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04. Oktober 2017, 08:39 Uhr

Attentäter von Las Vegas

Paddocks akribischer Plan

Videokameras, fast zwei Dutzend Waffen, an der Tür das Nicht-Stören-Schild: Der Attentäter von Las Vegas hat seine Tat akribisch geplant. Doch was war sein Motiv? Und welche Rolle spielte seine Freundin?

Zwei Tage nach dem Blutbad von Las Vegas ist noch unklar, was den 64-jährigen Stephen C. Paddock dazu trieb, 58 Menschen zu erschießen und etwa 500 weitere zu verletzten. Was sich herauskristallisiert: Er hat seine Tat akribisch geplant. Und wollte offenbar so lange wie möglich Kontrolle über die Situation bewahren.

Bevor Paddock um 22.07 Uhr aus dem 32. Stock des Mandalay Bay Hotels das Feuer auf Besucher eines Country-Konzerts eröffnete, hatte er Videokameras in seiner Suite und im Flur installiert. Vermutlich, um sich nähernde Sicherheitskräfte oder andere Bedrohungen rechtzeitig im Blick zu haben. Um den Zeitpunkt seines eigenen Todes selbst zu bestimmen? Paddock nahm sich das Leben, als seine Suite gestürmt wurde. "Ich gehe davon aus, dass er Ausschau halten wollte nach Personen, die ihn festnehmen könnten", sagte Bezirkssheriff Joseph Lombardo.

Paddocks Waffenarsenal war beträchtlich: 23 Schusswaffen und reichlich Munition wurde in dem Hotelzimmer gefunden. An zwölf Waffen entdeckten die Ermittler sogenannte Bump Stocks, Vorrichtungen, die das Abfeuern von Schüssen beschleunigen. Es scheint, als habe der Täter möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit töten wollen.

Tatsächlich hatte Paddock mit seinen halbautomatischen Waffen in etwa so schnell gefeuert, wie mit vollautomatischen. Laut Sheriff Kevin McMahill von der Polizei in Las Vegas schoss er zwischen neun und elf Minuten lang auf die Menge. Insgesamt stellte die Polizei im Hotelzimmer und in zwei von Paddocks Häusern in Mesquite und in Reno 47 Schusswaffen sicher, die laut FBI in den US-Bundesstaaten Nevada, Utah, California und Texas gekauft wurden.

Mittlerweile häuften sich die Hinweise darauf, dass Paddock seine Tat "umfassend" vorbereitete, sagte Sheriff Lombardo. Der "New York Times" zufolge hatte Paddock am Donnerstag eingecheckt und für die kommenden drei Tage das "Nicht stören"-Schild an seiner Tür gehabt. Dementsprechend habe auch kein Zimmermädchen die Suite betreten. Das Personal habe keinen Verdacht geschöpft. Der Schütze soll zehn Koffer in sein Hotelzimmer geschleppt haben, vermutlich befanden sich darin die Tatwaffen.

Unbestätigten Meldungen zufolge gehen die Ermittler derzeit unter anderem der Frage nach, ob Paddock vor dem Anschlag auf die Konzertbesucher bereits ein früheres Attentat in Las Vegas geplant hatte, als "Übung".

Paddock soll ein passionierter Spieler und oft in den großen Casino-Hotels der Stadt zu Gast gewesen sein. Seine Freundin Marilou Danley soll laut "New York Times" in einigen dieser Hotels gearbeitet haben. Die 62-Jährige ist inzwischen aus den Philippinen in Los Angeles angekommen und wird derzeit von FBI-Ermittlern vernommen. Diese hoffen, mehr über den Täter und ein mögliches Motiv zu erfahren.

Nur Tage vor dem Massaker soll Paddock 100.000 Dollar auf die Philippinen überwiesen haben. Der US-Heimatschutz geht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge davon aus, dass diese Summe mit hoher Wahrscheinlichkeit für Danley bestimmt war, als eine Art Lebensversicherung. Von einer Komplizenschaft geht die Polizei offiziell nicht aus - die 62-Jährige soll vorerst nur als Zeugin gehört werden.

Das Paar lebte in Mesquite in Nevada, knapp 130 Kilometer nordöstlich von Las Vegas, hatte aber ein weiteres Haus in Reno. Laut "Los Angeles Times" soll Paddock seine Freundin in der Öffentlichkeit häufiger schlecht behandelt und gedemütigt haben. So berichten es Angestellte eines Starbucks-Cafés in Mesquite, wo das Paar verkehrte.

Die Ermittler gehen weiter davon aus, dass der bis zum Tatzeitpunkt nicht vorbestrafte Paddock allein gehandelt hat. Bisher gebe es keine Beweise dafür, dass der "Islamische Staat" für das Massaker verantwortlich sei, auch wenn die Terrororganisation den Anschlag für sich reklamiert hatte.

"Es wird

immer sinnloser, je mehr wir versuchen, das Ganze logisch zu erklären", schrieb Paddocks Bruder Eric laut Reuters in einer Textnachricht. "Ich wette jede Summe, dass sie keine Verbindung zu irgendetwas finden werden, er hat das ganz allein getan." Eine psychische Erkrankung des tatverdächtigen Bruders sei ihm nicht bekannt gewesen.

Der Schütze soll wohlhabend gewesen sein. In den Siebzigerjahren soll Paddock noch als Briefträger gearbeitet haben. Dann machte er offenbar einen Abschluss in Betriebswirtschaft und war von 1978 bis 1984 bei der Bundessteuerbehörde angestellt. Danach arbeitete er laut "Los Angeles Times" ein Jahr lang als Wirtschaftsprüfer.

US-Präsident Donald Trump bezeichnete Paddock am Dienstag als "krank" und "wahnsinnig". Die Ermittler äußerten sich nicht zu seinem Geisteszustand. Paddocks vor einigen Jahren gestorbener Vater war ein Bankräuber und wurde zeitweise vom FBI auf der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher geführt. Auf einem damaligen Fahndungsplakat wurde der Vater als "Psychopath" beschrieben. Nach Darstellung von Eric Paddock hatten er und sein Bruder keinen Kontakt zu ihrem Vater.

Video aus Las Vegas: "Das Schlimmste, was uns passieren konnte"

In den USA gibt es immer wieder tödliche Angriffe mit Schusswaffen. Trotz mehrerer Amokläufe auch an Schulen und Universitäten gelang es Trumps Vorgänger Barack Obama nicht, gegen den Widerstand der Republikaner schärfere Waffengesetze durchzusetzen (lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema).

Das Weiße Haus erklärte nach den Schüssen von Las Vegas, eine Debatte über eine Verschärfung der Waffengesetze sei ohne Kenntnisse der Hintergründe "verfrüht". Wenig später bekräftigte Trump dies noch einmal: "Vielleicht" werde es eine solche Debatte geben. Die Zeit dafür sei aber nicht jetzt.

Video: Polizei veröffentlicht Bodycam-Aufnahmen vom Anschlag

ala/Reuters/dpa

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