Anti-Mafia-Kämpfer Saviano "Ich kann endlich atmen"

Er wird von fünf Leibwächtern beschützt, schläft in Polizeikasernen: Seit sechs Jahren muss sich der Journalist Roberto Saviano vor der Mafia verstecken. Trotzdem fühlt er sich neuerdings frei wie nie. Im Interview erzählt er, wie ihn die Deutschen lehrten, sein Land zu lieben.
Roberto Saviano: "Früher kam Goethe, heute Touristen in weißen Socken"

Roberto Saviano: "Früher kam Goethe, heute Touristen in weißen Socken"

Foto: DPA

SPIEGEL: Herr Saviano, vor gut einem Jahr haben Sie vor Millionen Fernsehzuschauern gesagt: Trotz Berlusconi bleibe ich in Italien, weil ich sehen will, was danach passiert. Wie lebt es sich heute im Italien des Mario Monti?

Saviano: Wir sind noch wie benommen, ohne Berlusconi fühlen wir uns etwas verloren. Sehen Sie, ich bin jetzt 32 Jahre alt, seit ich wählen darf, kenne ich nur diese ewig gleichen Politiker-Fratzen. Jetzt habe ich zum ersten Mal Hochachtung vor einer Regierung, obwohl es keine Wahl gab und die Politik gerade Pause macht. Monti ist wie ein Präsident aller Italiener, man kann mit ihm reden, so etwas ist neu für uns. Bei Berlusconi war es wie im Fußballstation, entweder man war Fan, oder man pfiff ihn aus. Kurzum: Ich spüre Anflüge von Freiheit, mir ist, als könne ich endlich atmen.

SPIEGEL: Aus dem Mund eines Italieners, der sich seit fast sechs Jahren vor der Mafia verstecken muss und von fünf Leibwächtern Tag und Nacht bewacht wird, klingt das Wort Freiheit seltsam.

Saviano: Ich hätte nie geglaubt, dass es so schnell gehen würde. Aber trotz aller Aufbruchstimmung bleibt Ratlosigkeit. Der russische Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn hat einmal gesagt, wenn ein Land von korrupten Politikern regiert wird, würden Intellektuelle die Gegen-Regierung stellen. Nun sind wir wieder einfache Intellektuelle, was in Ordnung ginge, wäre Italien ein gesundes Land. Jetzt fühlen wir uns überflüssig und wissen doch, dass das, wofür der Name Berlusconi steht, noch lange nicht besiegt ist.

SPIEGEL: Im deutschen Vorwort Ihres neuen Buches* schreiben Sie, der Blick der Deutschen habe Ihnen geholfen, Italien zu lieben. Wie meinen Sie das?

Saviano: Wenn früher Goethe oder heute Touristen in weißen Socken meine Heimat besuchen, sehen sie die guten Seiten, das Menschliche, die Lebendigkeit, unseren Sinn für Schönheit. Als der Musiker John Coltrane einmal den Blues definieren sollte, sagte er: Der Blues ist das, was wir Schwarzen haben, anstelle der Freiheit. Das ist es, was ich meine: Italiener haben ein kaum funktionsfähiges Rechtssystem, wir sind nicht effizient. Aber wir machen das Beste daraus, mit Erfindergeist und Kreativität. Durch den Blick der Deutschen habe ich erst begriffen, dass man Liebe zu Italien erlernen kann.

SPIEGEL: Und wie reagieren Sie, wenn jetzt viele Deutsche angesichts des Unglücks der "Costa Concordia" alte Klischees bemühen: Das sinkende Schiff als Sinnbild für Italien, im Stich gelassen von einem eitlen, feigen Kapitän?

Saviano: Die europäische Finanzkrise verstärkt gewisse Ressentiments, das Klima wird hässlich, das macht mir Sorgen, ja. Auch in Italien gibt es neuerdings anti-deutsche Reflexe: Das Fernsehen zeigt Merkel mit Hitlerbärtchen, Komiker reißen Witze über den deutschen Besserwisser. Das kannte ich nicht mal von meinem Großvater, einem Juden, der im Konzentrationslager Dachau saß. Selbst der hat gesagt: Ich hasse Deutsche in Uniform, aber sobald sie mir zu Essen geben und mit mir lachen, wachsen sie mir ans Herz.

SPIEGEL: Stimmt es denn, ist Kapitän Schettino ein typischer Italiener?

Saviano: Er stammt wie ich von der neapolitanischen Küste, wie übrigens die meisten Kapitäne weltweit. Trotzdem verstehe ich, dass er zum Inbegriff des eitlen Italiens geworden ist, Berlusconi hat dieses Bild ja nachhaltig geprägt. Sie glauben nicht, wie vielen Schettinos ich schon begegnet bin: Lautstark gestikulierende Angeber ohne Verantwortung, die nur sich selbst lieben. Aber ich kenne auch die andere Seite, die der Mafiosi...

SPIEGEL: ... schweigsame Männer, die ein Leben nach strengen Regeln führen?

Saviano: Genau, es ist das absolute Gegenteil von dem Bild, das die Welt von Italienern hat. Es klingt paradox, aber ausgerechnet im chaotischen Italien ist die Mafia eine der diszipliniertesten und zuverlässigsten Organisationen überhaupt. Zuerst prahlen Mafiosi noch mit ihren Heldentaten. Aber wenn sie Bosse sind, tauchen sie unter, opfern ihr Leben, verzichten auf Sex, auf Weihnachten mit der Familie und ordnen sich einem strengen System unter. Das macht sie so erfolgreich.

"Es wird nicht lange dauern, bis Berlusconi zurückkehrt"

SPIEGEL: In Ihrem neuen Buch träumen Sie von einem besseren Land ohne Mafia und Schattenwirtschaft. Wird es je dazu kommen?

Saviano: Wir sind noch weit entfernt von diesem anderen Italien. Gewiss, langsam setzt sich auch bei uns die Einsicht durch, dass nur der einen Job verdient, der auch in der Lage ist, ihn auszuüben. Montis Liberalisierungspläne sind dabei fundamental, sie öffnen einen Markt, der auf Vetternwirtschaft basierte. Seine Reformen haben uns den Glauben an die Institutionen zurückgegeben, das ist wichtig. Aber die Frage wird sein, ob uns nach Monti der Übergang zur echten Politik gelingt.

SPIEGEL: Was erwarten Sie?

Saviano: Ich traue der momentanen Ruhe nicht. Es wird nicht lange dauern, bis die alte Politiker-Kaste zurückkehrt, inklusive Berlusconi. Sie werden sagen, die Technokraten haben nichts zustande gebracht, lasst uns wieder ans Ruder. Ich halte mich von dieser Meute fern, obwohl sie mir alle möglichen Posten angeboten haben, Bürgermeister, Kandidat der Linken.

SPIEGEL: Woran liegt es, dass die Mafia zur Zeit kein politisches Thema ist?

Saviano: Niemand wagt sich derzeit an die Grundübel. Dabei ist das organisierte Verbrechen schon lange kein nationales, sondern ein europäisches Problem. Durch die Finanzkrise wird die Mafia erstarken, da bin ich sicher, die Korruption wird zunehmen und der Drogenhandel auch. Kokain ist die Droge der Krise, sie hält einen länger wach. Deswegen wäre auch eine europäische Anti-Mafia-Behörde in Brüssel so wichtig.

SPIEGEL: Das organisierte Verbrechen lässt sich also nur bekämpfen, wenn man es als Strukturproblem begreift?

Saviano: Exakt. Silvio Berlusconi hat 20 Jahre lang das schlechte Italien repräsentiert. Wir haben ihn gehasst, ja. Aber das Problem ist nicht Berlusconi, es wäre zu einfach, ihn für alles zum Sündenbock zu machen. Das Problem ist die Mentalität, sind Korruption, Steuerhinterziehung, Staatsfeindlichkeit und eine Politik, die diese Strukturen bedient.

SPIEGEL: Was also ist zu tun, was tun Sie?

Saviano: Ich bin wie besessen davon, den Italienern von den Zuständen in ihrem Land zu berichten. Ich will dabei mein Land nicht diffamieren, wie mir oft vorgeworfen wird. Ich entwerfe einen Traum von der Zukunft: Erzählen ist der erste Schritt des Handelns, Worte sind Taten, daran glaube ich fest.

SPIEGEL: Interessieren sich die Italiener noch für die Wahrheit über die Mafia?

Saviano: Machen Sie Witze? Bei meiner TV-Sendung "Vieni via con me" (Komm fort mit mir), auf die ja mein neues Buch zurückgeht, hatte ich bis zu elf Millionen Zuschauer, und weitere fünf Millionen im Internet, das war ein Rekord. Die Italiener konnten es nicht erwarten, mehr über die Verbindungen der Mafia mit der Lega Nord oder den Wahlbetrug in Kalabrien zu erfahren. Auch so etwas ist möglich in diesem Land: ein Wunder, das jetzt allerdings auf einem Privatkanal fortgesetzt wird.

SPIEGEL: Dabei klingen Ihre Geschichten über Wahlmanipulationen unglaublich…

Saviano: … nach tiefstem Mittelalter, ich weiß. Aber das Gegenteil ist der Fall. Stimmenkauf ist hoch aktuell, spätestens wenn Monti abdankt, wird es wieder losgehen. Die Camorra kauft zigtausende Wähler, das ist bekannt. Von der Druckerei bekommen die Gangster die Stimmzettel und füllen sie aus. Der Wähler tauscht sie dann in der Kabine aus, als Beweis reicht das Handyfoto des Zettels. Danach wird er mit 50 Euro entlohnt, mit einer Gefälligkeit oder mit einem Mini-Job. Diese Praktiken kennt jeder im Süden.

SPIEGEL: Vor sechs Jahren haben Sie den Weltbestseller "Gomorrha" über das Innenleben der Camorra veröffentlicht. Hat sich der Kampf gegen die Mafia seitdem verändert?

Saviano: Wir sind auf einem guten Weg. Viele vom Clan der Casalesi, von dem mein Buch hauptsächlich erzählte, sitzen heute hinter Gittern. Einer der letzten Bosse wurde im Dezember festgenommen. Nicht der Inhalt meines Buchs hat den Clan wütend gemacht, sondern die Auflage von vier Millionen.

SPIEGEL: Seither wird Ihr Leben bedroht?

Saviano: Leider ja, mein Leben verläuft nach Plan, jeder Schritt wird überwacht, meine Familie musste fort ziehen, jede zweite Nacht schlafe ich in einer anderen Polizeikaserne. Ich bin jetzt das Gewissen der Nation. Aber ich bin mir selbst unsympathisch geworden, der Preis für meinen Erfolg ist gigantisch.

SPIEGEL: Was vermissen Sie am meisten?

Saviano: Mein altes Leben, meine Vespa und Neapel. Es macht mich krank, dass ich niemandem mehr vertrauen kann. Beziehungen knüpft man während ausgelassener Abendessen, in Taxis, die man gemeinsam nimmt, auf Straßen, auf denen man redet. All das ist mir unmöglich. Bei öffentlichen Auftritten begafft man mich, danach geht's weiter im gepanzerten Auto. Glauben Sie, so etwas hilft, einander kennenzulernen, sich vielleicht sogar zu verlieben?

SPIEGEL: Wie lange werden Sie noch so leben müssen?

Saviano: Ich weiß es nicht. Vielleicht hat Salman Rushdie recht, der sagte, entweder du befreist dich, oder du krepierst. Er fand, ich solle neue Themen suchen. So hat auch er es gemacht, weg vom Islam. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte einfach nur Liebesgeschichten schreiben.

Das Interview führte Fiona Ehlers
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.