Mutmaßlicher Attentäter von Wisconsin Musik voller Hass

Wer war Wade Michael Page - der Mann, der in einem Sikh-Tempel in Wisconsin sechs Menschen erschossen haben soll? Der mutmaßliche Täter führte laut US-Medien ein rastloses Leben: Er schied aus der Armee aus, tourte mit dem Motorrad durchs Land und spielte angeblich in Nazi-Bands.

AFP

Die Bürgerrechtler vom Southern Poverty Law Center (SPLC) sind sich sicher: Wade Michael Page war ein "frustrierter Neonazi". Der Mann, der mit großer Wahrscheinlichkeit der Attentäter von Oak Creek ist; der Mann, der in einem Sikh-Tempel sechs Menschen getötet haben soll und von der Polizei erschossen wurde.

Page sei im Jahr 2000 zum ersten Mal ins Blickfeld der Organisation gerückt, weil er versucht habe, bei einer Neonazi-Plattform einzukaufen, heißt es. "Wir haben bis zum Anschlag nicht besonders auf diesen Typen geguckt", so Mark Potok vom SPLC. "Er war einer von Tausenden."

Offizielle Stellen äußern sich vorsichtiger. Die Ermittler prüfen die Verbindungen des Verdächtigen in die Neonazi-Szene. Bisher ist kein Manifest aufgetaucht, keine Ankündigung für die Bluttat. Vielleicht werde man nie herausfinden, was sein Motiv war, sagte John Edwards, der Polizeichef von Oak Creek. "Wir müssen viele Informationen entschlüsseln."

Zwei Tage nach dem Anschlag werden immer mehr Details aus der Vergangenheit des mutmaßlichen Täters bekannt - und viele deuten darauf hin, dass Fremdenhass eine Rolle gespielt haben könnte.

Page spielte in mehreren rassistischen Bands, darunter End Apathy und Definite Hate. Die Musik dieser Gruppen sei unglaublich gewalttätig, wird Potok in der "New York Times" zitiert. "Sie handelt davon, Juden, Schwarze, Homosexuelle und viele andere Gegner zu ermorden."

Der Plattenfirma Label56 gab Page 2010 ein Interview. Darin sprach er vom "apathischen Verhalten" der Menschen und eigenen Fehlern, die ihn selbst aufgehalten hätten. Label56 hat inzwischen alle Inhalte von End Apathy gelöscht und sich in einer Mitteilung von Page und der Band distanziert. Dem SPLC zufolge wirbt die Website jedoch nach wie vor für andere Bands aus dem rechten Milieu.

"Die unheilvoll klingenden Namen von Pages Musikgruppen scheinen widerzuspiegeln, was er dann tatsächlich getan hat", sagte Potok. Dass Page handeln wollte, darauf deuten auch Einträge hin, die er laut dem privaten Terrorforschungsinstitut Site in Nazi-Foren hinterlassen hat. "Wenn ihr Leute treffen wollt, beteiligt euch und werdet aktiv", schrieb er demnach im vergangenen Jahr. "Versteckt euch nicht hinter dem Computer oder sucht nach Entschuldigungen."

Mit passiver Unterwerfung unterstütze man indirekt die Unterdrücker, schrieb er im April. "Steht auf und lebt für die 14 Wörter" - eine Anspielung auf eine Philosophie der Rechtsextremen, die vor allem in den USA verbreitet ist. Laut Site bezeichnete sich Page als Mitglied der Hammerskins Nation, einer internationalen Nazi-Organisation. Der Sender CNN veröffentlichte am Montagabend ein Facebook-Foto, das Page vor einem Hakenkreuzbanner zeigt.

Die Ermittler gehen von einem Einzeltäter aus

Mitglieder der Sikh-Gemeinde mutmaßten, dass der Todesschütze seine Opfer mit Muslimen verwechselt haben könnte. Viele männliche Sikhs tragen einen Turban und einen ungestutzten Bart, womit sie an strenggläubige Muslime erinnern können.

Die Polizei bestätigte bisher nur, dass Page früher Soldat war und 1998 - offenbar nach einer Reihe von Verstößen - entlassen wurde. Der 40-Jährige diente zuletzt in Fort Bragg in North Carolina, in einer Einheit für psychologische Operationen. Zu seinen Aufgaben hätte etwa die Kommunikation zwischen US-Soldaten und Anwohnern bei Auslandseinsätzen gehört oder die Verbreitung von Flugblättern in Krisengebieten. Page habe jedoch in dieser Rolle nie im Ausland gearbeitet, teilte das Militär mit.

Nach seinem Ausscheiden aus der Armee führte Page offenbar ein rastloses Leben. Er habe alles bis auf sein Motorrad verkauft und seine Heimat Colorado verlassen, berichten die "Washington Post" und der Sender Fox News unter Berufung auf Pages altes Interview bei Label56. Er habe nur mitgenommen, was in einen Rucksack passt und auf einer Tour durch das Land Freunde und Festivals besucht, hatte Page erzählt. Irgendwann habe er sich dann in North Carolina niedergelassen. Dort soll er mehrere Jahre als Trucker gearbeitet haben. Sein Haus dort wurde im Januar dieses Jahres zwangsversteigert.

Im Juni mietete er sich dann in Cudahy im US-Bundesstaat Wisconsin ein, nur wenige Meilen vom Tatort entfernt. Seinem Vermieter sagte Page, er habe sich kürzlich von seiner Freundin getrennt und brauche eine Unterkunft. Die Ermittler gehen von der Tat eines Einzelnen aus.

hut/AP



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