Attacke auf Ermyas Mulugeta Der Widerspruch zwischen Kopfmensch und "Schweinesau"

Im Prozess gegen die mutmaßlichen Angreifer des äthiopischstämmigen Ermyas Mulugeta in Potsdam hat heute das Opfer ausgesagt. Die Auskünfte offenbarten aber vor allem massive Erinnerungslücken und brachten die Erkenntnis, dass eine einfache Formel nicht immer funktioniert.

Von , Potsdam


Potsdam - Was ist von einem Zeugen zu erwarten, der sich "im Prinzip im Großen und Ganzen" an nichts erinnert? Erinnert er sich vielleicht doch ein wenig - an Schemenhaftes, an ein Bild, einen Eindruck? Der großgewachsene Ermyas Mulugeta, 38, spricht leise, langsam, bedächtig, manchmal sucht er nach einem Wort, bisweilen sind seine Sätze schwer zu verstehen. Vermutlich ist dies noch eine Folge der schweren Kopfverletzungen, die er in der Nacht vom 15. auf den 16. April vorigen Jahres davon trug, nachdem er an einer Potsdamer Bushaltestelle mit zwei Deutschen in Händel geraten war. Oder es fällt ihm schwer, in einer fremden Sprache zu erklären, was er sich selbst nicht erklären kann.

Ermyas M. heute bei Gericht: "Das ist nicht meine Art"
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Ermyas M. heute bei Gericht: "Das ist nicht meine Art"

Heute wurde Mulugeta von der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts Potsdam zu jener Nacht befragt, die von den Ermittlungsbehörden zunächst als rassistisch motivierter Mordversuch schlimmster Art eingestuft worden war, als ein unbeschreiblicher Exzess des Ausländerhasses in Deutschland. Dazu trug bei, dass Mulugeta lange mit dem Tode rang. Zumindest waren lebenslang nie wieder gut zu machende Folgen bei dem Opfer zu befürchten. Doch glücklicherweise schritt die Genesung des in Äthiopien geborenen Ingenieurs voran. Am Kurzzeitgedächtnis habe er einige Wochen arbeiten müssen, sagte er vor Gericht, die eine Hand und ein Fuß seien zunächst steif gewesen; er befinde sich noch immer in Therapie. Das Sprechen werde trainiert, auch die körperliche Beweglichkeit. "Ich bin auch bei einer Psychologin", sagte Mulugeta.

Zwei Tage vor seinem Zeugenauftritt stand Mulugeta bei "Stern-TV" Rede und Antwort. Dort sagte er: "Wenn ich ehrlich bin, die beiden waren es." Gemeint waren die Angeklagten Björn L., 29, und Thomas M., 31, beide aus Potsdam, die bestreiten, überhaupt am Tatort gewesen zu sein. Den Widerspruch zwischen Mulugetas Meinung im Fernsehen und seiner Aussage vor Gericht erklärte er heute so: "Als ich im Krankenhaus aufwachte, sagte ich zu meiner Frau gleich, dass da zwei Rechtsradikale am Bahnhof waren." Denn es habe 1990 eine Situation in Rostock gegeben, wo er nachts am Bahnhof zwei Männer beobachtete, "die sich austauschten und etwas vorbereiteten gegen mich". Er habe sich dann auch "vorbereitet". Passiert sei nichts, er sei an den beiden dann vorbeigegangen. Aber er habe die Situation als gefährlich empfunden.

"Ich bin ein Kopfmensch - das ist drin"

Und dies sei ihm in den Kopf gekommen, als das Bewusstsein wieder zurückkehrte. "Ich hatte die Überlegung, dass mich jemand überrascht hat. Aber diese Überlegung kann ich nicht vervollständigen." Der Vorsitzende fragte Mulugeta, ob der Vorfall in Rostock vor 16 Jahren etwas mit dem Ereignis in Potsdam zu tun habe? "Nein", sagte der Ingenieur, "aber das Gefühl ist im Kopf drin, dass da jemand etwas vorbereitet hat".

"Wie erkennen Sie Rechtsradikale", fragte der Vorsitzende weiter. "Ich weiß nicht, das muss im Kopf gespeichert gewesen sein." "Haben Sie eine Erinnerung, dass Sie etwas gesehen haben?" - "Nein, aber ich bin ein Kopfmensch, das ist drin." Es mag für einen Menschen, der täglich gegen die Spuren eines Ereignisses zu kämpfen hat, das ihn fast das Leben kostete, sehr schwer sein, sich von den eigenen und den Vorstellungen seiner Umgebung frei zu machen, wie und warum das Leben plötzlich aus den Fugen geriet.

Doch ein Gericht muss aufklären. Es muss herausfinden, ob Mulugetas Bewusstsein damals möglicherweise von Alkohol beeinträchtigt war. Es muss feststellen, wer wen provoziert, wer attackiert hat. Und es muss feststellen, ob sich die Erinnerungsflusen des Geschädigten an konkreten Umständen festmachen lassen oder ob sie sich im Lauf der langen, mühsamen Arbeit am Gedächtnis des Äthiopiers im Nachhinein nur einnisteten.

Schon die Schilderung der Stunden vor dem nächtlichen Ereignis klingt bei Mulugeta etwas anders als bei seiner Frau. Er sagt, er habe seit drei Uhr nachmittags mit Nachbarn gefeiert; es sei getrunken worden ("ein Bierkasten war da") - zwei, drei Flaschen Bier, ein wenig "Spirituosen, die die Nachbarin brachte", es sei Musik gehört und getanzt worden bis drei Uhr früh.

"Geh mal andersrum, ey, Schweinesau"

Seine Frau beschreibt ein Oster-Lagerfeuer von 20 Uhr an, begleitet von "guten Themen über die Kinder, denen man Werte vermitteln müsse"; es sei ein "ganz entspannter Abend" gewesen. Ermyas sei nachts noch einmal losgegangen, mit einer Flasche Bier in der Jacke, weil er einen Freund habe besuchen wollen. Mulugeta bestreitet, jemals eine Flasche Bier in die Jacke gesteckt zu haben; er habe Bierflaschen üblicherweise mit den Zähnen aufgemacht und niemals in die Jacke gesteckt. "Diese Einstellung habe ich überhaupt nicht."

Auf dem Weg habe er seine Frau angerufen, doch sie sei unter der Dusche gewesen und habe nichts gehört. "Wenn er nachts tanzen geht, ruft er mich oft an." In jener Nacht jedoch erreichte er seine Frau nicht - lediglich den Anrufbeantworter, so dass zumindest ein Teil der folgenden Auseinandersetzung Mulugetas mit zwei Deutschen aufgezeichnet wurde.

Am Freitag war dieses Band im Gerichtssaal zu hören. Der Vorsitzende: "Ich will es mal vorsichtig formulieren - es klingt ja so, als ob Sie die Leute, unjuristisch gesagt, als erster beleidigt hätten. Haben Sie es schon mal an sich selbst erlebt, dass Sie so reagieren?" Nein, der Zeuge, der schon einmal wegen Trunkenheit am Steuer verurteilt worden war, behauptet, er reagiere nie aggressiv, auch nicht unter Alkohol, sondern ausgleichend.

Der aufgezeichnete Dialog hört sich anders an. Da ist ein offensichtlich alkoholisierter Mulugeta zu vernehmen, der erst seine Frau eine "Schweinesau" nennt, weil sie seine Anrufe nicht annahm. Dann tituliert er die Leute so, die ihm offenbar im Weg sind: "Geh mal andersrum, ey, Schweinesau!" Dazwischen hört man eine hohe Stimme "Nigger" rufen und "oller Nigger". Und dann wieder "du blöde Sau" aus Mulugetas Mund.

Gravierende Fehleinschätzung

"Ist das Ihre Stimme?" fragt der Vorsitzende. "Das ist nicht meine Art", antwortet der Zeuge, "ich war selbst überrascht." Der Prozess gegen L. und M. ist bis Ende April terminiert. Es sollen 62 Zeugen und sechs Sachverständige zu den aufgezeichneten Stimmen und weiteren Spuren am Tatort gehört werden.

Schon zu Beginn des Prozesses zeichnete sich ab, wie es damals zu der zunächst gravierenden Fehleinschätzung des Tatablaufs als eines rassistisch geprägten Überfalls kam. Es gibt keine Formel: Nimm zwei Deutsche und einen Farbigen und du weißt, wer das Opfer ist.

Doch dass die meisten Menschen so dachten, hat seine Gründe: Schließlich gab es in der Vergangenheit ähnliche Übergriffe zuhauf. Möglicherweise lief der Potsdamer Fall ganz anders ab; die Staatsanwaltschaft ist längst von ihrer Überzeugung, zwei Rechtsradikale anklagen zu müssen, abgerückt. Da sich das Opfer nicht erinnert, steht ein reiner Indizienprozess bevor. Doch Indizien sind meist aussagekräftiger und zuverlässiger als Erinnerungen von Zeugen.



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