Anschlag von Hanau In der Falle

Der Attentäter von Hanau stürmte im Februar 2020 die Arena Bar und schoss um sich. Der Notausgang war wohl verschlossen. Nun stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die Besitzer ein. Warum?
Einer von sechs Tatorten am Morgen nach dem Attentat in Hanau

Einer von sechs Tatorten am Morgen nach dem Attentat in Hanau

Foto: Nicolas Armer/ dpa

Ein Mann in einem khakifarbenen Parka, eine Wollmütze auf dem Kopf, steht mit verschränkten Armen in der Arena Bar. Es ist der 15. Februar 2020. Eine Überwachungskamera hat diesen Moment aufgezeichnet. Vier Tage später, kurz nach 22 Uhr, marschiert mutmaßlich derselbe Mann erneut in das Lokal im Erdgeschoss eines Hochhauses am Kurt-Schumacher-Platz in Hanau-Kesselstadt. Er schießt um sich.

Der Attentäter von Hanau war ein Rassist. An sechs verschiedenen Tatorten erschoss er neun junge Menschen, acht Männer, eine Frau; sechs weitere Personen verletzte er. Mindestens 47-mal drückte er ab in jener Nacht: In drei Bars, auf der Straße, auf einem Parkplatz, in einem Kiosk in der Hanauer Innenstadt und in Hanau-Kesselstadt, zweieinhalb Kilometer entfernt. Es ging dem 43-Jährigen darum, gezielt Personen mit ausländischen Wurzeln zu treffen.

Danach fuhr er nach Hause, tötete seine Mutter und zuletzt sich selbst. Deswegen gibt es kein Gerichtsverfahren, aber ein Untersuchungsausschuss versucht, die Tat aufzuarbeiten. Die Überlebenden und Angehörigen der Getöteten hoffen auf Antworten auf die Fragen, die sie haben.

»Umfangreiche Ermittlungen«

Eine davon hat die Staatsanwaltschaft Hanau nun beantwortet. Sie dreht sich um den Notausgang, den es in der Arena Bar gab. Dieser war am Abend des 19. Februar 2020 versperrt. Das Gerücht kursierte, der Betreiber habe ihn nach Rücksprache mit der Polizei verriegelt, um im Fall von Razzien einen Fluchtweg zu versperren.

Es liege »kein hinreichender Anfangsverdacht einer Straftat« vor, sagte Oberstaatsanwalt Dominik Mies. »Ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten« des Betreibers und des Mieters der Bar sei nach »umfangreichen Ermittlungen« nicht festzustellen.

Zwei Überlebende des Anschlags in der Arena Bar und drei Hinterbliebene eines Getöteten hatten im vergangenen Oktober Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung gestellt: In der Bar habe durch einen Umbau hinter dem Tresen ein direkter Fluchtweg gefehlt, und der Notausgang sei in der Tatnacht von innen abgeschlossen gewesen. Polizeibeamte hätten das gewusst, das Verschließen des Notausgangs sogar angeordnet, um bei Razzien eine mögliche Flucht von Besuchern zu verhindern.

Dafür spreche auch, dass die Tür bei Durchsuchungsmaßnahmen nicht gesichert worden sei – weil ohnehin alle gewusst hätten, dass sie verschlossen sei. Im Gegenzug habe die Polizei Strafanzeigen beim Ordnungsamt wegen angeblich nicht genehmigter Spielautomaten in der Bar unter den Tisch fallen lassen, so der Vorwurf der Überlebenden.

Die Staatsanwaltschaft gab nun am Donnerstag in einer detailreichen Erklärung bekannt, warum sie das Verfahren einstellte. Und auch, was sie alles prüfte: Wer betrieb die Bar zum Zeitpunkt des Attentats? Wer war Betreiber, als die Theke umgebaut wurde? Wie oft wurde das Lokal von Polizei, Ordnungsamt und Baubehörde kontrolliert – und warum?

Der abgesperrte Notausgang

Es gab Polizeieinsätze in der Arena Bar, Beschwerden von Anwohnern und Durchsuchungen. Im Rahmen der aktuellen Ermittlungen seien alle Vorfälle noch einmal rekonstruiert worden. Die Gewerbeakte sei überprüft worden, außerdem Bauunterlagen für das Lokal, Berichte zu Kontrollen der Polizei und des Ordnungsamtes, Verfahrensunterlagen des Bundeskriminalamtes. Die Arena Bar und die Wohnungen zweier Beschuldigter wurden demnach durchsucht, dort sichergestellte Unterlagen überprüft, Videos von Überwachungskameras gesichtet, Mitarbeiter des Bauamtes, der Polizei und des Ordnungsamtes, Zeugen des Anschlags und Stammgäste befragt.

Was wussten die Besucher über den Notausgang?

In der 40 Seiten langen Erklärung der Staatsanwaltschaft listet die Behörde all diese Zeugen und ihre Antworten zum Notausgang auf. Darunter Mitarbeiter, die angaben, die Tür sei immer unverschlossen gewesen. Einer erwähnte, er habe sie regelmäßig genutzt, um den Müll aus der Bar zu den Tonnen zu bringen. Auf dem Rückweg habe man die Tür von außen aufschließen müssen. Die Besucher der Bar hätten gewusst, wo der Notausgang gewesen sei.

Stammgäste gaben bei der Befragung hingegen an, der Notausgang sei stets verschlossen gewesen. Jeder habe das gewusst. Auch die Aussagen aller Kriminalbeamter, die in der Nacht nach der Tat in der Arena Bar im Einsatz waren, fasst die Staatsanwaltschaft für die Öffentlichkeit zusammen.

Fest steht laut dieser Ermittlungen, dass der Betreiber selbst Wert daraufgelegt habe, den Notausgang abzuschließen, wenn Kontrollen von Polizei und Ordnungsamt durchgeführt wurden. Ein Grund dafür könne sein, dass der Bereich des Notausgangs für die in der Bar angebrachten Überwachungskameras ein toter Winkel gewesen sei, der von Gästen auch für Drogengeschäfte genutzt worden sei.

»Natürlicher Fluchtinstinkt«

Für Absprachen zwischen Betreiber und Behörden gebe es keine Belege, so die Staatsanwaltschaft. Der Besitzer der Bar streite ab, Absprachen mit der Polizei getroffen zu haben. Ob die Tür an jenem 19. Februar 2020, als der Attentäter um sich schoss, abgesperrt war, »das konnten wir nicht mit letzter Gewissheit klären«, so Oberstaatsanwalt Mies. Keiner der zum Tatzeitraum Anwesenden habe an jenem Abend geprüft, ob der Notausgang abgeschlossen war.

Zudem sei der nachträglich eingebaute Lagerraum, der den unmittelbaren Fluchtweg aus dem hinteren Teil der Arena Bar zum Notausgang hin versperrte, nach Auskunft des Bauamtes nicht zu beanstanden. Es könne nicht »mit hinreichender Sicherheit« davon ausgegangen werden, dass den Betroffenen durch einen unverschlossenen Notausgang die Flucht geglückt wäre, wenn sie zu diesem geflüchtet wären, anstatt in Richtung des Lagerraums, wo sie in der Falle saßen.

Auch stehe nicht fest, dass die Männer in Richtung Lagerraum flüchteten, weil sie sich gegen eine Flucht zum verschlossen geglaubten Notausgang entschieden oder sie sich aufgrund des »natürlichen Fluchtinstinkts weg von der Gefahr hin zu dem Lagerraum bewegten«.

Oberstaatsanwalt Mies fasst die Tat in der Arena Bar wie folgt zusammen: »Nach den geführten Ermittlungen durchquerte der Täter um 22:00:22 Uhr den Windfang zwischen Kiosk und Bar, was die Gäste der Arena Bar wohl realisiert hatten, denn vier Sekunden später flüchteten sie sich – vom Notausgang weg – in den hinteren Bereich der Bar, bevor nur weitere 5 Sekunden später der Täter die Arena Bar betrat und auf die Opfer zu schießen begann. Wären die Gäste der Bar ab dem Erkennen der Gefahr in Richtung Notausgang geflüchtet, wären sie dem Täter vermutlich in die Arme gelaufen oder hätten befürchten müssen, von ihm im Flur vor dem Notausgang von hinten angegriffen zu werden. Daher erscheint es durchaus möglich, dass sich die Opfer der Tat von Anfang an ihrem natürlichen Fluchtinstinkt folgend von der Gefahrenquelle wegbewegt haben, da sie keine Chance sahen, der Gefahr zu entkommen, wenn sie in Richtung des Täters laufen.«

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