Prozess gegen Arafat Abou-Chaker DJ Maulfaul

Der Zeuge Farhang Ganji Dastjerdeh – alias DJ Gan-G – wünschte, im Prozess gegen Arafat Abou-Chaker nicht auszusagen. Aus Angst? Aus Loyalität? Ein Gericht entschied: Er muss. Der Auftritt blieb rätselhaft.
Von Wiebke Ramm, Berlin
Zeuge Farhang Ganji Dastjerdeh: »Keine Lust mehr«

Zeuge Farhang Ganji Dastjerdeh: »Keine Lust mehr«

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Olaf Wagner / IMAGO

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»Es drängt sich die Vermutung auf, dass Sie mehr wissen, als Sie uns sagen«, sagt der Vorsitzende Richter. Der Zeuge ist zu diesem Zeitpunkt noch keine Viertelstunde im Saal. Seine Befragung wird noch zwei weitere Stunden dauern. An dem Eindruck, dass er möglichst wenig sagen möchte, ändert sich nichts.

Farhang Ganji Dastjerdeh – Künstlername: DJ Gan-G – ist 41 Jahre alt, Brillenträger und von eher schmächtiger Statur. Im Prozess gegen Arafat Abou-Chaker vor dem Landgericht Berlin gibt er sich am Montag wortkarg. DJ Gan-G möchte offenkundig nicht in den Streit zwischen dem Rapper Bushido und der Berliner Großfamilie Abou-Chaker geraten. Dass er vor Gericht aussagen muss, bereitet ihm Unbehagen. Stocksteif sitzt er da.

Der Zeuge hatte Bushido einst als DJ auf Tour begleitet, auch noch 2018, als Bushido sich von seinem Manager Arafat Abou-Chaker trennen wollte. Über Jahre hatten der Gangsta-Rapper und der Clanboss zusammen Millionen verdient. Abou-Chaker soll wenig Interesse gehabt haben, das Geschäft zu beenden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Bushido am 18. Januar 2018 eingesperrt, bedroht, beleidigt und mit einem Stuhl und einer Plastikflasche attackiert zu haben. Arafat Abou-Chaker werden versuchte schwere räuberische Erpressung, Freiheitsberaubung, gefährliche Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung zur Last gelegt. Drei seiner Brüder sind wegen Mittäterschaft oder Beihilfe angeklagt.

Kein umfassendes Recht zu schweigen

DJ Gan-G will, so wirkt es, mit alledem nichts zu tun haben. Im März dieses Jahres war er schon einmal als Zeuge geladen. Damals hatte er sich auf ein umfassendes Auskunftsverweigerungsrecht berufen. Gegen DJ Gan-G wird in einem Steuerstrafverfahren ermittelt. Das Kammergericht Berlin hat mittlerweile entschieden, dass der Zeuge kein umfassendes Recht zu schweigen hat. Er muss die Fragen des Gerichts beantworten. So ist er an diesem Tag erneut in Saal 500. Zur Aufklärung trägt er dennoch wenig bei.

Da wäre die Sache mit Kay One, einem anderen Rapper. Der Richter fragt DJ Gan-G, ob er wisse, warum Kay One 2012 das Label von Bushido verlassen habe. »Das weiß ich leider nicht«, sagt er: »Ich war nie in diese Labelsachen involviert.« Er ergänzt: »Ich würde es sagen, wenn ich es wüsste.« Der Richter lässt nicht locker. Wie hat er sich den Bruch mit Kay One damals erklärt? Dass sich ein Künstler von seinem Label trenne, sei nichts Ungewöhnliches, sagt der Zeuge.

Oberstaatsanwältin Petra Leister versucht, seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Hat er mitbekommen, dass es Jahre zuvor zu einer »körperlichen Auseinandersetzung« zwischen Kay One und Arafat Abou-Chaker gekommen sein soll? Oder war einmal von einem »Vorkommnis in einem Keller« die Rede? »Nein«, sagt der Zeuge. Mehr sagt er nicht.

»Ich will einfach in Ruhe gelassen werden.«

Bushido zu seinem Verhältnis zu Arafat Abou-Chaker

Auch Kay One hatte sich schwergetan, als Zeuge im Prozess auszusagen. Dass Arafat Abou-Chaker ihn 2008 eine Viertelstunde lang in einem Keller mit einem Baseballschläger attackiert haben soll, gab Kay One erst auf vielfache Nachfrage preis . DJ Gan-G aber bleibt wortkarg. Er will nichts Ungewöhnliches zwischen Kay One und Abou-Chaker mitbekommen haben.

Der Vorsitzende Richter fragt nach dem Treffen zwischen Bushido und Abou-Chaker am 18. Januar 2018. Hat Bushido ihm mal davon erzählt? Bushido habe von einem Treffen »hinter verschlossener Tür« berichtet und dass es »Theater« gegeben habe. Von Handgreiflichkeiten habe der Rapper nichts erzählt. Skepsis beim Richter. »Überlegen Sie noch mal.« Doch der Zeuge bleibt bei seiner Antwort. Bei der Polizei war er gesprächiger.

Was war mit der Ohrfeige?

Der Richter liest ihm Auszüge aus dem Protokoll seiner polizeilichen Vernehmung im Mai 2019 vor. Dort sagte DJ Gan-G, Bushido habe ihm erzählt, dass er damals bedrängt und geschlagen worden sei. Von einer Ohrfeige ist die Rede. Heute will der Zeuge davon nichts mehr wissen.

Auf Arafat Abou-Chakers Handy fanden die Ermittler zahlreiche heimlich mitgeschnittene Gespräche, darunter auch eines mit DJ Gan-G. Demnach erzählte er Abou-Chaker im April 2018, dass Bushido ihm berichtet habe, dass er im Januar 2018 eingesperrt worden sei. Bushido habe ihm gesagt: »Damit könnte ich wahrscheinlich auch zu den Bullen gehen. Aber das will ich nicht, ich will einfach in Ruhe gelassen werden.« Den Zeugen bringt seine frühere Aussage nicht aus der Ruhe. Dann habe Bushido ihm das damals wohl so gesagt, entgegnet er.

Jenes Gespräch sei sein letztes Treffen mit Abou-Chaker gewesen, sagt DJ Gan-G. Nach April 2018 habe es keinen Kontakt mehr gegeben. Eine beisitzende Richterin fragt nach dem Grund. »Ich habe mich zurückgezogen.« »Und warum?« »Weil ich keine Lust mehr hatte.« Seiner Neigung zu einsilbigen Antworten bleibt er treu.

Vor dem Saal steht ein bärtiger Mann von eindrucksvoller Statur. Der Vorsitzende Richter fragt, ob DJ Gan-G möglicherweise »Sicherheitspersonal« zu seinem Termin vor Gericht mitgebracht habe. Nein, sagt der Zeuge. Der Mann vor der Saaltür sei einfach ein Bekannter.

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