Anschlag auf Utøya Polizei hätte Attentäter beinahe erschossen

Es war eine Frage weniger Sekunden: Hätte sich Massenmörder Anders Breivik nicht so schnell ergeben, wäre er von der Polizei erschossen worden - sagt der Leiter des Sondereinsatzkommandos. Ministerpräsident Stoltenberg kündigte eine Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen an.

Sondereinsatzkommando auf Utøya: Attentäter beinahe erschossen
REUTERS

Sondereinsatzkommando auf Utøya: Attentäter beinahe erschossen


Oslo - Die Polizisten fürchteten, der Attentäter könnte einen Sprengstoffgürtel tragen: Das Sondereinsatzkommando der norwegischen Polizei hat den Todesschützen Anders Behring Breivik bei seiner Festnahme auf der Insel Utøya offenbar beinahe erschossen.

Breivik habe der Aufforderung der Polizei, seine Waffe fallen zu lassen, Folge geleistet. Er sei mit erhobenen Händen auf die Beamten zugekommen und habe sich widerstandslos auf den Boden gelegt. Hätte er sich nicht so schnell gefügt, wäre er erschossen worden, sagte der Leiter der Spezialkräfte, Anders Snortheimsmoen. Breivik hatte am vergangenen Freitag auf Utøya 68 Menschen getötet. Insgesamt starben bei dem Doppelanschlag auf der Insel und in der Hauptstadt Oslo 76 Menschen.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur NTB gehörte der örtliche Polizist Jacob Bærtnes zu einer Gruppe mit acht Mitgliedern der Osloer Elite-Einheit "Delta", die eine Stunde nach dem ersten Alarm auf der Insel im Tyrifjord angekommen waren.

Bærtnes schilderte den weiteren Ablauf nach Betreten der Insel: "Wir riefen, dass wir bewaffnete Polizei sind, um die Aufmerksamkeit auf uns zu richten. Wir mussten durch dichtes Gebüsch, so dass wir uns nur schwer eine Übersicht verschaffen konnten. Aber dann ging das Ganze in Baumgebiet über, und plötzlich stand der Täter mit hoch über den Kopf erhobenen Armen vor uns. Er wurde ganz normal festgenommen. Die Waffen lagen 15 Meter hinter dem Täter."

Zu den Aktionen danach wollte Bærtnes nichts sagen. Die Polizei bestritt, dass das Boot der Einsatzgruppe wegen eines Motorschadens zehn Minuten Zeit verloren habe.

"Werte weiter entschlossen verteidigen"

Ministerpräsident Jens Stoltenberg kündigte eine "umfassende Aufarbeitung" der Abläufe bei den Anschlägen am vergangenen Freitag an. Nach den Ermittlungen und einer Trauerphase werde die Reaktion der Polizei auf die Anschläge untersucht, so Stoltenberg. Ob er eine grundlegende Reform der norwegischen Sicherheitskräfte ins Auge fasst, ließ der Regierungschef offen. Er bekräftigte aber erneut, dass sich sein Land von den Angriffen "nicht einschüchtern" lassen werde. "Wir werden unsere Werte weiter entschlossen verteidigen."

Als erste Konsequenz werden die Polizeikräfte in den beiden Anschlagsgebieten verstärkt. Nach Angaben einer Sprecherin der Polizeigewerkschaft will das Justizministerium umgerechnet rund 2,6 Millionen Euro für die Schaffung von hundert zusätzlichen Stellen in Oslo und dem Bezirk Nordre Buskerud zur Verfügung stellen. Diese sollten innerhalb der kommenden drei Monaten mit ausgebildeten Polizeischülern besetzt werden, die bisher noch keine Stelle gefunden hätten, sagte eine Sprecherin.

Bewegender SMS-Wechsel

Nach den schrecklichen Ereignissen fällt es den Betroffenen derweil schwer, über ihre Gedanken und Gefühle zum Zeitpunkt des Angriffs zu sprechen. Die norwegische Zeitung "Verdens Gang" veröffentlichte am Mittwoch einen SMS-Verkehr zwischen einem 16-jährigen Mädchen auf der Insel und seiner Mutter.

Als der Täter das Feuer eröffnete, rannte das Mädchen mit Freunden davon und versteckte sich hinter Felsen. Um 17.42 Uhr ging bei ihrer Mutter die erste SMS ein: "Mama, sag' der Polizei, dass hier Menschen sterben. Sie sollen sich beeilen." Die Mutter versuchte, ihre Tochter zu beruhigen: "Ich kümmere mich, Julie. Die Polizei ist unterwegs. Kannst du mich anrufen?" Die Tochter antwortete knapp mit "Nein" und schob dann hinterher: "Sag' der Polizei, dass hier ein Verrückter ist, herumläuft und auf die Leute schießt." Und wieder: "Sie sollen sich beeilen."

Nach dem Massaker wird laut norwegischem Fernsehen noch ein Opfer vermisst. Der Osloer Sender TV2 berichtete unter Berufung auf Beteiligte an der Suchaktion, dass die Polizei die bisher veröffentlichte Zahl von vier oder fünf Vermissten intern nach unten korrigiert hat. Die Polizei kommentierte die Angaben nicht und will keine Vermisstenzahlen mehr herausgeben.

Ein Behördensprecher sagte lediglich, die Suche im Tyrifjord werde fortgesetzt. Die Insel soll bis auf weiteres für die Öffentlichkeit gesperrt bleiben. Die Zahl der Schwerverletzten nach beiden Anschlägen wird von örtlichen Medien mit etwa 30 angegeben.

"Breivik hat allein gehandelt"

Der Attentäter hatte offensichtlich in einem Schießclub trainiert. Der Osloer Pistolenclub teilte auf seiner Internetseite mit, dass Breivik von 2005 bis 2007 und erneut ab Juni 2010 Mitglied gewesen sei. Er habe an 13 Trainingseinheiten sowie einem Wettbewerb teilgenommen, hieß es.

An Breiviks Wohnsitz, einem Bauernhof 160 Kilometer außerhalb Oslos, hatte die Polizei am Dienstag weiteren Sprengstoff kontrolliert explodieren lassen. Nach Erkenntnissen des norwegischen Geheimdienstes ist Breivik ein Einzeltäter, der mit Berechnung getötet hat. Für seine Behauptung, gewaltbereite Komplizen in Norwegen und im Ausland zu haben, fehlt weiter jeder Beweis.

Die norwegische Geheimdienstchefin Janne Kristiansen bestätigte eine enge Zusammenarbeit mit dem britischen Geheimdienst MI5 wegen angeblicher Kontakte Breiviks mit rechtsradikalen Gruppen auf der Insel. Auch dazu gebe es bisher jedoch keine Erkenntnisse.

Breivik wurde am Dienstagabend ins Gefängnis Ila westlich von Oslo für eine zunächst achtwöchige Untersuchungshaft gebracht. Er wird in einer sieben Quadratmeter großen Zelle rund um die Uhr überwacht, um einen Suizid zu verhindern. Die ersten vier Wochen der Untersuchungshaft muss er mit fast kompletter Kontaktsperre verbringen.

wit/dpa/dapd/AFP

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Seite 1
butter_milch 27.07.2011
1. ...
Damit wäre der Schütze der einzige, welcher schnell gehandelt hat. Eine Spezialeinheit die 1,5 Stunden benötigt um von der Hauptstadt eines Landes zu einer 30km entfernten Insel (zeigt den Kerlen mal das Bild eines Hubschraubers) zu gelangen ist keine Spezialeinheit sondern ein Haufen Männer mit Schiesseisen, welche mit dem Corsa zum Einsatz tuckern. Aber vielleicht erwarte ich auch einfach zuviel.
vhe 27.07.2011
2. Wohl nicht...
Zitat von butter_milchDamit wäre der Schütze der einzige, welcher schnell gehandelt hat. Eine Spezialeinheit die 1,5 Stunden benötigt um von der Hauptstadt eines Landes zu einer 30km entfernten Insel (zeigt den Kerlen mal das Bild eines Hubschraubers) zu gelangen ist keine Spezialeinheit sondern ein Haufen Männer mit Schiesseisen, welche mit dem Corsa zum Einsatz tuckern. Aber vielleicht erwarte ich auch einfach zuviel.
Lass es mal keine Amok-Spezialeiheit sein, sondern z.B. eine Truppe, die sonst fuer's Regierungsviertel zustaendig ist und das hier nur aushilfsweise gemacht hat...
J-Créme 27.07.2011
3. Geld wie Heu aber keine Hubschrauber
Zitat von butter_milchDamit wäre der Schütze der einzige, welcher schnell gehandelt hat. Eine Spezialeinheit die 1,5 Stunden benötigt um von der Hauptstadt eines Landes zu einer 30km entfernten Insel (zeigt den Kerlen mal das Bild eines Hubschraubers) zu gelangen ist keine Spezialeinheit sondern ein Haufen Männer mit Schiesseisen, welche mit dem Corsa zum Einsatz tuckern. Aber vielleicht erwarte ich auch einfach zuviel.
Bisher muss es in Norwegen schon verschlafen zugegangen sein. In der Hauptstadt des Landes sollte doch wenigstens ein einziger Polizeihubschrauber einsatzbereit zur Verfügung stehen. Nun ist Norwegen ein extrem reiches Land, das gar nicht weiß wohin mit den Öl-Milliaren. Der Staat könnte es sich leisten, fast jedem Polizisten einen eigenen Hubschrauber zu spendieren. War zweifellos politisch gewollt, dass die Polizei bzw. Sicherheitskräfte möglichst "zivil" aufgestellt und entsprechend schlecht ausgerüstet sind.
J4cky 27.07.2011
4. ...
Zitat von butter_milchDamit wäre der Schütze der einzige, welcher schnell gehandelt hat. Eine Spezialeinheit die 1,5 Stunden benötigt um von der Hauptstadt eines Landes zu einer 30km entfernten Insel (zeigt den Kerlen mal das Bild eines Hubschraubers) zu gelangen ist keine Spezialeinheit sondern ein Haufen Männer mit Schiesseisen, welche mit dem Corsa zum Einsatz tuckern. Aber vielleicht erwarte ich auch einfach zuviel.
Ich glaube nicht, dass Sie zu viel erwarten. Allerdings muss man eingestehen, dass die Einheit viel früher da war. Die haben bei Ankunft erst einmal auf ein Boot gewartet und zwar ganze 20min. Die Fahrt mit dem Auto dauert vielleicht nur 30min, aber zuvor mussten die Jungs erstmal alarmiert werden, dann Sachen anziehen und packen. Ich bin mir sicher mit dem Hubschrauber wären sie schneller gewesen, gut jeder hat Anspruch auf Urlaub und somit ist es dumm gelaufen. Allerdings ist schon fraglich, weshalb es keine zweite Mannschaft als Ersatz gab. In jedem Fall ist mir die Spezialeinheit in dem Fall nicht mobil genug gewesen. Klassischer Mangel an Equipment.
radio-controlled 27.07.2011
5. .."beinahe erschossen"
das wichtigste ist doch, daß der typ lebendig geschnappt worden ist !!!
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