am 22. Juli mit brutaler Berechnung vor." Einiges spräche dafür, dass er gewusst habe, echte Menschen "abzuschlachten".

Je länger Fjordmans Aussage wird, desto deutlicher lehnt er jede Verantwortung als geistiger Brandstifter der Attentate ab, und desto mehr versteigt er sich in wirre Erklärungsversuche. Breivik werde zwar immer als "Anti-Islamist" bezeichnet, der Angeklagte bewundere aber Terroristen des Dschihad und al-Qaida. "Wenn man bedenkt, dass diese Terroristen wiederum ihre Inspiration im Koran finden, könne man ihn ebenso gut zu Breiviks Quellen rechnen." Er zeige eine so eindeutige Seelenverwandtschaft mit den Dschihadisten, dass es niemanden überraschen würde, wenn er im Gefängnis zum Islam konvertieren würde.

Unterdessen haben in Oslo die Schlussplädoyers beim Gerichtsverfahren gegen Breivik begonnen. Am Vortag hatten die Rechtspsychiater Torgeir Husby und Synne Sørheim ihr Gutachten verteidigt, wonach der Massenmörder psychotisch sowie paranoid schizophren und damit nicht schuldfähig sei. Husby stufte den 33-Jährigen als größenwahnsinnig und komplett realitätsfern ein. Über Breiviks 1500 Seiten umfassendes Manifest sagte Husby: "Er kann selbst nicht erkennen, wie infantil Teile davon sind."

jbr



insgesamt 7 Beiträge
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Apologet 15.06.2012
1.
Fjordman hat niemals zur Gewalt aufgerufen, noch hat er jemals Gewalt ausgeübt. Fjordman ist ein friedlicher Mensch.
pylas 15.06.2012
2.
Wieso "wirre Erklärungsversuche"? Die von Fjordman angesprochene Seelenverwandtschaft zwischen dem christlichen Fanatiker Breivik und islamischen Fanatikern ist doch offensichtlich.
ectoplasma5 15.06.2012
3.
Henryk M. Broder wurde übrigens auch in dem Manifest für seine Islamkritik gelobt,das scheint die Medien aber nicht zu interessieren. Seine Vorbilder sind schon eine interessante Mischung muss man sagen,schizophren im wahrsten sinne.
indigofalter 15.06.2012
4. Name
komisch das man Fjordmans richtigen Name weltweit publik macht. Es würde mich nicht wundern, wenn er nun bald einem Attentat zum Opfer fällt. Absicht? Ansonsten beruft sich die Presse doch auch immer auf ihren heiligen Quellenschutz. Seltsam.
spatenheimer 15.06.2012
5.
Zitat von sysopREUTERS/ Scanpix SwedenEr sollte als Zeuge im Prozess gegen den Massenmörder auftreten und sagte ab. Nun hat Blogger und Breivik-Vorbild Fjordman alias Peder Jensen seine Vernehmung durch das Gericht simuliert - als Frage- und Antwort-Protokoll. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,839069,00.html
Wer hätte gedacht, dass laut den islamophoben PI-Spaten jeder verrückte Moslemterrorist zu einer islamistischen Weltverschwörung gehört, Breivik aber nur ein durchgedrehter Einzeltäter ist, für den niemand die Verantwortung trägt.
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