Aufklärung des Boston-Attentats Das Terror-Puzzle

Ein Verdächtiger tot, der andere schwer verletzt gefasst - doch es bleiben viele Fragen zu den Attentaten in Boston: Waren es Einzeltäter oder handelten die beiden aus Tschetschenien stammenden Brüder im Auftrag einer Terrororganisation? Die Ermittler tragen immer mehr verstörende Details zusammen.


Boston - Es ist ein gespenstische Szene, die ein Mann aus dem Fenster seiner Wohnung in Watertown, Massachusetts, gegen 21 Uhr filmte: Vor dem Haus gegenüber hatte sich ein Großaufgebot schwarz gekleideter Polizisten eingefunden. Zunächst sind Sirenen zu hören, einzelne Zurufe, dann plötzlich krachen Schüsse, mehrere Salven zerreißen die Luft, dann das Dröhnen von Hubschrauber-Rotoren.

"Gefangen, die Jagd ist beendet!", heißt es kurz darauf von den Bostoner Behörden - und die Erleichterung ist riesig. Es war gelungen, den flüchtigen Dschochar Zarnajew schwerverletzt unter einer Plane in einem geparkten Boot aufzustöbern (hier lesen Sie eine Zusammenfassung zur Festnahme, hier das Minutenprotokoll der Fahndung, hier sehen Sie die Höhepunkte der Fahndung im Video). Er wird dringend verdächtigt, zusammen mit seinem Bruder Tamerlan die Bombenattentate von Boston verübt zu haben.

Wie der Polizeichef von Watertown, Edward Deveau, dem Sender CNN sagte, habe der schwer verletzte Zarnajew erst nach 20 Minuten aufgegeben. "Schließlich tat er, was wir ihm befohlen hatten, stand auf und hob sein Hemd hoch", sagte er. Deveau äußerte sich überzeugt, dass die beiden Brüder Zarnajew allein gehandelt haben. "Nach dem, was wir wissen, waren sie allein." Zugleich berichtete er, der Festgenommene habe zuvor bei der Verfolgungsjagd seinen älteren Bruder mit dem Auto überfahren, als dieser noch lebte.

Der Besitzer des Boots, David Henneberry, hatte den Flüchtigen entdeckt, als er einen Blick unter die Plane warf, mit der er sein Motorboot aus den Achtzigern abgedeckt hatte. "Er ging hin und sah, dass die Plane verrutscht war und einer der Riemen lose herunterhing. Er hob ihn hoch und bemerkte, dass er durchgeschnitten war", sagte Henneberrys Stiefsohn Steven Duffy der "New York Daily News". Im Innern des Bootes entdeckte Henneberry demnach Blut und etwas, das an einen Körper erinnerte. Er alarmierte die Polizei, die dann zwei Stunden lang sein Grundstück belagerte, bis Zarnajew endlich aufgab.

Auf die Festnahme folgte das große Aufatmen: Der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, dankte Polizei und Ermittlern für die exzellente Arbeit.

Die beiden tatverdächtigen Brüder lebten zwar schon längere Zeit in den USA, stammen aber aus Tschetschenien. Mithin spielt in diesem Fall nicht nur der internationale Terrorismus eine Rolle, sondern auch die bilateralen Beziehungen zwischen Russland und den USA.

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Boston-Terror: Der Anschlag, die Fahndung, die Verdächtigen
Wie der Kreml an diesem Samstag mitteilte, haben der russische Präsident Wladimir Putin und Barack Obama am Telefon eine mögliche engere Kooperation in Sachen Terrorismusbekämpfung angesprochen. Beide hätten ihren Willen bekräftigt, "die Zusammenarbeit ihrer Sicherheitsdienste im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu verstärken".

Obama begrüßte in Washington die "enge Kooperation" mit Moskau, von der die USA insbesondere nach den Anschlägen profitiert hätten. Worin diese Zusammenarbeit konkret bestand, sagte er nicht.

Bislang soll Moskau keine wertvollen Hinweise geliefert haben, meldete die Agentur Interfax unter Berufung auf Sicherheitskreise. "Weil die Brüder Zarnajew nicht in Russland gelebt haben, konnten unsere Sicherheitsdienste den ausländischen Partnern keine aussagekräftigen Informationen geben." Man bleibe aber in Kontakt, hieß es.

Tatsächlich ist die Kooperation beider Länder bislang relativ schwach. Das liegt an unterschiedlichen außenpolitischen Zielen und an Vorwürfen der USA, Putin nehme den Anti-Terror-Kampf als Vorwand für Maßnahmen gegen politische Gegner.

Tamerlan Zarnajew wurde während eines Schusswechsels mit der Polizei tödlich verwundet. Sein Bruder Dschochar konnte schwerverletzt fliehen und versteckte sich unter einer Plane in einem Boot. Dort wurde er von Sicherheitskräften aufgestöbert und festgenommen. Der 19-Jährige soll Wunden an Hals und Bein davongetragen und viel Blut verloren haben. Sein Zustand sei ernst, berichteten US-Medien. Das Krankenhaus, in dem er liegt, wird rund um die Uhr bewacht.

"Das FBI hat Tamerlan gefürchtet"

Nach der Festnahme beginnt nun das Zusammensetzen der Puzzleteile in diesem spektakulären Terrorfall. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass die Brüder aus Tschetschenien tatsächlich die Bomben legten, bleibt die Frage: Waren hier fehlgeleitete, radikalisierte Individuen am Werk oder handelten sie im Auftrag einer weltweit agierenden Terrororganisation?

Inzwischen wurde bekannt: Das FBI hatte den getöteten Tamerlan Zarnajew bereits 2011 als "radikalen Islamisten" im Visier - ohne Hinweise auf terroristische Aktivitäten zu finden. Der damals in den USA lebende Mann sei auf Wunsch einer ausländischen Regierung überprüft worden, teilte die Bundespolizei mit. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete am Samstagabend, dass es sich bei dem Staat um Russland gehandelt haben soll.

Das Ersuchen habe sich auf Informationen gestützt, wonach Zarnajew ein Anhänger des radikalen Islam und strenggläubig sei. Von 2010 an habe er sich dramatisch verändert. Er habe Vorbereitungen getroffen, die USA zu verlassen, um sich nicht näher beschriebenen Untergrundgruppen in dem ausländischen Land anzuschließen, hieß es.

Die Mutter der Zarnajews, Subeidat, sagte "Russia Today", dass das FBI "jeden Schritt" ihres älteren Sohns kontrolliert habe. "Sie wussten, was er tut, welche Webseiten er aufrief." Das FBI habe Tamerlan gefürchtet, "weil er ein Führer war, weil er Menschen hinter sich versammeln konnte und viel über den Islam redete".

Der Vater soll unbestätigten Meldungen zufolge für die russischen Sicherheitskräfte gearbeitet haben. Im Interview mit dem Sender Radio Svoboda erklärte er, seine Söhne hätten keinerlei Verbindung zu tschetschenischen Rebellen gehabt. Er selbst sei Unterstützer des herrschenden Präsidenten Ramsan Kadyrow. Während der ältere Bruder Tamerlan die Moschee besucht habe, soll der jüngere Bruder Dschochar noch nicht einmal gebetet haben.

Im Interview mit der russischen "Izvestija" sagte Ansor Zarnajew, Tamerlan sei Boxer und Musiker gewesen, habe wunderbar Jazz auf dem Klavier gespielt. Eine Weile habe er Schauspiel studiert und auf seine dreijährige Tochter aufgepasst, irgendwann auch mal mit Behinderten gearbeitet.

"Der Stolz der Familie"

Der jüngere Dschochar sei als Student am MIT in Boston "der Stolz der Familie", so der Vater. Stets habe er Einsen geschrieben, davon geträumt, ein berühmter Arzt zu werden. "Mit Geld hatte er natürlich Probleme", sagte der Vater. Manchmal habe er ihm etwas geschickt, Dschochar selbst habe sich als Bademeister etwas dazuverdient. Dies widerspricht Berichten, wonach Dschochar in der Vergangenheit immer wieder kostspielige Autos in eine Werkstatt brachte. Ein Hinweis auf finanzstarke Finanziers im Hintergrund?

"Er hatte keine Zeit für irgendwelche Dummheiten", davon ist Zarnajew Senior überzeugt. Die Beziehung zwischen den Brüdern soll dem Vater zufolge eng und klar hierarchisch gewesen sein: Dschochar habe nie gegen den Willen von Tamerlan "so etwas" tun können. Aber vielleicht unter seiner Ägide.

Der Vater erklärte, er werde so schnell wie möglich in die USA reisen und versuchen, Gerechtigkeit für seine Söhne zu erreichen - wenn es sein muss auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Noch ist völlig unklar, vor welchem Gericht sich Zarnajew wird verantworten müssen.

Über seine politische und religiöse Haltung ist so gut wie gar nichts bekannt. Auf seiner nur spärlich gefüllten Seite beim russischen Facebook-Pendant VKontakte gab Dschochar bei Lebenszielen an: "Karriere und Geld".

ala/dpa/AFP

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Apophis99942 20.04.2013
1. Einseitige Medienhypes.
Warum berichtet nicht EIN Journalist von einem großen Fehlschlag. Sie wussten von den Sprengsätzen, haben den Marathon weiterlaufen lassen. Setzen Boston in einen Ausnahmezustand, kappen alle Bahnverbindungen und Flüge und gehen auf eine Manhunt! mit 9000+ Mann und Panzerwagen, wo nach dem Telefonanruf 5 Leute gereicht hätten und durchsuchen unerlaubterweise ganze Häuserblocks. Das! ist Terror. Wenn das wirklich das Anliegen war, haben diese Tschetschenen gewonnen. Ein Gigantischer Misserfolg.
freeusa 20.04.2013
2. Gerechtigkeit
Gerechtigkeit will der Vater. Für seine Söhne? Für die Toten? Für die Verletzten? Vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte! Ich hoffe der Sohn überlebt und erhält vor einem ordentlichen Gericht seine verdiente Strafe.
Coroner 20.04.2013
3. Die Bombenleger und "Terroristen"
scheinen immer dümmer zu werden. Während frühere Fanatiker und "Verrückte" in den USA, wie der berüchtigte Una-Bomber Theodore Kaczynski (http://de.wikipedia.org/wiki/Theodore_Kaczynski) noch ihre verquere Weltsicht (die eine gewisse innere "Logik" besass) in Form von Flugblättern und Schriften zur "Erklärung" ihrer Untaten unters Volk brachten, bleibt das Motiv dieses Bombenanschlags absolut im Dunkeln. Die Primitivität der Bomben (Schnellkochtöpfe) und der gewählte Sprengstoff sieht nach dilletantischen Einzeltätern aus. Bei zwei Personen mit möglichen Kontakten zum tschetschenischen Terrorismus wäre der Einsatz von "professionellem" Material zu erwarten gewesen. Ferner wäre bei einem Studenten der Elite-Universität, MIT, zu erwarten, dass das Ganze irgendein logisches Muster, einen Plan, ein Ziel hat. Völlig unklar bleibt, was mit den Bomben erreicht werden sollte. Kein Bekennerschreiben - Nichts. Das ist irgendwie rätselhaft. Bleibt abzuwarten, was der noch lebende zweite Verdächtige aussagen wird.
Tiananmen 20.04.2013
4.
---Zitat--- Der Vater erklärte, er werde so schnell wie möglich in die USA reisen und versuchen, Gerechtigkeit für seine Söhne zu erreichen - wenn es sein muss auch vor dem Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte in Strasbourg. Noch ist völlig unklar, vor welchem Gericht sich Zarnajew wird verantworten müssen. ---Zitatende--- Es ist immer wieder interessant, wenn Bürger aus der russischen Republik Tschetschenien oder aus ebenso wenig demokratischen Ländern im vorderen Orient den Finger heben und Demokratie und "Gerechtigkeit" einfordern, während im eigenen Land blanker Terror gegen Teile der Bevölkerung herrscht. Im Fall Boston wirkt es geradezu zynisch, wenn Gerechtigkeit gefordert wird für zwei Brüder, die im Verdacht stehen, mehrere Mitbürger getötet zu haben und noch viel mehr verletzt. Man bekommt den Eindruck, dass es Bevölkerungsgruppen gibt, die sehr viel eher bereit sind, zu fordern, was ihnen nach ihrer Meinung mindestens zusteht, als zu sich in ihrem Gastland zu integrieren.
kaaarl 20.04.2013
5. übertrieben
Langsam nimmt die Anzahl der Artikel zum Anschlag in Boston übertriebene Ausmaße an - natürlich ist es schrecklich, was passiert ist. Und ja,wahrscheinlich würde ich mich auch besser fühlen, wenn ich wüsste, dass sich die Leute dafür interessieren, was mir passiert ist, wenn es in Deutschland so etwas passieren würde. Aber anderswo ereignen such beinahe täglich, bei denen deutlich mehr Menschen sterben. Und da gibts nicht mal einen Artikel (zum Vgl.: Zu diesem einen gab es gefühlte 30). Das ganze ist ein einziger Hype, der anfängt zu stören und zeigt, wie sehr es die Leute hier interessiert, wenn jemand im nahen Osten bzw. Amerika oder Europa stirbt.
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