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Furcht vor Geheimdienst: "Arctic Sea"-Experte flieht aus Russland

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Arctic-Sea-Piraten "Das ist doch Ljocha aus dem Nachbarhaus!"

Der entführte Frachter "Arctic Sea" war nie wirklich verschollen. Die Nato schwieg, angeblich weil Russland das Piratenproblem an Bord selbst lösen wollte. Die Tatverdächtigen werden von den Medien vorgeführt - Angehörige fordern, die Seeleute endlich freizulassen.

Moskau - Die Nato wusste laut Informationen der "Süddeutschen Zeitung" immer, wo sich der finnische Frachter befand. Man habe seinen Weg durch den Ärmelkanal, durch die Biskaya und vor der portugiesischen Küste stets verfolgt, hieß es in Kreisen des Verteidigungsbündnisses. Die russische Regierung habe jedoch von Anfang an darauf bestanden, das Problem selbst zu lösen. Daher habe sich die Nato bewusst herausgehalten. Sonst hätte es mächtige Verwicklungen gegeben, hieß es weiter.

Gleichwohl wurde Moskau von dem Bündnis mit Daten versorgt. Der russische Nato-Botschafter Dmitrij Rogosin sagte dem SPIEGEL, dass er Nato-Chef Anders Fogh Rasmussen am 11. August über die Suche nach der "Arctic Sea" informiert habe, am nächsten Tag habe Russland von dem Bündnis die Koordinaten erhalten. Anschließend seien die Daten täglich präzisiert worden.

Verschiedene Beobachter hatten vermutet, die "Arctic Sea" habe Drogen oder Waffen geladen. Rogosin betonte im Interview mit dem SPIEGEL, dass die Spezialkräfte beim Entern des Frachters "nichts Auffälliges an Bord" gefunden hätten. Genau das sei die "schlechte Nachricht", weil damit klar sei, dass es bei der Entführung tatsächlich nur um Lösegeld ging. "Gerät ein Land wie unseres in solche Probleme, dann wird schnell der größte Unfug angenommen", sagte Rogosin.

Auch die EU-Kommission hatte mitgeteilt, sich an Absprachen mit Russland zu halten. "Wenn wir nichts gesagt haben, dann heißt das nicht, dass wir nichts wussten", wurde EU-Kommissionssprecher Martin Selmayr von der russischen Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta" zitiert. Mit dem Fall "Arctic Sea" seien Geheimdienste aus 20 Ländern beschäftigt gewesen.

Russland hatte am Montag vor einer Woche die Befreiung der 15 russischen Seeleute auf der "Arctic Sea" bekanntgegeben. Dabei übernahm die russische Schwarzmeerflotte vor der westafrikanischen Küste des Inselstaats Kap Verde die Kontrolle über den angeblich mit Holz beladenen finnischen Frachter. Einen Tag später hieß es, auch acht mutmaßliche Piraten seien gefasst worden. Gegen die Verdächtigen, die zuletzt im Baltikum gelebt haben sollen, ergingen am Freitag Haftbefehle wegen Piraterie. Sie sollen auch gut eine Million Euro Lösegeld erpresst haben. Ihnen drohen 20 Jahre Haft.

Die russischen Seeleute werden unterdessen weiter vom russischen Geheimdienst FSB festgehalten und verhört. Der Inlandsgeheimdienst FSB untersucht derzeit im früheren KGB-Gefängnis Lefortowo in Moskau, ob es unter der Besatzung einen oder mehrere Helfer der "Piraten" gegeben habe, berichtete der Radiosender Echo Moskwy am Wochenende. Sie sei in großer Sorge um ihren Mann, einen Maschinisten der "Arctic Sea", sagte Natalia Dostowalowa dem Sender. Auch andere Angehörige beklagen, dass sie weiter keinen Kontakt hätten und fragen sich, auf welcher Rechtsgrundlage die "befreiten Seeleute" so lange festgehalten werden. Die russische Seefahrergewerkschaft hatte bereits in der vergangenen Woche in einem offenen Brief an die Führung in Moskau appelliert, die Männer nach der wochenlangen Irrfahrt in der Gewalt der Geiselnehmer nun endlich freizulassen.

Dass die Seeleute von der Öffentlichkeit abgeschirmt würden, sei "in so einer Situation normal", sagte Nato-Botschafter Rogosin dem SPIEGEL. Sie müssten wegen der laufenden Ermittlungen "erst einmal isoliert werden".

Gegen die acht gefassten mutmaßlichen Entführer der "Arctic Sea" ergingen Haftbefehle. Unter den Männern im Alter zwischen 29 und 45 Jahren seien je ein Staatsbürger Estlands, Lettlands und Russlands sowie fünf Staatenlose, die zuletzt in Estland gelebt hätten, schrieb die Zeitung "Kommersant" am Samstag.

Die Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda" trieb angebliche Nachbarn der Tatverdächtigen in der estnischen Hauptstadt Tallinn auf. Sechs von ihnen sollen aus ein und demselben, vor allem von Russen bewohnten Stadtviertel stammen. "Das ist ja eine Nummer!", wunderte sich ein Internet-Blogger nach Bekanntgabe der Festnahmen: "Auf einem der Fotos von den Piraten, die den Frachter in der Ostsee gekapert haben, hab ich Ljocha aus dem Nachbarhaus erkannt, der ging mit mir in die Schule."

Der 30-jährige Aleksej B., Spitzname Bulja, soll einer von ihnen sein. Laut "Komsomolskaja Prawda" war er mehrfach im Gefängnis, trank, rauchte Marihuana und soll in der Stadt Paldiski sogar einen Bus entführt haben. Der 42-jährige Tatverdächtige Dmitrij B. soll gleich nebenan gewohnt haben, die Freunde des 30-jährige Ewgenij M. ihrem festgenommenen Kumpel im Internet eifrig Mut zusprechen. Mit den Persönlichkeitsrechten nimmt es das Blatt offenbar nicht so genau: Auf gleich mehreren Seiten werden fünf Porträts von Festgenommenen gezeigt.

Um den von halb Europa drei Wochen lang verschollen geglaubten Frachter gibt es noch immer mehr Fragen als Antworten. Die russische Seefahrergewerkschaft sowie der finnische "Arctic Sea"-Betreiber Solchart Management wollen wissen, wieso Moskau den Frachter, der unter maltesischer Flagge fuhr, nicht freigebe. Das Schiff steuert laut Kreml derzeit auf den russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk zu. Auch Nato und EU-Kommission schweigen auf Bitten der Russen weiter.

Hartnäckig halten sich Gerüchte, der angeblich mit Holz im Millionenwert beladene Frachter könnte zum Waffenschmuggel eingesetzt worden sein. Ein Rätsel bleibt dabei die Herkunft der mutmaßlichen Seeräuber. Sind sie einfache Kriminelle, die im Baltikum nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis im Stil somalischer Piraten eine neue "Karriere" beginnen wollten? Oder sind sie Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad - die den Schmuggel sowjetischer Marschflugkörper an den "Schurkenstaat" Iran aufdecken wollten? Bisher hat sich keine der Theorien als stichhaltig erwiesen.

Die Tatverdächtigen selbst brachten eine dritte Variante ins Spiel, bei der sich sogar die sonst ernsten Moderatoren des russischen Fernsehens das Lachen nicht verkneifen konnten. "Wir sind friedliche Umweltschützer", sagte der mutmaßliche Seeräuber, Andrej Lunew, mit gesenktem Kopf vor laufender Kamera. Welche Organisation? Daran könne er sich nicht erinnern, "irgendein privates Konsortium".

Nach seiner Darstellung gerieten er und seine Kameraden am 24. Juli in einem Sturm in Seenot und wurden von der "Arctic Sea" gerettet. Das Verhältnis zur Crew sei "freundschaftlich" gewesen.

Die von der Schwarzmeerflotte aufgegriffenen "Piraten" wiesen Vorwürfe zurück, sie hätten einen bewaffneten Überfall geplant. "Wir hatten keine Waffen", sagte Lunew. Einzelne Seeleute zeigten allerdings Spuren auf ihrer Haut, die angeblich von den Fesseln der Geiselnehmer stammten. Die "Piraten" sollen rund eine Million Euro Lösegeld für die "Arctic Sea" verlangt haben.

ala/dpa/AP
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