Attentat in Halle Hundert Minuten Terror

Die Bundesanwaltschaft wirft Stephan Balliet zweifachen Mord und versuchten Mord in neun Fällen vor. Inzwischen lässt sich das Geschehen von Halle detailliert nachvollziehen. Protokoll eines Attentats.

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Am späten Nachmittag landet ein Hubschrauber in Karlsruhe. An Bord: maskierte Spezialkräfte und der Attentäter von Halle, Stephan Balliet. Er trägt schwarze Kopfhörer, am Hals klebt ein großes Pflaster. Es überdeckt die Schusswunde, die er am Tag zuvor erlitten hatte.

Balliet, der in Halle eine Synagoge attackierte, zwei Menschen erschoss und mehrere verletzte, wird zum Ermittlungsrichter geführt. Die Bundesanwaltschaft hat einen Haftbefehl beantragt: Generalbundesanwalt Peter Frank wirft Balliet zweifachen Mord vor, versuchten Mord in neun Fällen, Körperverletzung, Waffendelikte. Kurz gesagt: "Was wir gestern erlebt haben, war Terror", sagte Frank.

Inzwischen ergibt sich ein deutliches Bild von dem, was Bundesjustizministerin Christine Lambrecht als "rechtsextremistischen Terroranschlag" bezeichnete. Das Geschehen erstreckte sich auf nicht einmal zwei Stunden.

11:54 Uhr. Stephan Balliet hat sein Auto auf einem Parkplatz nahe der Synagoge in Halle geparkt. Mit Laptop und Handy bereitet er den Livestream ins Internet vor. Im Wagen liegen laut Ermittlern vier Schusswaffen und kiloweise Sprengstoff. Balliet richtet die Smartphone-Kamera auf sich selbst, hetzt gegen Juden, Migranten, den Feminismus.

11:59 Uhr. Balliet setzt sich einen Helm auf, an dem das Smartphone befestigt ist. Er startet den Motor, um zur Synagoge zu fahren. Darin befinden sich zu diesem Zeitpunkt 51 Menschen.

12.01 Uhr. Der Täter erreicht die Synagoge und stellt sein Auto am Straßenrand ab. Minutenlang versucht er, in das Gebäude einzudringen - doch alle Tore und Türen sind verschlossen. Gemeindevorsteher Max Privorozki beobachtet Stephan Balliet über eine Kamera. "Der Täter schoss mehrfach auf die Tür und warf auch mehrere Molotowcocktails, Böller oder Granaten, um einzudringen. Aber die Tür blieb zu, Gott hat uns geschützt", sagte er später dem SPIEGEL.

12.03 Uhr. Eine Passantin läuft an Balliet vorbei. Sie beschwert sich über dessen explorierenden Sprengsatz, den sie offenbar für einen Silvesterböller hält. Der Attentäter erschießt die Frau.

12.05 Uhr. Ein Kurierfahrer erkundigt sich nach der am Boden liegenden Frau. Balliet versucht, auch ihn zu erschießen, doch die Waffe versagt. Der Mann kann im Auto flüchten.

12.07 Uhr. Balliet gibt den Versuch, in die Synagoge einzudringen, auf. Er setzt sich ins Auto und fährt los. Nach etwa 500 Metern Fahrt entdeckt er den Imbiss "Kiez Döner". Er beschließt, dass dieser sein neues Ziel ist und hält an.

12.10 Uhr. Mit Sprengsätzen und selbst gebauten Waffen greift er das Lokal an. Er feuert offenbar wahllos auf Passanten und tötet im Dönerimbiss einen Handwerker.

12.16 Uhr. Als Balliet wieder mit dem Auto losfahren will, stößt er das erste Mal seit Beginn seiner Attacke auf die Polizei. Ein Streifenwagen hat sich quer auf die Straße gestellt. Balliet feuert mehrere Schüsse auf die Polizisten ab und trifft den Wagen. Er wird dann selbst von einer Polizeikugel am Hals getroffen. Trotzdem schafft er es, ins Auto einzusteigen und wegzufahren.

Andreas Splett/ AFP

12.18 Uhr. Mit seinem Auto fährt Balliet noch einmal an der Synagoge vorbei, hält aber nicht an. Sirenen der Polizei sind nicht zu hören.

12.22 Uhr. Nahe des Hauptbahnhofs Halle wirft Balliet sein Smartphone aus dem Beifahrerfenster. Er fährt zu diesem Zeitpunkt auf der B6 in Richtung Leipzig. Kurzzeitig verliert sich Balliets Spur.

Etwa 13.00 Uhr. Er taucht 38 Minuten später in Wiedersdorf auf, einem kleinem Ort gut 14 Kilometer von Halle entfernt. Er ist offenbar gezwungen, sein Auto zu wechseln, möglicherweise, weil er sich zuvor selbst in einen Reifen geschossen hatte. In Wiedersdorf versucht Balliet, ein Auto zu kapern und schießt zwei weitere Menschen an, einen Mann und eine Frau. Dann stiehlt er aus einer Autowerkstatt ein Taxi, um die Flucht fortzusetzen.

13.38 Uhr. Balliet fährt mit dem Mercedes-E-Klasse-Taxi auf der A9, dann biegt er auf die Bundesstraße 91 in Richtung Süden ab. Dort verursacht er schließlich einen Verkehrsunfall, bei dem niemand verletzt wird. Um 13.38 Uhr kann die Polizei Balliet in der Nähe von Werschen festnehmen, rund 40 Kilometer südlich von Halle.

Einen Tag später spricht Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) von einer "Schande für unser ganzes Land". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagt, sie sei "schockiert und bedrückt von dem Verbrechen". Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, kündigte Polizeischutz für jüdische Einrichtungen in Dessau, Halle und Magdeburg an. Dieser, ergänzte Seehofer, solle dauerhaft sein.

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