"Arctic Sea" Experten spekulieren über Waffenschmuggel

Schmuggel von illegalen Marschflugkörpern, israelische Agenten an Bord: Die Gerüchte um das Verschwinden der "Arctic Sea" blühen. Acht mutmaßliche Entführer wurden am Freitag offiziell in Moskau inhaftiert - auch sie präsentieren abenteuerliche Aussagen.
Mutmaßliche Geiselnehmer bei der Festnahme: "Agenten des Mossad?"

Mutmaßliche Geiselnehmer bei der Festnahme: "Agenten des Mossad?"

Foto: Ricky LOPEZ/ AFP

Moskau - Welche Fracht hatte die "Arctic Sea" tatsächlich geladen? Und wer sind die mutmaßlichen Entführer wirklich? Besonders russische Medien spekulieren heftig über das mysteriöse Verschwinden des Frachters. Ihre Thesen: Auf dem Schiff sollen Marschflugkörper gewesen sein - und Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad.

Weitere Nahrung erhalten die Gerüchte um den Waffenschmuggel dadurch, dass Russlands Nato-Botschafter Dmitri Rogosin entsprechende Theorien erst nach fünf Tagen dementierte. Zudem blüht der illegale Handel auch mit Waffen aus Sowjet-Zeiten weltweit. Als zweitgrößter Waffenexporteur nach den USA beliefert Russland auch Staaten mit Rüstungsgütern, die für den Westen auf der schwarzen Liste stehen.

Aufschluss über das Geschehen auf der "Arctic Sea" könnten die Aussagen der acht mutmaßlichen Piraten geben - die am Freitag vor einem Moskauer Gericht ihre ganz eigene Version zu Protokoll gaben. Sie seien Umweltschützer, die sich auf den Frachter gerettet hätten. "Es gab einen Sturm und wir suchten Schutz auf dem ersten Schiff, das wir sahen", zitiert die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass einen der Verdächtigen. Sie erklärten sich für unschuldig.

Der Frachter "Arctic Sea" war am 23. Juli angeblich mit einer Ladung Holz im Wert von 1,16 Millionen Euro nach Algerien aufgebrochen. Piraten entführten das Schiff nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums einen Tag später. Ein russisches Kriegsschiff brachte die "Arctic Sea" am 18. August vor der Küste der Kapverden auf. Nach ihrer Festnahme wurden die unter anderem aus Russland, Estland und Lettland stammenden mutmaßlichen Geiselnehmer nach Moskau gebracht. Ein Gericht in der russischen Hauptstadt genehmigte ihre Festnahme am Freitag.

Wollten Agenten den Waffenschmuggel an Iran aufdecken?

Viele fragen sich bis heute, warum die angeblichen Piraten nach der Kaperung des Schiffs an Bord blieben, bis die russische Schwarzmeerflotte die Seeleute befreite. Russische Militärexperten betonten angesichts der nebulösen Geschichte erneut, dass der ganze Aufwand nur für Holz und 15 Seeleute unverhältnismäßig sei.

Auch russische Medien wiederholten am Freitag ihre These, dass unter der schweren Holzfracht der "Arctic Sea" auch illegal Marschflugkörper transportiert worden sein könnten. Es könnte sich um X-55-Raketen handeln, die mit Atomsprengköpfen bestückbar seien.

Einige Zeitungen gingen noch weiter. So vermutet etwa die Moskauer Publizistin Julia Latynina in der Kreml-kritischen Zeitung "Nowaja Gaseta", dass die gefassten mutmaßlichen Geiselnehmer tatsächlich Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad seien, die den Schmuggel von Rüstungsgütern an Iran aufdecken wollten.

"Merkwürdige Geschichte"

Als ein Indiz für ihre Theorie führte Latynina an, dass der israelische Präsident Schimon Peres Anfang dieser Woche Russlands Präsident Dimitrij Medwedew in der Schwarzmeerstadt Sotschi traf, kurz nachdem die Befreiung der "Arctic Sea" gemeldet worden war.

Bereits am Mittwoch hatte der estnische EU-Referent für Piraterie, Tarmo Kõuts, gesagt, die "merkwürdige Geschichte" um das mit Holz beladene Schiff könne eigentlich nur mit illegalem Waffenhandel erklärt werden. Auch der Leiter des russischen Zentrums für Militärplanungen, Anatoli Zyganok, hielt einen Militärtransport für wahrscheinlich. "Ich denke, es geht um Rüstungsgüter", sagte der Oberst der Moskauer Zeitung "Gaseta".

Die ukrainische Internetzeitung "Obosrewatel" berichtete in dieser Woche ohne Angaben von Quellen, dass die X-55-Raketen auf der "Arctic Sea" über den Umweg Algerien an Iran geliefert werden sollten. Die Marschflugkörper kommen auch auf Jagdbombern vom Typ Suchoi SU-24 zum Einsatz - die das Rückgrat der iranischen Luftwaffe bilden. Medien wiesen außerdem darauf hin, dass etwa die Ukraine 2005 den Schmuggel von X-55-Raketen an Iran und China einräumen musste.

kgp/dpa/AP/AFP
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