"Arctic Sea"-Verschwinden Antipiratismus als Staatsideologie

Unter mysteriösen Umständen ist die verschollene "Arctic Sea" wieder aufgetaucht. Russland lobt die Zusammenarbeit mit der Nato und versucht so, sein Image als Störenfried in der Welt abzuwehren. Im Dunkeln bleiben jedoch der Verlauf der Entführung, die Motive der Täter - und was der Frachter tatsächlich geladen hatte.

Moskau - Russland meldet mal wieder einen Sieg. Diesmal nicht an der Kaukasusfront, sondern auf hoher See. Die Besatzung des Zerstörers "Ladnij" hat 15 Seeleute des am 24. Juli in der Ostsee gekaperten Handelsschiffes "Arctic Sea" nahe des westafrikanischen Inselstaates Cap Verde aus den Händen von Piraten befreit.

Ein stolzer Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow rapportiert dem russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew: "Auf Ihre Weisung hin wurde das Schiff gesucht und gefunden."

Solche demonstrativen Erfolge kann Serdjukow gut brauchen, denn in der Armee und ihrem Generalstab ist er wegen umstrittener Reformprojekte sehr unbeliebt. Auch international sucht Russland Erfolgserlebnisse, während es im Nordkaukasus einer anschwellenden Welle von Terroranschlägen ausgesetzt ist.

Moskaus wortgewaltiger Vertreter bei der Nato, Dmitrij Rogosin, sprach von einer "glänzenden" Rettungsaktion und lobte die Zusammenarbeit mit der Nordatlantischen Allianz bei der Suche nach dem verschollenen Schiff. Moskau sucht wieder einen partiellen Konsens mit der Nato, trotz aller Differenzen wegen Georgien. Es will nicht als Störenfried in der Welt stehen.

Zugleich wurde deutlich, dass dieses Vorgehen auch seine Schattenseiten hat. Rogosin preist die staatlich organisierte Geheimniskrämerei während der Jagd nach dem Schiff. Die Angehörigen der Seeleute hätten sich, lobt er, geweigert, mit Journalisten zu sprechen - wie vom Inlandsgeheimdienst empfohlen.

So verständlich alle Versuche sind, Opfer einer Geiselnahme vor möglicher Willkür der Geiselnehmer zu schützen, so sehr bleiben der Verlauf der Entführung und die Motive der Täter im Dunklen. Hatte das 4706-Tonnen-Schiff unter der Flagge des Inselstaates Malta wirklich nur Holz geladen oder gar Waffen? An denen melden gerade afrikanische Despoten stets großen Bedarf an, darunter auch aus Ländern, die schon zu Zeiten des Sowjetimperiums auf dem "nichtkapitalistischen Entwicklungsweg" zu Armenhäusern mit Waffenkammer geworden waren. Immer noch unklar ist, wo das Schiff selbst geblieben ist.

Häfen und Schifffahrtsbranche sind in Russland stark von ebenso kriminellen wie einflussreichen Gruppierungen durchsetzt. Deren Praktiken unterscheiden sich von denen der Piraten oft nur durch mehr Effizienz und bessere Verbindungen in den Staatsapparat. Der Antipiratismus als Staatsideologie bietet die Gelegenheit, die in der unchristlichen Seefahrt herrschenden Verhältnisse in einen Nebelvorhang einzuhüllen.

Ähnlich wie beim "Kampf gegen den internationalen Terrorismus" heiligt der Zweck hier stets die Mittel. Ruft der Soldat neben der Leiche "Piraten" oder noch besser "al-Qaida", mag kein Staatsanwalt mehr nach der Todesursache forschen.

Skrupellosen Schiffseignern und ihren staatlichen Schutzgarden kommt dabei entgegen, dass die heutigen Piraten nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Seeräuber Klaus Störtebeker haben. Der hatte einst mit kühnen Umverteilungsaktionen die Herzen der Hilflosen erobert. Ihm widmet man jetzt die gut besuchten Störtebeker-Festspiele auf Rügen. Solche späteren Würdigungen können die zeitgenössischen Piraten wohl kaum erwarten.

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