Prozess nach Halle-Attentat "Nach dem heutigen Tage wird er mir keine Qualen mehr verursachen"

Im Prozess in Magdeburg haben erstmals jene ausgesagt, die das Ziel des Terroranschlags vom 9. Oktober 2019 waren - betende Juden in der Synagoge. Ihre Botschaft an den Attentäter ist klar: Wir lassen uns nicht einschüchtern.
Aus Magdeburg berichtet Beate Lakotta
Gedenken an der Synagoge in Halle (Archiv)

Gedenken an der Synagoge in Halle (Archiv)

Foto: Steffen Schellhorn

Dem Zeugen Roman R. ist der Schrecken noch anzumerken. Der 32-Jährige arbeitet bei einer jüdischen Jugendorganisation und ist der Kantor der jüdischen Gemeinde in Halle. Er trägt Kippa und dunklen Anzug vor Gericht, er beschreibt die dramatischen Ereignisse in der Synagoge: wie es draußen laut knallte, wie er von seiner erhöhten Position als Vorsänger am Monitor der Überwachungskamera vor anderen den martialisch gekleideten und waffenstarrenden Attentäter erblickte und dann das Bild, das er niemals vergessen werde: "Ich habe gesehen, wie Frau Jana L. umgefallen ist", erinnert sich Roman R.  "Als ich das sah, wusste ich, es ist ernst." 

Es ist der achte Tag im Prozess um das Attentat auf die Synagoge von Halle, als zum ersten Mal diejenigen Menschen zu Wort kommen, die das Ziel des Terroranschlags waren. Am 9. Oktober 2019 versuchte der ehemalige Chemiestudent Stephan Balliet, 27, in voller Kampfmontur und mit einem selbst gebauten Waffenarsenal in das Gotteshaus einzudringen, um dort möglichst viele Juden zu töten.

Der selbst ernannte Verteidiger eines "weißen Europas" scheiterte an der Synagogentür, aus Frust erschoss er Jana L. aus Halle, die zufällig vorbeilief, und anschließend in einem Dönerimbiss den Malergesellen Kevin S., den er für einen Muslim hielt. 

Die Anklage lautet auf zweifachen Mord und 68-fachen Mordversuch, Holocaustleugnung, Volksverhetzung, räuberische Erpressung und anderes mehr. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Naumburg tagt im größten Saal des Magdeburger Landgerichts, aus Sicherheits- und Platzgründen. 

"Da war mir klar, das ist ein Terroranschlag", fährt Roman R. fort. "Duckt euch", habe er den älteren Gemeindemitgliedern zugerufen. Man habe angefangen, die Tür zu verbarrikadieren: "Es gab auch welche, die sagten: Lass uns rausgehen und kämpfen." Heute lasse ihn der Gedanke nicht los: Wenn sie gewusst hätten, dass der Attentäter allein war wären sie vielleicht rausgegangen und hätten ihn mit Steinen beworfen und irgendwie überwältigt. "Dann wäre es da schon vorbei gewesen." 

So aber blieben sie im Inneren des Gebäudes, bis auf dem Monitor Polizisten zu sehen waren. Vorsichtig hätten sie die Tür geöffnet und auf dem Rasen Champagnerflaschen mit Flüssigkeit entdeckt - Brandsätze, die nicht gezündet hatten. Draußen auf der Straße, sagt Roman R., habe es ausgesehen "wie Krieg". 

Rauchgeruch breitete sich aus

Am Morgen hatte Ilona B.* ausgesagt, 30 Jahre alt. Sie lebt in Berlin, hat einen Master in Internationalem Recht, sie war Teil einer jüdischen Gruppe aus Berlin, die nach Halle gereist war, um mit der dortigen Gemeinde Jom Kippur zu begehen, den höchsten jüdischen Feiertag. "Wir wollten ein bisschen Leben in die Gemeinde reinbringen, es sind ja fast alles ältere Menschen. Und wir wollten aus der Großstadt rauskommen und Jom Kippur in Ruhe und Frieden begehen", sagt die Zeugin. "Hat leider nicht geklappt."

Die Frau mit dem rotblonden Pferdeschwanz berichtet in sachlichem Ton: Als man gegen Mittag in der Synagoge einen "extrem lauten Knall" von draußen gehört habe, sei das Gebet zunächst normal weitergelaufen, dann sei der zweite Knall gekommen. Von der Frauenempore aus habe sie registriert, dass es unten am Monitor der Überwachungskamera Aufregung gegeben habe. Sie habe die Angst im Gesicht des Kantors gesehen: "Dann hieß es: Jemand schießt auf die Synagoge." Rauchgeruch habe sich ausgebreitet.

Die Frauen hätten versucht, sich in Sicherheit zu bringen: "Die Empore hatte nur einen Weg runter, der führte am Eingang vorbei. Wenn er da reingekommen wäre, hätten wir keine Chance gehabt."

"Was ist da in Ihnen vorgegangen?", fragt die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens. "Ganz ehrlich", antwortet die Zeugin: "Ich konnte mir das nicht wirklich vorstellen. Die Idee, dass ausgerechnet in Halle jemand versucht, auf die Synagoge zu schießen, kam mir abstrus vor."

Sie nahm Kontakt zur Mutter der Toten auf

Drinnen habe man noch lange nicht gewusst, was draußen geschehen sei, selbst als die Polizei schon eingetroffen sei. Die Kommunikation mit den Beamten sei schlecht gewesen, sagt die Zeugin. Über andere Kanäle hätten sie schließlich "Berichte von draußen erreicht, dass jemand erschossen wurde, dass es noch einen zweiten Tatort gab, dass der Täter geflüchtet war", sagt B. "Das war dann der Moment, wo einem klar wurde, dass das wirklich passiert ist."

Gleich am nächsten Tag habe sie Kontakt zur Mutter der getöteten Jana L. aufgenommen. "Nun weiß ich, wie sie als Mensch war und nicht nur als Tote", sagt Ilona B. "Das macht es nicht leichter." 

"Wie ging es Ihnen später?", erkundigt sich die Vorsitzende Richterin. "Eigentlich so weit ganz gut", sagt Ilona B. und erwähnt, dass sie sich nach dem Anschlag auf dem Heimweg in ihre Berliner Wohnung sogar noch einen Blumenstrauß gekauft habe. "Aber ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass zwei Menschen tot sind, weil ich es nicht bin. Mir wäre es lieber, er hätte auf mich geschossen. Ich kann ihm verzeihen, dass er versucht hat, mich umzubringen, aber nicht, dass er zwei andere Menschen getötet hat, die nichts damit zu tun haben. Ich weiß nicht, ob ich die Schuldgefühle darüber loswerden kann." 

"Ich glaube fest an die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland"

Einen Moment herrscht beklommene Stille im Saal. Dann fragt die Vorsitzende Richterin: "Was denken und empfinden Sie im Hinblick auf die jüdische Gemeinschaft in Deutschland?" B. antwortet: "Ich glaube, so schockierend das auch für uns war, jüdisches Leben hat mehr durchgestanden. Wir werden weitermachen wie vorher."

"Ich glaube fest an die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland", sagte auch der Rabbiner Jeremy Appelbaum Borovitz bei seiner Zeugenaussage am Morgen. Borovitz hatte die Gruppe junger Leute nach Halle begleitet. Seit anderthalb Jahren lebe er in Berlin, sagte der Zeuge, er habe sich in die Stadt verliebt: "Vor diesem Ereignis wussten wir nicht, wie lange wir bleiben würden. Jetzt kann ich sagen, dass das jüdische Leben in Deutschland weitergehen wird. Es wird mir ein Privileg sein, Teil davon zu sein."

Vor dem Rabbiner hatte die Zeugin Mollie S., 32 Jahre alt, das Wort: Sie arbeite für eine jüdische Nichtregierungsorganisation, in ganz Europa und auch weltweit, sagte sie. Da hört man das meckernde Lachen des Angeklagten, sofort ruft ihn die Vorsitzende zur Ordnung. Die Zeugin fuhr fort: Ihr Beruf sei es, Menschen verschiedener Religionen miteinander in Kontakt zu bringen. Eine Synagoge, sagte Mollie S., sei bisher immer ein Ort gewesen, wo sie sich sicher gefühlt habe - bis "das Ereignis", wie sie den Anschlag nennt, sie mit diesem Aspekt ihrer Herkunft in Verbindung gebracht habe: "Mein Großvater war in meiner Familie der einzige Überlebende des Holocaust. Mehr als hundert seiner Verwandten sind im Holocaust gestorben. Er hat mich im Arm gehalten. Jedes Jahr zu Jom Kippur hat er mich mit Tränen in den Augen gesegnet."

Nun zähle sie selbst auch zu den Überlebenden."Das habe ich nicht gewollt, aber nun ist es so." Und nach einer Phase, in der sie traumatisiert und arbeitsunfähig gewesen sei, fühle sie sich wieder stark. "Er  hat sich mit der falschen Person angelegt, mit der falschen Familie, den falschen Leuten", sagt Mollie S. über den Angeklagten: "Nach dem heutigen Tage wird er mir keine Qualen mehr verursachen. Es endet hier und heute."

Der Zeuge wendet sich direkt an den Attentäter

Der Zeuge Roman R. wandte sich am Ende seiner Aussage direkt an den Attentäter: Nur Tage nach dem Anschlag sei er zur Synagoge zurückgekehrt: "Ich war auf der Straße, wo du warst", sagt Roman R., "und ich will, dass du das weißt: Dort waren viele Menschen, und die wenigsten waren Juden. Es waren junge, alte, Hallenser. Sie haben 'Shalom' gesungen, 'Frieden'. Sie haben gesagt, wir werden diesen Ort nicht verlassen, wir beschützen euch. Und dann habe ich verstanden: Das ist das Deutschland, das ich kenne."

Roman R. schaut dem Attentäter direkt ins Gesicht: "Ich werde bleiben, ich werde meine Familie hier aufbauen. Und du musst für den Rest deines Lebens damit leben, was du getan hast. Es hat nichts gebracht."

*Name auf Wunsch der Zeugin geändert

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