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Amoklauf von Fort Hood: Auf den Spuren von Nidal Malik Hasan

Foto: DPA/ USU

Attentäter von Fort Hood Zwischen Trauma und Schikane

Hätte der Amoklauf von Fort Hood verhindert werden können? Der mutmaßliche Todesschütze war den Behörden bekannt. Sie wussten von Major Hasans E-Mail-Kontakt mit einem radikalen Imam. Auch seine psychischen Probleme waren kein Geheimnis - dennoch unternahm die US-Armee nichts.

Es wird ein dramatischer Augenblick sein, wie man ihn nur selten zu Gesicht bekommt: Die gesamte US-Militärspitze, in Demut vereinigt mit gesenkten Häuptern - der Oberbefehlshaber, Präsident Barack Obama, Verteidigungsminister Bob Gates, Generalstabschef Mike Mullen, Armee-Staatssekretär John McHugh. Fast genau zur gleichen Stunde, als vor fünf Tagen die Schüsse auf dem Armeestützpunkt Fort Hood fielen, werden sie am Dienstag am Ort des Blutbads den Opfern gedenken.

Geplant ist eine "traditionelle" Trauerfeier: Gebete, Reden, Bibelverse, die Verlesung der Namen der Toten, 21 Schuss Salut - eine schlichte Routine, die vielen Soldaten in kleinerem Rahmen längst aus dem Irak und Afghanistan bekannt ist. Damit beginne die "Heilung", sagte der Basiskommandeur, Generalleutnant Robert Cone. "Wir halten die Trauerfeier ab, wir schicken unsere Kameraden heim, und dann machen wir weiter mit unserer Mission."

Zur "Mission" der Militärs gehört nun auch die lückenlose Aufklärung des Vorfalls. Die Ermittlungen müssen die Verantwortlichen schon im eigenen Interesse vorantreiben. Denn es mehren sich Berichte, wonach frühe Anzeichen für ideologische und psychische Auffälligkeiten des mutmaßlichen Attentäters, Major Nidal Malik Hasan, ohne Folgen blieben. Jetzt gerät die Armee selbst ins Kreuzfeuer. "Wir müssen mit uns hart ins Gericht gehen und uns selbst fragen, ob wir etwas hätten tun können, um das zu verhindern", sagte Cone.

Hasan, 39, Armeepsychiater, soll am vergangenen Donnerstag auf dem texanischen Stützpunkt Fort Hood ein Blutbad angerichtet haben. 13 Menschen starben, mehr als 40 weitere wurden verletzt. Hasan, der selber verletzt wurde und inzwischen wieder bei Bewusstsein ist, wird sich für das Massaker vor einem Militärgericht verantworten müssen, wie das Verteidigungs- und das Justizministerium laut US-Medienberichten entschieden.

Hinweise auf Verbindung zu Qaida-Unterstützer

Hätte die Bluttat tatsächlich verhindert werden können? Berichte, wonach Hasan bereits zuvor auffällig wurde, mehren sich jedenfalls. So verdichteten sich am Montagabend (Ortszeit) die Hinweise auf eine zumindest flüchtige Verbindung des Psychiaters zu einem Imam, der als Qaida-Unterstützer gilt - eine Verbindung, von der Armee wie FBI demzufolge schon Ende 2008 gewusst hatten.

Hasan habe bis zu 20 E-Mails mit dem radikalen Prediger Anwar al-Awlaki ausgetauscht, hieß es in Ermittlungskreisen - eine Information, die die Behörden gezielt an alle großen US-Medien, darunter "New York Times", "Washington Post" und CNN, lancierten, um die Spekulationen der vergangenen Tage einzudämmen. Der Inhalt der Mails sei aber nicht als suspekt oder "hetzerisch" aufgefallen. Man habe sie als "Recherche" Hasans für seine Arbeit als Militärpsychiater angesehen und deshalb nichts unternommen.

Al-Awlaki selbst bezeichnete Hasan am Dienstag in seinem Blog als "Held". Justizkreise warnten jedoch auch hier vor voreiligen Schlüssen: Es gebe keine Indizien, dass Hasan zu einem Terrorakt angestiftet worden sei. Man gehe nach wie vor von einer Einzeltat aus. Vorerst bleibt damit nur das komplexe Psychogramm des Täters - und bei der US-Armee wächst die Furcht, dass das eigene Frühwarnsystem, das den Umgang mit solchen "Problemsoldaten" regeln soll, versagt hat.

Bei Hasan konzentrieren sich die Ermittler auf eine ganze Reihe möglicher auslösender Faktoren - nicht nur religiöser Eifer und ideologische Radikalisierung, sondern auch Frust, Angst, Trauma, Wut, Entfremdung. Nichts davon ist dem US-Militär neu. Die Frage ist, wie sich all das so gewaltsam entladen konnte - trotz der Betreuungsmechanismen, die die Streitkräfte dafür über Jahre entwickelt haben.

"Unsere Diversität ist eine Stärke"

Hasans religiöse Ansichten allein scheinen als Erklärung für den Gewaltakt jedenfalls nicht auszureichen. Er ist einer von zahllosen muslimischen US-Soldaten. Fast 3600 aller 1,4 Millionen GIs bekennen sich offen zu Islam, die wahre Zahl dürfte höher liegen: Rund 300.000 behalten ihren Glauben lieber für sich.

Nach dem 11. September 2001 unternahm das US-Militär vermehrte Anstrengungen, Muslime zu rekrutieren, unter anderem als Dolmetscher. Militärakademien haben Gebetsräume für sie eingerichtet. Manche Stützpunkte erkennen muslimische Feiertage an. "Unsere Diversität ist eine Stärke", versicherte Armeestabschef George Casey, der am Wochenende zur Schadensbegrenzung durch die politischen Talkshows tingelte. "So entsetzlich diese Tragödie war - wenn dem unsere Diversität zum Opfer fällt, ist das noch schlimmer."

Fraglich bleibt, wie gut die Eingliederung der Muslime in einer Truppe klappt, die in zwei islamischen Staaten Krieg führt. Darüber gehen die Meinungen auseinander. Einige Betroffene sagen, sie dienten problemlos. Andere berichten offen über Probleme und Druck.

Die größte US-muslimische Lobbygruppe CAIR etwa verzeichnete nach eigenen Angaben bisher kaum Klagen muslimischer Soldaten. Sie habe nie Probleme gehabt, sagte auch die US-Majorin Aisha Bakkar der Zeitung "Christian Science Monitor". Nur müsse sie manchmal Missverständnisse von Kameraden über ihren Glauben aufklären: "Ich höre ihnen zu und frage dann: Was für einen Koran liest du?"

Muslime berichten von Problemen mit Kameraden

Reservist Jamal Baadani spricht dagegen von einer "Kluft", die sich nach den Terroranschlägen von 2001 aufgetan habe - trotz "enormer Bemühungen" des Pentagons. "Vor 9/11 war es kein Problem, Muslim zu sein", sagte er dem Radiosender NPR. "Ich war Marineinfanterist und dachte nie darüber nach." Das habe sich Ende 2001 geändert: Danach habe er Probleme mit Kameraden bekommen.

Hinzu kommt für manche eine vermeintliche Diskrepanz zwischen ihrer Mission und ihrem Glauben. Qaseem Uqdah, Exekutivdirektor des American Muslim Armed Forces and Veterans Affairs Councils, wies darauf hin, dass vielen muslimischen Soldaten in Moscheen gepredigt werde, sie kämen in die Hölle, wenn sie andere Muslime töteten. "Stellen Sie sich vor, Sie sind 20 Jahre alt und hören, dass Sie ins Fegefeuer kommen", sagte er der "New York Times". Uqdah beklagte eine mangelnde Fürsorge des US-Militärs für Soldaten, die sich mit solchen Problemen quälten. "Wir versagen als Gemeinschaft hier in Amerika", sagte er.

Ähnliche Mechanismen treten nun auch im Fall Hasan zutage - auch wenn sie ein Blutbad natürlich nicht entschuldigen können. Nach Angaben von Angehörigen und Bekannten wandte er sich spätestens nach dem Tod seiner Eltern dem Islam zu. Dafür sei er in der Armee verspottet worden. So hätten ihn andere Soldaten "Kameljockey" genannt, sagte sein Onkel Rafik Hamad der "New York Times".

Die "Washington Post" berichtete, Hasan habe schon 2007 vor einer Gruppe von Armeeärzten die Forderung erhoben, muslimische Soldaten sollten als "Wehrdienstverweigerer" entlassen werden: "Es wird für Muslime immer schwerer, ihre Präsenz in einem Militär, das im Dauerkrieg gegen andere Muslime zu stehen scheint, moralisch zu rechtfertigen."

Das Phänomen des "Sekundärtraumas"

Auch Hasans Arbeit als Militärpsychiater könnte eine Rolle gespielt haben. Wegbegleiter berichteten, er habe sich das Kriegstrauma, unter dem viele seiner aus dem Irak und Afghanistan heimgekehrten Patienten litten, persönlich zu Herzen genommen. Schon während seiner Zeit am Militärhospital Walter Reed, wo er vor Fort Hood stationiert war, soll Hasan selbst psychologisch betreut worden sein. Das sei allerdings nichts Ungewöhnliches, sagte Thomas Grieger, einer seiner damaligen Vorgesetzten, auf CNN. Als er jedoch selbst den Befehl zum Kriegseinsatz bekommen habe, sei die Situation eskaliert.

Das Phänomen des "Sekundärtraumas" bestätigte auch Psychotherapeut Craig Sloane, der Vietnam- und Irak-Veteranen betreut hat. "Wer Traumaopfern hilft, läuft Gefahr, selbst traumatisiert zu werden", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Du hörst dir das den ganzen Tag an, und irgendwann erwischt es dich selbst." Es gebe in diesem Feld "jede Menge Burnout".

Die Traumatisierung in der Truppe ist ein Riesenthema im US-Militär. Schätzungsweise jeder fünfte Soldat, der derzeit aus dem Krieg zurückkommt, leidet am posttraumatischen Stresssyndrom (PTSD) - mit verheerenden Folgen. Unter Veteranen grassieren Kriminalität, Gewalt, Alkohol- und Drogenkonsum. 2008 verzeichnete die US-Armee 133 Selbstmorde, mehr denn je.

Führte all das bei Hasan schließlich zu einer explosiven Kombination von inneren Konflikten, die von den Behörden übersehen wurden? Fest steht, dass auch Fort Hood schon länger an den Folgen des Kriegstraumas leidet. Im vergangenen Jahr erschoss ein Irak-Veteran seine Frau und dann sich selbst. Ein anderer nahm sich das Leben, nachdem er keinen Termin beim Therapeuten bekommen hatte. Im Ort Killeen, in dem Fort Hood liegt, stieg die Zahl der Gewalttaten seit 2001 um 22 Prozent.