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Bomben beim Marathon: Der Anschlag von Boston

Foto: Elise Amendola/ AP

Bombenanschlag Was wurde aus... den Opfern des Boston-Marathons?

Drei Menschen starben, mehr als 260 wurden verletzt: Der Anschlag von Boston schockierte die USA. Heute wartet der verbliebene Verdächtige auf seinen Prozess. Und die Überlebenden versuchen, ihr Trauma mit Marathonläufen zu überwinden.

Als der Mann mit dem leuchtgelben "Survivor"-Shirt die letzte kleine Steigung des Boston-Marathons 2014 genommen hat, pumpt sein Herz wie verrückt. 41,5 der 42,195 Kilometer hat Dave Fortier geschafft, die blau-gelbe Ziellinie hat der große, bullige Endvierziger mit dem kahlgeschorenen Kopf schon im Blick, es geht nur noch bergab. Aber dazwischen, bei Kilometer 42,15, kommt die schwierigste Stelle für ihn: der Ort, an dem sein Leben ein Jahr zuvor fast zerstört wurde.

Boylston Street, Ecke Exeter Street, 15. April 2013, 14:49 Uhr: Fortier hat den ersten Marathon seines Lebens so gut wie bewältigt. 100, 80, 60 Yards trennen ihn noch vom Zielbogen. Da blitzt es links neben ihm auf, eine Druckwelle schleudert ihn zur Seite. Fortier ist benommen, torkelt irgendwie durchs Ziel. Er hört plötzlich nichts mehr, sein rechtes Bein schmerzt. Als er nach unten schaut zu seinem Fuß, sieht er nur noch Blut. Ein Schrapnell hat ihn erwischt, ein Splitter einer der beiden Bomben, die soeben explodiert sind. Inmitten der Zuschauer.

Dave Fortier beim Boston-Marathon 2013, irgendwo bei Kilometer 32

Dave Fortier beim Boston-Marathon 2013, irgendwo bei Kilometer 32

Foto: Dave Fortier

Drei Menschen starben, 264 wurden verletzt, als auf der Zielgeraden des Boston-Marathons 2013 zwei selbstgebaute Sprengsätze explodierten: Schnellkochtöpfe, gefüllt mit Nägeln, Metallteilen und Schwarzpulver, versteckt in Rucksäcken, ferngezündet mit Teilen aus einem Modellauto. Die mutmaßlichen Täter: Tamerlan und Dschochar Zarnajew. Die Polizei jagte die tschetschenischstämmigen Brüder, der 26-jährige Tamerlan wurde erschossen, der 19-jährige Dschochar konnte zunächst fliehen. In der Vorstadt Watertown, wo er sich verschanzte, herrschte stundenlang Ausnahmezustand - bis die Einsatzkräfte den von Schüssen verletzten Tatverdächtigen festnahmen. Die Nation war schockiert über den schwersten Terroranschlag in den USA seit dem 11. September 2001.

Der Anschlag prägt die Stadt bis heute

Der Anschlag, der Ausnahmezustand, die Jagd auf die Brüder: All das prägt die Stadt bis heute. Die Vorbereitungen auf den Prozess gegen Dchochar Zarnajew laufen. Ein Helfer ist verurteilt, zwei weitere Freunde warten auf ihre Prozesse.

Training: Portier und seine Läuferkollegen rund sieben Wochen vor dem Marathon 2014

Training: Portier und seine Läuferkollegen rund sieben Wochen vor dem Marathon 2014

Foto: Dave Fortier

Dave Fortier nimmt das alles nur beiläufig wahr: "Ich versuche, nicht viel an das Schlechte zu denken", sagt er. "Über die Strafe für diese Leute wird das Gericht entscheiden." Er hatte noch Glück im Unglück. Die Splitterwunde am Fuß konnte genäht werden, womöglich bleibt ihm ein Hörschaden. Andere aber verloren Beine, erlitten schwere psychische Schäden. Allein die Wohltätigkeitsorganisation One Fund Boston hat schon rund 80 Millionen Dollar Spendengelder an 232 Verletzte verteilt. Viele Opfer mussten ihr Leben neu regeln. Immer wieder trafen sich Betroffene, um einander von ihren Traumata zu erzählen und sich gegenseitig zu beraten. Dave Fortier und seine Mitstreiterin Lee Ann Yanni gründeten im Herbst 2013 eine neue Läufergruppe. Mit einem hohen Ziel: den nächsten Boston-Marathon zu bewältigen.

"4.15 STRONG" nannten sie ihr Projekt - viele waren sofort begeistert. Die meisten Verletzten des 15. April waren Zuschauer des Marathons, einige waren noch nie länger als fünf Kilometer am Stück gelaufen. Und doch kamen rund zwei Dutzend Menschen an einem kalten Dezembertag zum ersten Training. Der Treffpunkt: Boylston Street, Ecke Exeter Street. Dort, wo die erste Bombe explodierte. "Wir brauchten etwas, um nach vorne zu schauen", sagt Fortier. "Wir sind Überlebende, keine Opfer."

Schnell trieben Fortier und Yanni zwei Sporthandelsketten als Sponsoren auf. Und einen professionellen Coach: Jack Fultz. Der Boston-Marathon-Sieger von 1976 ging mit ihnen laufen, er erstellte Trainings- und Ernährungspläne für seine Schützlinge - und stellte sie mental auf die Herausforderung Marathon ein. Die psychische Belastung sei vor diesem Rennen extrem gewesen, sagt Dave Fortier. "Wir alle wurden schon einmal beim Boston-Marathon verletzt. Hätten wir uns zu viel Druck auferlegt und es deswegen nicht geschafft, hätten wir uns seelisch noch einmal sehr weh tun können."

Bereit für die Herausforderung: Die Laufgruppe einen Tag vor dem Marathon 2014

Bereit für die Herausforderung: Die Laufgruppe einen Tag vor dem Marathon 2014

Foto: Dave Fortier

Am 22. April 2014 treten 29 Läufer der Gruppe beim Boston-Marathon an. Gemeinsam schreiten sie zur Startlinie, in ihren leuchten gelben Trikots. Einige joggen vom ersten bis zum letzten Kilometer, andere müssen zwischendurch gehen oder auch mal kurz innehalten. Aber sie feuern sich gegenseitig an, helfen einander. Und bis auf einen erreichen sie alle das Ziel, der letzte gegen zehn Uhr nachts. Auch Dave Fortier überwindet Kilometer 42,15, seine Schlüsselstelle. Danach liegen sie sich in den Armen, feiern zusammen. "Das Laufen war die beste Therapie für uns - und das lag nicht nur an den Endorphinen", resümiert der 48-jährige Fortier.

Nach dem großen Tag sind die meisten "4.15 Strong"-Läufer in ein psychisches Loch gefallen. "Post-Marathon-Depression", sagt Lee Ann Yanni. Aber dann haben sie neue Projekte geplant. Demnächst nehmen viele an einem Staffel-Strandlauf über 322 Kilometer teil: zwei Tage und Nächte im Team. Und im Herbst wird Dave Fortier das Training für den Boston-Marathon 2015 aufnehmen. "Ich hoffe, dass dann wieder eine Reihe Freunde mit dabei sind", sagt er. "Keep on running."

Was wurde eigentlich aus...

Außerdem in dieser Serie erschienen: Nokia, Hamburgs Ex-Bürgermeister Ole von Beust, Talkshowmoderatorin Arabella Kiesbauer, Ehec, Steinkohlebergbau, Radstar Jan Ullrich, Ägyptens Ex-Diktator Hosni Mubarak, Aids, Deutschlandstipendium, Transrapid, Dioxin, Prokon, Chatportal Knuddels, "Costa Concordia" und viele mehr.
Im Überblick: Alle Folgen der Serie "Was wurde aus...?

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