Attentat von Hanau Die vergeblichen Notrufe des Vili-Viorel Păun

Beim Anschlag von Hanau wählte Vili-Viorel Păun den Notruf, doch er kam nicht durch – und wurde erschossen. Die Staatsanwaltschaft lehnt weitere Ermittlungen ab, die Hinterbliebenen sind fassungslos.
Kundgebung in Kassel zum Anschlag in Hanau: Die Erklärung der Staatsanwaltschaft Hanau sei »beschämend«, teilt die »Initiative 19. Februar« mit.

Kundgebung in Kassel zum Anschlag in Hanau: Die Erklärung der Staatsanwaltschaft Hanau sei »beschämend«, teilt die »Initiative 19. Februar« mit.

Foto: Peter Hartenfelser / IMAGO

Vili-Viorel Păun starb auf dem Fahrersitz seines silbernen Mercedes CLS 320, mit dem er Pakete von Amazon auslieferte. Er war 22 Jahre alt, wohnte bei seinen Eltern. Der Attentäter Tobias Rathjen hatte ihn auf dem Parkplatz vor der Arena Bar am Kurt-Schumacher-Platz in Hanau gestellt und ihm durch die Windschutzscheibe in die Stirn, in die Brust, in die Schulter geschossen.

Rathjen tötete in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar 2020 aus rassistischen Motiven drei Menschen in der Hanauer Innenstadt und sechs weitere in Hanau-Kesselstadt, zweieinhalb Kilometer entfernt. Vili-Viorel Păun war dem Attentäter gefolgt, nachdem dieser auf sein Auto geschossen hatte. So zeigt es eine Überwachungskamera. Während der Verfolgungsfahrt wählte Vili-Viorel Păun dreimal die 110 – und kam nicht durch.

Die Hinterbliebenen fragen sich, ob Păuns Notruf vielleicht die sechs Morde in Kesselstadt hätte verhindern können. Sie fragen sich, ob Păun selbst noch leben könnte, hätte ein Beamter auf der Polizeistation Hanau I seinen Anruf angenommen.

Zwei Notrufabfrageplätze für sechs Einzugsgebiete

Vater Nicu Păun ist davon überzeugt, dass sein Sohn noch leben könnte. Er wirft den verantwortlichen Polizeibeamten fahrlässige Tötung vor und stellte Strafanzeige. Davor hatte die Staatsanwaltschaft Hanau einen sogenannten Prüfvorgang eingeleitet, nachdem Ende Januar unter anderem der SPIEGEL berichtet hatte, dass der Notruf in jener Nacht unterbesetzt war.

Nun gibt die Behörde bekannt: Es wird kein Ermittlungsverfahren geben. Es liege kein Anfangsverdacht vor, sagt Oberstaatsanwalt Dominik Mies dem SPIEGEL. »Ein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten von Angehörigen der Polizeistation Hanau I wurde nicht festgestellt.«

Man habe Akten des Ermittlungsverfahrens des Generalbundesanwalts zum Anschlag, Audioaufzeichnungen der eingegangenen Notrufe bei der Polizei (110) und bei der Rettungsleitstelle (112), deren Protokollierung sowie die Aufzeichnung des polizeilichen Funkverkehrs und Einsatzprotokolle der Polizei ausgewertet, sagt Mies. Zudem seien die Polizeibeamten vernommen worden, die in jener Nacht am Notruf saßen, und das Wachbuch der Dienststelle sei geprüft worden. Die Polizeistation Hanau I ist demnach mit zwei Notrufabfrageplätzen ausgestattet, zuständig für sechs Einzugsgebiete.

Vili-Viorel Păuns Mercedes in der Nacht zum 20. Februar 2020: Der rassistische Attentäter Tobias Rathjen tötete in Hanau neun Bürger mit Migrationshintergrund und anschließend seine Mutter und sich selbst.

Vili-Viorel Păuns Mercedes in der Nacht zum 20. Februar 2020: Der rassistische Attentäter Tobias Rathjen tötete in Hanau neun Bürger mit Migrationshintergrund und anschließend seine Mutter und sich selbst.

Foto: Boris Roessler/ dpa

Fünf Mal habe sein Sohn Vili versucht, den Notruf zu erreichen, sagt Nicu Păun im Gespräch mit dem SPIEGEL. Das Handy gehört zu den wenigen Dingen, die dem Vater geblieben sind. Er konnte darauf die Anrufe zurückverfolgen. Die Staatsanwaltschaft bestätigt die Anrufversuche, wobei sich Vili Păun, vermutlich in der Aufregung, zweimal verwählt habe. Um 21:57 Uhr, 21:58 Uhr und 21:59 Uhr hat der 22-Jährige demnach den Notruf gewählt.

In dieser Zeit sei die erste Notrufleitung besetzt gewesen durch den Anruf einer anderen Person vom Tatort »Midnight« am Heumarkt. Vili Păun hätte also nur bei der zweiten verbleibenden Stelle durchkommen können, die tatsächlich zwischen 21:58:43 Uhr und 21:59:49 Uhr durchgehend läutete, allerdings nahm keiner ab. Ungeklärt bleibt den Ermittlern zufolge, ob Vili Păuns Mobiltelefon tatsächlich eine Verbindung zum Polizeinotruf 110 aufbaute oder ob diese aus technischen Gründen nicht zustande kam.

Drei Tote innerhalb von 32 Sekunden

Die Staatsanwaltschaft fasst das Tatgeschehen in jener Nacht wie folgt zusammen: Um 21:55 Uhr betrat Attentäter Rathjen die »La Votre« Bar am Heumarkt und erschoss dort den 33-jährigen Kaloyan Velkov. Kurz darauf tötete er Fatih Saraçoğlu, 34, und im »Midnight« Sedat Gürbüz, 29.

32 Sekunden nach Beginn des Anschlags schoss Rathjen dann in der Krämerstraße auf Vili Păuns Mercedes und machte sich auf zum zweiten Tatort. Vili Păun fuhr ihm nach. Noch einmal 19 Sekunden später ging der erste Notruf ein mit der Meldung, in der Bar »Midnight« am Heumarkt seien mehrere Schüsse gefallen, eine Person sei schwer verletzt oder gar tot, der Täter auf der Flucht.

Die Polizeibeamtin am Notruf beorderte per Funk Einsatzkräfte zum Tatort. Das Gespräch dauerte insgesamt drei Minuten und 19 Sekunden und wurde durch die Beamtin wie vorgeschrieben bis zum Eintreffen der ersten Polizeikräfte gehalten. Auf der zweiten Notrufleitung nahm um 21:56 Uhr ein Kollege parallel einen zweiten Notruf an, das Gespräch dauerte 16 Sekunden. Im Hintergrund des ersten angenommenen Notrufs bei der Polizeibeamtin läutete später zeitweise das zweite Notruftelefon und wurde nicht mehr abgenommen – warum, bleibt unklar. Um 22:00 Uhr wurde dann ein weiterer Notruf entgegengenommen.

Bei der Leitstelle der Feuerwehr ging erstmals um 22:00 Uhr ein Notruf ein mit dem Hinweis auf den zweiten Anschlagsort in Hanau-Kesselstadt. Dieser Notruf hatte eine Gesamtdauer von 7 Minuten und 48 Sekunden.

Lesen Sie hier die komplette Mitteilung der Staatsanwaltschaft Hanau zu den Abläufen in der Notrufzentrale.

Der Tod der Menschen in Hanau-Kesselstadt hätte nicht verhindert werden können, selbst wenn Vili Păun bei seinem ersten Anrufversuch einen Polizeibeamten erreicht hätte, teilt die Staatsanwaltschaft mit. »Zwischen seinem ersten Anruf und dem zweiten Anschlag des Attentäters sind nicht einmal drei Minuten vergangen«, sagt Mies. Ein mögliches »Organisationsversagen« im Zusammenhang mit der Überlastung des Notrufs könne weder »im kausalen Zusammenhang« mit dem Tod des 22-Jährigen noch mit dem der Opfer in Kesselstadt gebracht werden.

»Vili hat alles richtig gemacht«

Nicu Păun sieht das anders: Wenn sein Sohn den Notruf hätte erreichen können, wäre er noch am Leben. Für ihn ist Vili ein Held. Dieser habe die Pläne des Attentäters durchkreuzt. Tobias Rathjen habe Aufzeichnungen zufolge, die in seiner Wohnung sichergestellt worden seien, weitere Morde geplant. »Vili hat alles richtig gemacht«, sagt Nicu Păun. Er ist stolz darauf, dass sein Sohn vor wenigen Wochen posthum die Hessische Medaille für Zivilcourage verliehen bekam.

Es sei »beschämend«, wie die Staatsanwaltschaft »zwischen den Zeilen« durchklingen lasse, dass Vili Păun selbst schuld sei, weil er den Attentäter in jener Nacht verfolgt habe, teilt die »Initiative 19. Februar Hanau« mit. Es gehe nicht um Schuld, entgegnet Oberstaatsanwalt Mies. Für ihn bleibt offen, ob Villi Păun ahnte, was wirklich vor sich ging. »Die Ermittlungen haben ergeben, dass der Geschädigte P. in seinem Auto sitzend dem zu Fuß flüchtenden Attentäter in der Krämerstraße begegnet ist«, so Mies. Die drei Morde innerhalb von 32 Sekunden hätten in der Straße Heumarkt stattgefunden, die in einem rechten Winkel zur Krämerstraße liege. »Da die Straßenzüge keine Baulücken aufweisen, ist zweifelhaft, ob der Geschädigte P. die ersten drei Tötungshandlungen des Attentäters hat sehen können.«

Nicu Păun ist fassungslos darüber, dass die Staatsanwaltschaft wegen der vergeblichen Notrufe keine Ermittlungen einleitet. Während des Gesprächs mit dem SPIEGEL ist er in Rumänien. Hier, weit weg von Hanau, hat er mit seiner Frau den gemeinsamen Sohn begraben.