Massenmorde in Norwegen Breiviks Anwalt will Extremisten als Zeugen laden

Ein Gutachten hat ihn für nicht zurechnungsfähig erklärt, doch der Massenmörder Anders Breivik erhob dagegen Einspruch. Im bevorstehenden Prozess will sein Anwalt beweisen, dass Breivik schuldfähig ist - und dazu Islamisten und Rechtsextreme in den Zeugenstand rufen.

Anders Breivik: Extremisten sollen seine Schuldfähigkeit beweisen
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Anders Breivik: Extremisten sollen seine Schuldfähigkeit beweisen


Hamburg - Der Anwalt des norwegischen Attentäters von Utöya und Oslo will bei dem Prozess Islamisten und Rechtsextreme in den Zeugenstand rufen, um die Zurechnungsfähigkeit von Anders Breivik zu beweisen. Unter den insgesamt rund 40 Zeugen, die Breiviks Verteidiger Geir Lippestad vorladen will, sind zudem die Psychiater und Experten, die den Massenmörder während seiner Haft beobachteten.

In dem Verfahren solle unter anderem der kurdische Islamistenführer Mullah Krekar aussagen, sagte Lippestad am Montag. Der in Norwegen lebende Krekar war erst vergangene Woche wegen Todesdrohungen und Aufrufen zum Mord zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Zudem soll ein als Fjordman bekannt gewordener islamfeindlicher Blogger vorgeladen werden. Breivik bezieht sich in seinem Manifest immer wieder auf Fjordman, der Texte über Zuwanderung und den Islam verfasst hat.

Staatsanwaltschaft will rund hundert Zeugen vorladen

Mit den Aussagen von Islamisten und Rechtsextremen will die Verteidigung von Breivik dessen Straffähigkeit beweisen. Das ist der ausdrückliche Wunsch des Angeklagten. Er ist der Auffassung, dass ansonsten seine Ideologie in Zweifel gezogen würde. Ein Gutachten hatte Breivik für unzurechnungsfähig erklärt. Bei geistiger Unzurechnungsfähigkeit würde Breivik im Fall einer Verurteilung in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen und nicht ins Gefängnis gehen.

"Die Frage ist, ob es in Norwegen - wenn auch kleine - Milieus gibt, die dieselbe Meinung vertreten" wie Breivik, sagte Lippestad. Dies könne für die Einschätzung der Schuldfähigkeit von Bedeutung sein, über die letztlich das Gericht entscheidet.

Zuvor war bekannt geworden, dass Breivik offenbar von seiner Mutter beim Verbergen seines Vermögens unterstützt wurde. Die Frau habe in einem Polizeiverhör eingeräumt, ihrem Sohn geholfen zu haben, 400.000 Kronen (rund 53.000 Euro) "zu waschen", berichtete die norwegische Zeitung "VG" in ihrer Online-Ausgabe. Die Frau habe das Geld für einige Zeit auf dem eigenen Konto behalten. Auch soll sie Abrechnungen für Breivik gemacht und Behördenbriefe geschrieben haben.

Der Angeklagte hatte am 22. Juli im Regierungsviertel von Oslo mit einer Autobombe acht Menschen getötet. Anschließend erschoss er in einem Sommerlager der regierenden Arbeiterpartei auf der Insel Utöya 69 Teilnehmer, hauptsächlich Jugendliche. Die Anklage, "Terrorakte" verübt und Menschen vorsätzlich getötet zu haben, könnte auf eine Verurteilung zu 21 Jahren Gefängnis hinauslaufen - die Höchststrafe in Norwegen.

Das Verfahren soll am 16. April beginnen. Die Staatsanwaltschaft plant, etwa 98 Zeugen zu befragen. Die Schlussplädoyers werden am 22. Juni erwartet.

bim/dpa/AFP/Reuters



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