Bolschoi-Theater Polizei fasst mutmaßlichen Drahtzieher des Säureanschlags

Ein Tänzer des Bolschoi-Theaters ist offenbar der Hintermann des Säureanschlags auf Ballettchef Filin. Die russische Polizei hat den Solisten festgenommen - ebenso wie einen 35-Jährigen, der die Tat ausgeführt haben soll.

AFP/Bolshoi Theatre/Damir Yusupov

Moskau - Bei den Ermittlungen zum Anschlag auf den Chef des Moskauer Bolschoi-Theaters gibt es offenbar den Durchbruch. Nach dem Säureanschlag auf Ballettchef Sergej Filin hat die russische Polizei nach eigenen Angaben den Tänzer Pawel Dmitritschenko als mutmaßlichen Drahtzieher festgenommen.

Zudem hätten Sicherheitskräfte den mutmaßlichen Attentäter des Angriffs auf Sergej Filin geschnappt, meldete die Agentur Interfax. Der 35-jährige Jurij S. soll Augen und Kopf von Sergej Filin mit Säure verätzt haben. Nähere Angaben machte die Polizei nicht. Dem Innenministerium zufolge wurde S. in Twer, rund 160 Kilometer von der Hauptstadt Moskau entfernt, aufgegriffen.

Zur Dmitritschenkos Rolle bei dem Verbrechen machte das Ministerium keine Angaben. Die Nachrichtenagentur Ria Nowosti zitierte jedoch eine Polizeiquelle mit den Worten, es gebe Beweise dafür, dass der Tänzer Dmitritschenko den Angriff in Auftrag gegeben habe. "Wir sind dabei, die Motive zu klären", hieß es demnach. Der Tänzer war im Jahr 2002 an das Theater gekommen und war in mehreren Hauptrollen zu sehen, unter anderem in "Iwan der Schreckliche".

Am Morgen war bereits Dmitritschenkos Haus durchsucht und die Festnahme eines mutmaßlichen Mittäters gemeldet worden. Der 32 Jahre alte Verdächtige stamme nicht aus der Truppe des weltberühmten Theaters, hieß es. Der Mann soll den mutmaßlichen Haupttäter zum Überfall auf Filin gefahren haben.

Extremer Konkurrenzkampf

Der 42-jährige Filin wird weiter in der Augenklinik in Aachen behandelt. Er hatte vor seiner Abreise nach Deutschland der Polizei den Täter beschrieben sowie sich zu Verdächtigen geäußert. Der Anschlag auf Filin hatte in der internationalen Tanzwelt, auch in Deutschland, große Bestürzung ausgelöst.

Die Bolschoi-Balletttruppe ist mit etwa 220 Tänzern die größte der Welt. Sie gilt als Wiege klassischer russischer Ballettkunst mit makellosem Spitzentanz, streng synchronen Bewegungen und einzigartiger Körperbeherrschung. Der hausinterne Konkurrenzkampf am Bolschoi ist extrem hart.

Nach der Tat hatte die Polizei nach eigenen Angaben schwerpunktmäßig im Theater ermittelt. Auch die Direktion geht von einem Zusammenhang mit der einflussreichen beruflichen Tätigkeit Filins aus. Die Theaterleitung hatte eingeräumt, dass es immer wieder zu Konflikten komme, weil die um Traumpartien kämpfenden Tänzer mitunter enttäuscht seien.

Das ist harmlos ausgedrückt. Der Anschlag auf Filin zeigte, welche Abgründe sich hinter der Fassade des größten russischen Staatstheaters auftun. Die Rede war von rabiaten Konkurrenzkämpfen zwischen Tänzern, die Schlange stehen, um Partien in Klassikern wie "Dornröschen", "Schwanensee" und "Nussknacker" zu bekommen - schließlich werden die Aufführungen aus dem im Zarenglanz wiedereröffneten Musentempel bisweilen in Kinos in aller Welt übertragen. Die großen Rollen bedeuten nicht nur Ruhm, sondern auch Sonderhonorare - und darüber entscheidet vor allem auch Ballettchef Filin.

ulz/dpa/AFP

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