Norwegen vor dem Breivik-Urteil Vereint im Hass auf den Täter

Mit großer Anspannung erwartet Norwegen den Richterspruch gegen den Massenmörder Anders Breivik. Die Erkenntnis, dass die Attentate hätten verhindert werden können, hat die Bestürzung noch verstärkt. Der Täter und die Angehörigen der Opfer hoffen nun auf das gleiche Urteil.

Von , Oslo


Die Feier sollte einen Glanzpunkt setzen. Es gab Marzipantorte und hinterher eine bekannte Komödiantin, die die 400 Gäste aufheitern wollte. Das Fest zum 125-jährigen Bestehen von Norwegens Arbeiterpartei diese Woche sollte der Beginn des Aufbruchs sein. Ein Aufbruch aus der wohl düstersten Zeit der Partei, die mit den Anschlägen auf das Regierungsviertel und das Jugendcamp der Partei auf Utøya begann.

Doch die Schatten waren nicht so einfach zu vertreiben. Schon deswegen nicht, weil die Geburtstagsparty ausgerechnet zwischen dem Bericht der Untersuchungskommission zu den Anschlägen am 22. Juli 2011 l und der Urteilsverkündung gegen den 77-fachen Mörder Anders Behring Breivik an diesem Freitag lag.

Eine unabhängige Kommission war zum Ergebnis gekommen, dass das Attentat hätte verhindert werden können, wären die Sicherheitsorgane besser vorbereitet gewesen. Das gilt für die Autobombe im Osloer Regierungsviertel, aber vor allem dafür, dass Breivik anschließend ungestört nach Utøya fahren und so lange dort sein Tötungswerk vollrichten konnte.

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Auf dem Fest versprach Premierminister Jens Stoltenberg den Gästen, nicht zurücktreten zu wollen wegen der Versäumnisse von Polizei und Staat. Er wolle Breivik keinen Triumph gönnen, sagte er unter großem Beifall. Und doch dürften die Anwesenden innerlich aufgewühlt gewesen sein. Denn Stoltenberg ist in einer tragischen Rolle: Er ist Opfer und gleichzeitig Verantwortlicher in diesem nationalen Drama. Opfer, weil Breiviks oberstes Ziel der Tod des Premiers sein sollte. Verantwortlich ist Stoltenberg in dem Sinne, als oberster Repräsentant die Anschläge nicht verhindert zu haben.

Keine Genugtuung für Breivik

Die Norweger schwanken dieser Tage zwischen Bestürzung, Scham und Trauer. Bestürzung über die Fehler der Polizei und der Politik. Scham, dass sich ihr zivilisiertes, so gut organisiertes Gemeinwesen von dem Täter so hat vorführen lassen. Und Trauer über die Opfer, deren Tod nach dem Bericht der Untersuchungskommission noch einmal eine grausame Stufe tragischer ist, als er ohnehin war.

Der Polizeichef trat zurück, aber noch niemand aus der politischen Führung. Die größte Zeitung des Landes, "Verdens Gang", forderte in einem Kommentar Stoltenberg auf, abzutreten. Doch drei Viertel der Norweger lehnen das ab. Die Umfrage lässt auch Einblicke in die Befindlichkeit der verwundeten Volksseele zu, so kurz vor dem Urteil gegen Breivik: Trotz aller Fehler des Staates sind sie vereint im Hass auf den Täter - niemand will ihm eine Genugtuung verschaffen, etwa durch den Rücktritt des Premiers.

Die Norweger wollen ihn bis zum Lebensende weggesperrt sehen und die Mehrheit glaubt, dass dies vor allem dann sichergestellt ist, wenn er als zurechnungsfähig eingestuft wird und ins Gefängnis kommt. Das Vertrauen in die forensische Psychiatrie hingegen ist begrenzt, so dass man fürchtet, er könnte aus der geschlossenen Anstalt ausbrechen oder gar als geheilt irgendwann entlassen werden. Einer Umfrage der Zeitung "Verdens Gang" zufolge halten 72 Prozent der Norweger Breivik für zurechnungsfähig, 62 Prozent sind überzeugt, dass er niemals wieder freikommt. Mit dem Rechtssystem sind allerdings viele unzufrieden. Nur 31 Prozent glauben, der Prozess habe das System gestärkt.

Wie sich die Vorsitzende Richterin Wenche Elisabeth Arntzen mit ihrem Beisitzer und den drei Laienrichtern entschieden hat, wird in den letzten Stunden vor dem Urteil gehütet wie ein Staatsgeheimnis. Die Treffen des Quintetts finden unter absoluter Geheimhaltung statt. Aus Angst, Justizangestellte könnten es an die Medien ausplaudern, wird das offizielle Computersystem des Gerichts für die Ausführungen des Urteils nicht verwendet.

Mehrheit für "zurechnungsfähig"

Zurechnungsfähig oder nicht zurechnungsfähig - das ist die Schlüsselfrage, um die es den fünf Richtern geht. Zwei psychiatrische Gutachten hat das Gericht vorliegen, die zu der einen und zu der anderen Ansicht kommen. Die Staatsanwälte Svein Holden und Inge Beier Engh haben deshalb im Plädoyer gefordert: Wegen der Zweifel an den Gutachten müsse man das für den Angeklagten mildere Urteil wählen und das laute nach norwegischer Rechtssprechung unzurechnungsfähig.

Breivik, der seinen Anwalt auf unschuldig plädieren ließ, hat bereits angekündigt, er werde gegen ein solches Urteil Revision einlegen. Möglicherweise könnte die Richterin der Nation also einen weiteren schmerzhaften Prozess ersparen. Die Angehörigen der Opfer und Verletzten würden sich über das Urteil "geistig gesund" ebenfalls freuen. Ihre Anwältin Mette Yvonne Larssen spekulierte deshalb bereits, die für fünf Stunden angesetzte Urteilsbegründung sei ein Zeichen, dass sich die Richter gegen die Staatsanwälte entscheiden und Breivik als zurechnungsfähig aburteilen könnten.

"Es erfordert mehr Arbeit und Zeit zu begründen, warum man uneinig mit den Staatsanwälten ist", sagte sie im Staatsfernsehen NRK. Nach einer Umfrage von "Verdens Gang" unter den norwegischen Psychiatern hält eine Mehrheit von 60 Prozent Breivik für zurechnungsfähig.

Ähnlich kritisch gegenüber dem forensischen Erstgutachten äußerte sich auch die Abteilungsleiterin in der geschlossenen psychiatrischen Anstalt von Dikemark, Anne Kristine Bergen. Würde Breivik als geisteskrank verurteilt, würde er "zwangsweise zu einer Behandlung" in ihre Einrichtung überstellt. Dort, so die Psychiaterin, müsse ihr Team abklären, ob Breivik psychotisch sei und folglich behandelt werden muss. Die Diagnose könnte negativ ausfallen.

Schon Anfang des Jahres waren die Experten aus Dikemark zu dieser Auffassung gelangt, als sie Breivik einer 24-stündigen Beobachtung durch Psychiater unterzogen hatten. Man werde Breivik nicht behandeln, wenn er sich als geistig gesund herausstellen sollte. "Man gibt auch keine Antibiotika, wenn keine Infektion vorliegt", sagte Bergen gegenüber NRK.

Ihre Zunft jedenfalls fiebert dem Urteil aus besonderem Grund entgegen: In der Nachkriegsgeschichte waren die Experten noch nie so zerstritten, nie hat es vor Gericht zwei diametral verschiedene Gutachten gegeben. Der 24. August 2012 wird deshalb auch, so schreibt es ein Kommentator in Oslo, der "Tag des Urteils über die norwegische Psychiatrie".

Mitarbeit: Espen A. Eik

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