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03. Mai 2016, 15:17 Uhr

Anschlag auf Essener Sikh-Tempel

Sichergestelltes Video soll Probesprengung zeigen

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Die mutmaßlichen Attentäter haben den Anschlag auf den Sikh-Tempel in Essen offenbar langfristig vorbereitet. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen fanden Ermittler Filmaufnahmen einer früheren Sprengung.

Nach ihrer Festnahme wiegelten die beiden mutmaßlichen Attentäter ab. Der Bombenanschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen, bei dem drei Menschen verletzt worden waren, habe keinen religiösen Hintergrund, der Tatort sei vollkommen willkürlich gewählt worden. So gaben es Yussuf T., 16, und Mohammed B., 16, bei der Polizei zu Protokoll. Sie hätten einfach "Spaß am Böllerbauen" gehabt, erklärten die Teenager. Doch daran haben die Ermittler erhebliche Zweifel.

Polizei und Staatsanwaltschaft gehen Hinweisen nach, dass der Angriff besser vorbereitet gewesen sein könnte als bislang bekannt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE fanden die Beamten im Kinderzimmer von B. in der elterlichen Wohnung in Essen einen USB-Stick, auf dem ein Video gespeichert worden war. Der Film zeigt eine Detonation mit einer selbstgebauten Bombe auf freiem Gelände. Die Ermittler bewerten das als Probesprengung. In dem Video ist der Verdächtige T. zu erkennen.

In der Wohnung entdeckten Kriminalbeamte auch eine noch verpackte Zündanlage samt Fernzünder, Rechnungen über im Internet bestellte Chemikalien und Drähte, wie sie ebenfalls für den vor dem Tempel abgelegten Sprengsatz verwendet worden waren. Er bestand aus einem mit Schwefel und Magnesium gefüllten Feuerlöscher.

An einer Sturmhaube, die in der Nähe des Gebetshauses sichergestellt worden war, hafteten nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen DNA-Spuren von Yussuf T. Zudem waren die Handys des Duos zur Tatzeit in einer Funkzelle des Tatorts eingeloggt.

"Bezüge zur Terrorszene"

Die Frage, wer die Bombe gelegt haben könnte, bereitet den Ermittlern also nur wenig Kopfzerbrechen. Schwieriger ist indes die Frage nach dem Motiv. Die Beamten gehen von einem islamistischen Terrorakt aus. Der Essener Polizeipräsident Frank Richter sagte einige Tage nach dem Anschlag: "Die Beschuldigten haben klare Bezüge zur Terrorszene."

Tatsächlich ordnete das Bundesamt für Verfassungsschutz T. und B. schon in der Vergangenheit der salafistischen Szene zu. Yussuf T. nahm zudem seit November 2014 an dem Präventionsprogramm "Wegweiser" teil, das sich an Salafisten richtet. Der Jugendliche hatte sich zuvor bereits sehr aggressiv verhalten und einer jüdischen Mitschülerin damit gedroht, ihr "das Genick zu brechen", wie ein Sprecher des Düsseldorfer Innenministeriums sagte.

Die Ermittler prüfen daher, ob Gesinnungsgenossen in die Planung und Ausführung der Tat einbezogen waren. Es heißt, T. informierte per WhatsApp den Dinslakener Islamisten Tolga I., 17, am Tattag darüber, dass er die Bombe abgelegt habe. Auch fanden die Beamten in der Wohnung von T. einen Zettel, der auf eine große Nähe zwischen dem mutmaßlichen Attentäter und I. schließen lässt.

Traurige Berühmtheit

Gegen I. besteht eine sogenannte Ausreiseuntersagung der Gemeinde Schermbeck. Er darf das Land nicht verlassen, weil die Behörden seine Teilnahme am Dschihad befürchten. Auch hat er wohl Kontakt zu Islamisten aus Dinslaken-Lohberg, die vor Jahren schon nach Syrien gereist sind. Dort gelangten sie als besonders brutaler Sturmtrupp zu trauriger Berühmtheit . Die beiden mutmaßlichen Bombenleger und I. gehörten zudem einer Chatgruppe an, in der vorrangig minderjährige Deutsch-Türken sich gegenseitig islamistische Botschaften schickten.

Doch nicht nur in der virtuellen Welt hatten Yussuf T. und Mohammed B. Kontakte in das radikale Milieu. So verkehrten sie offenbar auch in einer berüchtigten Essener Moschee, wie der Bayerische Rundfunk (BR) berichtet. In der zweifelhaften Einrichtung hatten sich in der Vergangenheit unter anderem der IS-Kämpfer Silvio K. sowie die in Düsseldorf vor Gericht stehenden mutmaßlichen Terroristen um Marco G. aufgehalten. Ihnen wirft die Bundesanwaltschaft vor, Mordanschläge auf führende Pro-NRW-Politiker und einen Bombenanschlag auf den Bonner Hauptbahnhof geplant zu haben.

Inzwischen prüft die Bundesanwaltschaft, ob sie die Ermittlungen an sich zieht. Das könnte die Behörde in Karlsruhe unter anderem dann tun, wenn sich das Verfahren noch gegen einen dritten Beschuldigten richtete. Dann bestünde der Verdacht auf eine terroristische Vereinigung. Bislang gibt es dafür keine Anzeichen.


Zusammengefasst: Bei einem Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen wurden Mitte April drei Menschen verletzt. Zwei jugendliche Salafisten sollen den Sprengsatz abgelegt haben, die Ermittler gehen von einem islamistischen Terrorakt aus. Bei dem Verdächtigen B. wurde ein Video sichergestellt, das eine vorherige Sprengung unter freiem Himmel zeigt. In dem Film ist der zweite Verdächtige T. zu sehen.

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