Attentat in Lüttich "Der wollte so viel Schaden anrichten wie möglich"

Im belgischen Lüttich tötete ein Attentäter mehrere Menschen, unter den Opfern ist auch ein zweijähriges Kind. Die Stadt ist erschüttert und rätselt über die Motive des Schützen, der ebenfalls zu Tode kam. Er war ein vorbestrafter Waffennarr und Drogenhändler.

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Drei Explosionen, dann Lärm von Feuerstößen aus einer Waffe, Detonationen von Blendgranaten: Es ist etwa 12.30 Uhr in Lüttich, als an der Bushaltestelle am Platz Saint-Lambert Sprengsätze hochgehen und das Zentrum der Stadt sich in eine Kampfzone verwandelt: Blut strömt über das Pflaster, so zeigen es Fotos, die das Internetportal Sudpresse zeigt.

Der Täter hatte sich offenbar auf einer Terrasse oberhalb einer Bäckerei verschanzt und von dort aus Granaten auf den Platz geworfen, wo sich um die Mittagszeit - unweit des Weihnachtsmarktes - viele Passanten aufhielten. Bis zum späten Abend zählte die Staatsanwaltschaft fünf Opfer, darunter der Attentäter selbst. "Ich hörte den Lärm, blickte nach oben und sah einen Mann, der einen Gegenstand warf, ich erkannte, dass es eine Granate war", schildert ein Zeuge den Hergang im Lokalfernsehen RTC-Tele Liege. "Dann griff er in einen Sack und warf eine weitere Granate. Mir war klar: Der wollte so viel Schaden anrichten wie nur möglich."

Nach den Schüssen, so schildert es die Korrespondentin des Net-Dienstes 7sur7, brach auf dem Platz Panik aus, Zeugen suchten Zuflucht, Getroffene lagen auf dem Pflaster. Schwer bewaffnete Bereitschaftspolizei, die am Tatort eintraf, forderte die Anwohner auf, ihre Fenster geschlossen zu halten und riet den Passanten, in Geschäften Zuflucht zu suchen. Polizeifahrzeuge mit Sirenen und Blaulicht blockierten das Zentrum, über der Gefahrenzone drehten Helikopter. Als "unbeschreibliches Chaos" beschreibt die Sondersendung von RTC-Tele Liege die Lage im kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum Walloniens.

"Alle schrien, wir rannten einfach los"

Konstantin Fischenich aus dem westfälischen Olpe war nur wenige Meter vom Tatort entfernt, als der Attentäter mit seiner Attacke begann. Der Augenzeuge deutet auf einen Baum. "Wir standen direkt dort, dann gab es einen Knall", erinnert sich der 20-Jährige. "Alle schrien, wir rannten einfach los." Bis zum Bahnhof sei er gestürmt, seine Freunde habe er unterwegs verloren. "Ich habe immer wieder versucht, in Geschäften Schutz zu suchen, die hatten aber alle die Rollos heruntergelassen." Was der Medienstudent nicht wusste: Die Polizei hatte die Bevölkerung dazu aufgerufen, die Häuser nicht zu verlassen. Manche Menschen waren über Stunden in Kneipen und Geschäften eingesperrt.

Die Verletzten erhielten unter den Arkaden des Justizpalastes Erste Hilfe, schwer Verwundete wurden im Hof des Palais Princes-Evêques versorgt, wo ein Notlazarett aufgebaut wurde. Während die Spezialeinsatzkräfte den Platz abriegelten, wurden die Verwundeten vom Platz Saint-Lambert später in die Krankenhäuser Saint-Joseph und L'Espérance gebracht.

Bei den fünf bis Dienstagabend identifizierten Toten handelt es sich der zuständigen Staatsanwältin Daniélle Reynders zufolge um zwei Jugendliche von 15 und 17 Jahren. Eine 75-jährige Frau erlag ihren Verletzungen, ein 18 Monate altes Kleinkind starb nach Behördenangaben im Krankenhaus. Auch der Attentäter selbst kam ums Leben, ob es sich um einen Suizid handelt, ist noch nicht klar. Laut "Sudpresse" stieg auch die Zahl der Verletzten auf mehr als 120.

Bei dem Attentäter, allem Anschein nach ein Einzeltäter, handelt es sich um einen 33-jährigen Bürger der Stadt: Nordine A. ist vorbestraft, 2008 wurde er wegen illegalen Besitzes von Schusswaffen zu 58 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Polizei kam ihm wegen Drogenhandel auf die Spur, in seiner Wohnung fand man seinerzeit 2800 Cannabis-Pflanzen. Bei der Durchsuchung in der Rue Bonne Nouvelle stellte die Polizei zudem ein Dutzend Gewehre, Pistolen und entsprechende Munition sicher, dazu ein umfängliches Waffenlager mit 9500 Einzelteilen.

A., der vorübergehend auf freiem Fuß war, war an diesem Morgen im Gerichtsgebäude vorgeladen, angeblich wegen eines Sittlichkeitsdeliktes. Er hatte seinen Anschlag anscheinend geplant und sich mit Sprenggeschossen und Blendgranaten vom Typ "Thunderflash" ausgerüstet. Wenig später sprengen die Sicherheitskräfte das Auto des Attentäters - als Vorsichtsmaßnahme, weil sie befürchteten, auch der Wagen könnte als Zündsatz benutzt werden.

Keine Hinweise auf geistige Verwirrung

Belgiens frisch bestellter Premier Elio Di Rupo traf am Nachmittag zusammen mit Innenministerin Joelle Milquet am Tatort ein, später informierte sich Albert II. am Platz Saint-Lambert über den Ablauf der Geschehens. Sicherheitskräfte und Justiz rätseln derweil über die Motive für den mörderischen Anschlag. Nach Informationen von Staatsanwältin Reynders bot das anstehende Verfahren keine Erklärung für den Ausbruch mörderischer Gewalt. "Zu keinem Zeitpunkt der laufenden Ermittlung der Justiz gab es einen Hinweis auf geistige Verwirrung."

Die Buden auf dem Weihnachtsmarkt im Schatten des mächtigen Justizpalastes sind inzwischen vernagelt. Ein Polizist mit einem Maschinengewehr verhindert, dass jemand durch die Absperrung geht.

"Wäre ich zwei Stunden früher unterwegs gewesen, hätte es mich vielleicht getroffen", erzählt eine atemlose Passantin, während sie von einem Polizisten zum Weitergehen gedrängt wird. Die junge Frau ist schockiert, weil sie nichts über die möglichen Motive weiß: "Das macht mir Angst. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll", sagt sie.

Der Lütticher Bürgermeister Willy Demeyer sprach von einer "Einzeltat, die tiefe Betroffenheit im Herzen der Stadt gesät hat". EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek drückte dem Land seine Anteilnahme aus. Er sei zutiefst schockiert von dem Blutbad und denke an die Opfer und ihre Familien, sagte Buzek. In Lüttich wurden die Flaggen auf Halbmast gesetzt.

Mit Material von dpa und dapd



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