Anschlag auf Sikh-Tempel in Essen Jugendliche Salafisten sollen Bombe gelegt haben

War der Anschlag auf eine Sikh-Hochzeit in Essen das Werk von Islamisten? Die Behörden verfolgen diese Spur mit Hochdruck. Im Fokus stehen zwei Teenager aus der salafistischen Szene.

Tatverdächtige in Essen
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Tatverdächtige in Essen

Von und , Düsseldorf


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Für den Anschlag auf ein Sikh-Gebetshaus in Essen sollen mindestens zwei Jugendliche aus der salafistischen Szene Nordrhein-Westfalens verantwortlich sein: Yussuf T., 16, aus Gelsenkirchen und Mohammed B., 16, aus Essen.

Am Samstag war vor dem Tempel eine selbstgebaute Bombe detoniert und hatte während einer indischen Hochzeit drei Menschen verletzt, einen von ihnen schwer. Als "Terrorakt" bezeichnete die Polizei das Geschehen. Polizeipräsident Frank Richter sagte: "Die Beschuldigten haben klare Bezüge zur Terrorszene."

Der Hauptverdächtige Yussuf T. hatte sich am späten Mittwochabend den Ermittlern gestellt. Dabei nannte er auch den Namen seines mutmaßlichen Mittäters. Beide sind Staatsschützern bereits in der Vergangenheit als Extremisten aufgefallen. Sie hätten sich schnell radikalisiert, heißt es. Die beiden seien "alles andere als harmlos", sagt ein hochrangiger Beamter. Ein Spezialeinsatzkommando nahm den zweiten Jugendlichen am Donnerstag in seinem Elternhaus in Essen fest.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hatte der Hauptverdächtige Kontakt zu mindestens einem Salafisten aus dem Dinslakener Stadtteil Lohberg. Dieser soll zur zweiten Generation der örtlichen Islamistenszene gehören. Aus der Gegend waren vor Jahren schon Dschihadisten nach Syrien gereist, wo sie als besonders brutaler Sturmtrupp zu trauriger Berühmtheit gelangt waren .

Die beiden mutmaßlichen Täter räumten den Anschlag nach offiziellen Angaben teilweise ein. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE bestritten sie jedoch eine Tötungsabsicht. Sie hätten aus Übermut gehandelt und gedacht, das Gebäude sei leer. Nach Erkenntnissen der Ermittler soll die Sprengkraft der Bombe, deren Bestandteile wohl im Internet bestellt worden waren, allerdings erheblich gewesen sein. Weil die Attentäter die Tür des Gebetshauses nicht hätten öffnen können, seien nicht noch mehr Menschen verletzt worden, vermutet der Beamte.

Gebetshaus der Sikh in Essen
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Gebetshaus der Sikh in Essen

Am Mittwoch hatte die Polizei zwei zunächst festgenommene Männer wieder auf freien Fuß gesetzt, weil sich bei ihnen der Tatverdacht nicht erhärten ließ. In einem der ersten Polizeiberichte, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, konnten die Essener Ermittler zunächst keine Hinweise auf eine politisch motivierte Tat erkennen. "Das Tatmotiv ist nach wie vor unklar", heißt es in dem Dokument. Die Attacke werde jedoch als versuchtes Tötungsdelikt gewertet.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger lobte den Einsatz am Donnerstag: "Die NRW-Polizei handelt entschlossen gegen salafistische Extremisten", sagte nun der SPD-Politiker. Das bewiesen die Festnahmen. "Der Fahndungs- und Ermittlungsdruck in NRW ist hoch. Das ist gerade in der jetzigen Situation besonders wichtig und hat auch in diesem Fall zum Erfolg geführt", so Jäger.

Erfahrene Kriminalbeamte entsetzt das jugendliche Alter der mutmaßlichen Terroristen. Erst Ende Februar hatte eine ebenfalls erst 15 Jahre alte Salafistin in Hannover unvermittelt einen Bundespolizisten niedergestochen . Inzwischen ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen Terrorverdachts gegen die Schülerin Safia S . Bereits als Siebenjährige war S. in einem Video neben Salafistenprediger Pierre Vogel zu sehen. In dem Video zitiert das Mädchen Koranverse und wird von Vogel gelobt. Es sei überaus besorgniserregend, dass nun wohl erneut so junge Extremisten zugeschlagen hätten, sagte ein Beamter. "Was wächst uns da für eine Gefahr heran?"


Zusammengefasst: Am Samstag detonierte am Eingang des Essener Zentrums der Religionsgemeinschaft Sikh ein Sprengsatz. Drei Menschen wurden verletzt, einer von ihnen schwer. Die Polizei vermutet einen islamistischen Terrorakt: Zwei 16-jährige Verdächtige hatten Kontakte in die Salafistenszene.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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