Attacke in Halle Flucht mit plattem Reifen

Eine Viertelstunde dauerte es, bis der Attentäter von Halle erstmals auf die Polizei traf - trotz Sichtkontakt konnte er zunächst entkommen, mit einem beschädigten Fahrzeug. Warum?

Der Attentäter von Halle steigt in seinen Leihwagen: Ein Reifen ist zerschossen
Andreas Splett / ATV-Studio Halle / AFP

Der Attentäter von Halle steigt in seinen Leihwagen: Ein Reifen ist zerschossen

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Sachsen-Anhalts Innenminister war vorbereitet. Zur Pressekonferenz in der Polizeiinspektion Halle hatte Holger Stahlknecht ein Protokoll mitgebracht. Minute für Minute verlas er, wie das Attentat von Halle ablief.

Der 27 Jahre alte Rechtsextremist Stephan Balliet hatte am Mittwoch versucht, eine Synagoge in Halle zu stürmen, er erschoss später zwei Menschen und verletzte mehrere weitere Personen.

Lesen Sie hier die Titelgeschichte des SPIEGEL: "Stream läuft"

Seine Tat streamte der Angreifer ins Internet. Das Video zeigt nicht nur den brutalen Angriff - sondern auch, wie lange Balliet ohne Störung durch die Polizei agieren konnte: Etwa 15 Minuten. Wie kam es dazu? Und warum ist es ihm gelungen, davonzufahren, obwohl die Polizei ihn bereits gestellt hatte?

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Halle, Max Privorozki, war während des Angriffs in der Synagoge. Er kritisierte später, es habe zu lange gedauert, bis die Polizei vor Ort gewesen sei. Dem jüdischen Forum sagte er: "Die waren zu spät vor Ort." Es habe zehn Minuten gedauert, obwohl er gesagt habe, es handle sich um einen bewaffneten Anschlag auf die Synagoge.

Video: Max Privorozki kritisiert Polizei

Fabrizio Bensch/REUTERS

Laut Innenminister Stahlknecht verlief die Alarmierung so:

12.01 Uhr beginnt der Angriff. Der Attentäter erreicht die Synagoge, versucht eine Tür zu öffnen und wirft schließlich einen Sprengsatz über die Mauer. Kurz darauf erschießt er eine 40-jährige Passantin.

12.03 Uhr geht der erste Notruf aus der Synagoge bei der Rettungsleitstelle ein.

12.04 Uhr wird die Polizei informiert.

12.11 Uhr kommen die ersten Beamten an der Synagoge an - doch der Täter war da bereits weg.

Laut Stahlknecht vergingen also sieben Minuten zwischen der Information der Polizei und dem Eintreffen der Beamten. Für Menschen in Todesangst seien sieben Minuten gefühlte sieben Wochen, so Stahlknecht.

Der Innenminister sagte, man habe 25 Meldungen und 23 Ereignisorte gehabt. Nach Informationen von SPIEGEL TV ging man bei der Polizei zeitweise von einer sogenannten Chaosphase aus. Die schließt eine unklare Informationslage ein, in der Kräfte angefordert und gesammelt werden.

Das weitere Geschehen in der chronologischen Abfolge:

12.10 Uhr sucht sich der Attentäter - frustriert über sein Scheitern vor der Synagoge - ein neues Ziel. Er greift etwa 500 Meter von der Synagoge entfernt einen Dönerimbiss an. Er feuert offenbar wahllos auf Passanten und tötet einen Handwerker.

12.16 Uhr will der Täter losfahren - und trifft zum ersten Mal auf die Polizei, ein einzelner Streifenwagen stellt sich auf der Straße quer. Seit dem Angriff auf die Synagoge sind also 15 Minuten vergangen.

Der Terrorist verschanzt sich hinter seinem Wagen und feuert immer wieder auf die Beamten. Er trifft den Streifenwagen, eine Kugel der Polizei verletzt ihn am Hals. Verstärkung ist nicht zu sehen. Der Attentäter schafft es zurück in seinen Golf, fährt los - und entkommt den Beamten.

Wie konnte es dazu kommen? Der Angreifer sei mit hoher Geschwindigkeit in eine Seitenstraße gefahren, sagte der Direktor der Polizeiinspektion Halle, Mario Schwan, bei der Pressekonferenz. "Die Beamten, die ihm nacheilten, haben dadurch Sichtkontakt verloren." Und das, obwohl ein Reifen des Täters platt ist, weil er ihn zuvor versehentlich beschossen hatte. Eine SPIEGEL-Auswertung des Tätervideos zeigt, dass Balliet seinen Wagen an dieser Stelle auf rund 60 Kilometer pro Stunde beschleunigt.

12.18 Uhr fährt der Attentäter noch mal an der Synagoge vorbei. Dort sind nach Angaben des Innenministers bereits Beamte. In dem Video ist eine einzelne Kofferraumklappe eines Polizeiwagens zu sehen, es sind jedoch keine Sirenen zu hören. Der Rechtsterrorist spricht in seinem Video auch nicht von Polizisten - vor dem Imbiss hatte er ihre Anwesenheit noch kommentiert. So fährt er nur wenige Meter an dem Polizeiwagen vorbei, merkliche Versuche, ihn aufzuhalten oder zu verfolgen, gibt es an dieser Stelle nicht.

Der Attentäter flieht über größere Straßen in südliche Richtung, kurze Zeit später wirft er sein Handy aus dem Fenster. Später versucht er ein weiteres Fahrzeug zu kapern und schießt auf zwei Menschen, die schwer verletzt werden. Er raubt schließlich ein Taxi und fährt von der A9 auf die B91 Richtung Süden. Dabei verursacht er einen Verkehrsunfall, bei dem niemand verletzt wird.

13.38 Uhr kann die Polizei ihn in der Nähe von Werschen festnehmen - rund 40 Kilometer südlich von Halle.



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