Attentat auf Polizeichef Mannichl Ermittler verfolgen Spuren in Münchens Neonazi-Szene

Neue Details im Fall Mannichl: Das inhaftierte Ehepaar gehört zur rechtsextrem-militanten Szene in München und soll den Anschlag auf Passaus Polizeichef unterstützt haben. Nachbarn beschreiben Manuel H. als jähzornig. Das Opfer wird in Kürze aus dem Krankenhaus entlassen.

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München/Hamburg - Die Wohnungstür im ersten Stock des Blocks aus den sechziger Jahren trägt nur den Nachnamen der Mieter. Blau auf weißem Papier aufs Holz geklebt. Hier im Süden Münchens, im Stadtteil Sendling, wohnt das verhaftete Neonazi-Ehepaar Manuel und Sabrina H.

Von diesem unscheinbaren Mehrfamilienhaus mit Kinderschaukel, Wäscheleine und vor sich hinschmelzendem Schneemann im Hinterhofgarten führt möglicherweise eine Spur zum Attentat auf Passaus Polizeichef Alois Mannichl.

Am Dienstag haben SEK-Beamte das Pärchen im Haus festgenommen. Die beiden sind der Polizei aus der rechtsextremen Szene bekannt. Erst werden sie als Zeugen nach Passau gebracht, stundenlang intensiv vernommen. Am Mittwochabend dann der Statuswechsel: Gegen den 33-Jährigen und seine 22 Jahre alte Ehefrau wird Haftbefehle wegen Beihilfe zum versuchten Mord erlassen. Am Samstag, dem Tattag, sollen sie in Mannichls Heimatort Fürstenzell gesehen worden sein.

Manuel H. gilt als jähzornig

Die beiden bestreiten, an der Tatausführung beteiligt gewesen zu sein, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Walch in Passau erklärte. Die Eheleute hätten sich aber inzwischen gegenseitig in ihren jeweiligen Aussagen widersprochen.

Der Dortmunder Rechtsanwalt André Picker, der Manuel H. vertritt, hat nach eigenen Angaben am Donnerstag Haftprüfungsantrag gestellt. Der Verdacht auf Beihilfe zum versuchten Mord sei "abenteuerlich". Picker weiter zu SPIEGEL ONLINE: "Ich habe noch keine Akteneinsicht erhalten. Der Haftbefehl jedoch stützt sich nur auf die Aussage eines Augenzeugens, der Herrn und Frau H. am Tattag in Passau gesehen haben will."

Auf die Frage, ob sich Manuel H. denn am vergangenen Samstag in Passau aufgehalten habe, sagte Picker: "Ich glaube nicht, dass er das bestreiten würde."

Ein "tatfördernder Beitrag" erwüchse daraus jedoch nicht - und sei im Übrigen von den Ermittlungsbehörden bislang auch nicht benannt worden. Das Amtsgericht Passau muss nun innerhalb von zwei Wochen prüfen, ob Manuel und Sabrina H. weiter in Untersuchungshaft zu bleiben haben.

Nachbarn im Sendlinger Wohnhaus der H.s berichten übereinstimmend, dass das Pärchen meist "zurückhaltend und korrekt" gewesen sei. Offenkundig aber hätten die beiden der rechtsextremen Szene angehört. Manuel H. sei oft in Springerstiefeln und schwarzen Klamotten unterwegs, sein Haar habe er an den Seiten rasiert und er trage einen Zopf. Im Haus gilt H. als jähzornig, manchmal sei es laut geworden in der Wohnung, "wir hörten ihn brüllen".

Im letzten Sommer habe man im Briefkasten ein Flugblatt der Sendlinger Antifa gefunden. Inhalt: In der Nachbarschaft wohne ein Pärchen, das der rechtsextremen Szene angehöre und polizeibekannt sei. "Da wussten wir es dann definitiv", sagt einer. Allerdings habe sich am Zusammenleben danach nichts geändert.

Andere Rechtsextreme habe man im Haus nie bemerkt, sagen die Nachbarn. Dabei sind die Eheleute H. aktive Mitglieder der Münchner Neonazi-Szene. Mit seiner Frau besuchte Manuel H. Aufmärsche in ganz Deutschland und nahm im Juli auch an der Beerdigung des Altnazis Friedhelm Busse in Passau teil. Bei der anschließenden Demonstration marschierte er an der Spitze. Das Pärchen gehört der militanten Kameradschaft "Freie Nationalisten München" an. Deren Credo lautet: "München wird wieder deutsch!"

Rechtsextremisten immer militanter

Kurzzeitig wurde auch deren Vorsitzender Philipp Hasselbach, ein führender Kader der Freien Kameradschaftsszene, festgenommen. Das sagte der 21-Jährige am Donnerstag SPIEGEL ONLINE. Zugleich veröffentlichte er im Internet den Beschluss des Amtsgerichts Passau über die Beschlagnahmung seines Mobiltelefons.

"Ich habe am Samstag zur Tatzeit, gegen halb sechs also, mit Frau H. telefoniert. Sie sagte mir, sie und ihr Mann seien in ihrer Wohnung in München-Sendling. Dort habe ich sie eine halbe Stunde später auch abgeholt", so Hasselbach. "Wir sind dann nach Erding gefahren." Später habe H. ihm gesagt, Staatsschutzbeamte der Polizei hätten das Trio auf dem Weg observiert. Ein Behördensprecher wollte dazu auf Anfrage keine Stellung nehmen.

Gegen 22 Uhr hätten Polizisten das Treffen der "Freien Kräfte Erding" beendet und die Personalien aller Beteiligten aufgenommen. "Erst zu diesem Zeitpunkt haben wir von der Sache in Passau erfahren", so Hasselbach.

Bayerns Verfassungsschutz schätzt Hasselbachs Gruppe als "betont aggressiv" und "gewaltbereit" ein. Die Gruppe akzeptiere Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung und sei den sogenannten nationalen Autonomen zuzuordnen.

Diese gewaltbereiten Rechtsextremisten traten erstmals bei den Maikrawallen in Hamburg größer in Erscheinung. Sie tragen schwarze Kleidung, Turnschuhe, Sonnenbrillen, Baseball-Kappen und Kapuzenpullover - und sind damit von manchen Gegendemonstranten auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden.

BKA-Präsident Jörg Ziercke bezifferte das Netzwerk dieser militanten Rechten auf bundesweit über 400 Anhänger. Sollte sich diese neue Bewegung in der Szene durchsetzen, fürchte er einen Strategiewechsel bei Aufmärschen und Demonstrationen, so Ziercke zum "Focus": "Von einem möglichst disziplinierten und zurückhaltenden Auftreten hin zu militanterem Auftreten mit gewalttätigen Aktionen." Politiker und Verfassungsschützer gehen seit dem Attentat auf Polizeichef Mannichl von einer neuen Qualität rechtsextremistischer Gewalt aus.

"Ich kenne viele große Männer mit Glatzen"

Die Fahndung nach dem Attentäter und möglicherweise nach einer weiteren Person läuft derweil in Deutschland, Österreich und Tschechien auf Hochtouren, sagte Oberstaatsanwalt Walch. Die Polizei veröffentlichte zwei ähnliche Beschreibungen, in denen jeweils von einem großen kräftigen Mann mit Glatze und einer auffälligen Schlangentätowierung beziehungsweise einem Muttermal am Kopf die Rede ist. Eine Beschreibung lieferte Mannichl, die andere ein Zeuge, der einen Skinhead in den Abendstunden im Wohnort des Opfers gesehen hat. Es könne aber auch sein, dass es sich um ein und dieselbe Person handele, erklärte die Polizei. Derzeit werde an Phantombildern gearbeitet.

Auf die Frage, ob ihm bei der Täterbeschreibung der Polizei eine bestimmte Person einfalle, sagte Neonazi Hasselbach: "Ich kenne viele große Männer mit Glatzen, aber ich habe wirklich keine Ahnung, wer das getan haben könnte."

Unterdessen wurde am Donnerstagabend bekannt, dass Mannichl am morgigen Freitag aus der Klinik entlassen wird. Das kündigte das Polizeipräsidium Niederbayern/Oberpfalz an. Für 10 Uhr sei eine kurze persönliche Stellungsnahme Mannichls vorgesehen.

Zuvor hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten über ein erneutes NPD-Verbotsverfahren beraten. Nachher hieß es, dass es kurzfristig keinen neuen Anlauf vor dem Bundesverfassungsgericht geben werde. Ein entsprechender Vorstoß von Rheinland-Pfalz und Bayern fand keine Mehrheit.

Der Verbotsdruck auf die rechtsextreme Partei soll aber aufrechterhalten bleiben. "Das Thema wird uns weiter beschäftigen", sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Die Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) und Kurt Beck (SPD) wollen ein Verbot der NPD weiter vorantreiben.

Mit Material von AP und dpa

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