Aufstand gegen entlassenen Vergewaltiger "Passt auf Eure Kinder auf!"

Er hat junge Frauen vergewaltigt, saß 20 Jahre lang in Haft und gilt als höchst rückfallgefährdet. Nun will Karl D. im Dorf Heinsberg ein neues Leben beginnen, doch Therapien hat er abgelehnt. Der Landrat warnte in einem umstrittenen Schritt öffentlich vor ihm - jetzt laufen die Bürger Sturm.

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Hamburg - Ausnahmezustand in einer kleinen Gemeinde im Kreis Heinsberg nahe Aachen: Hier in Randerath, das gerade einmal 1400 Einwohner zählt, hat ein Mann seinen vorbestraften Bruder Karl D. aufgenommen. Dieser ist jedoch mehrfach verurteilt wegen Vergewaltigung, 20 Jahre saß er deswegen in Straubing im Gefängnis. Der 57-Jährige will ein neues Leben anfangen. Doch nach Einschätzung der Münchner Staatsanwaltschaft gilt er als höchst rückfallgefährdet.

Vor dem Haus seines Bruders am Ortsrand, in dem sich Karl D. versteckt hält, skandieren seit Tagen die Bürger: "Raus, raus, Kinderschänder raus!" Sie halten bemalte Plakate und Bettlaken hoch, auf denen sie sich gegen den neuen Nachbarn wehren. "Wir wollen Sicherheit für unsere Kinder!", steht auf einem der Transparente. Die Menschen in Randerath wollen sich so oft vor dem Haus treffen, bis Karl D. aus ihrem Ort verschwindet.

Sein Konterfei haben sie kopiert und in DinA-4-Größe in den umliegenden Geschäften und Bushaltestellen aufgehängt. Unter dem verwackelten Schwarz-Weiß-Bild steht: "Passt auf Eure Kinder auf!"

Rückblick: Im Jahr 1984 vergewaltigte Karl D. eine 17-jährige Schülerin, sechs Jahre saß er dafür im Gefängnis. Zehn Jahre später nahm er zwei Schülerinnen in seinem VW-Bus mit und vergewaltigte sie stundenlang an einer abgelegenen Stelle.

Das Landgericht München verurteilte den Sexualstraftäter danach erneut zu 14 Jahren Haft. Vergangenes Wochenende kam er auf freien Fuß - gegen den Antrag der Staatsanwaltschaft München II. Die hatte die nachträgliche Sicherungsverwahrung beantragt - zum Schutz der Bevölkerung. "Zwei Gutachter bescheinigten dem Mann einen Hang zu weiteren schwersten Straftaten", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl SPIEGEL ONLINE. Karl D. weise zudem sadistische Züge auf, es bestünde eine immense Rückfallgefahr.

Im Fall Karl D. laufen derzeit noch zwei Verfahren: Der Bundesgerichtshof (BGH) prüft die Revision der Staatsanwaltschaft München II gegen das ergangene Urteil, und das Oberlandesgericht prüft die Beschwerde der Staatsanwaltschaft München II gegen die Freilassung. "Aber beide Entscheidungen dauern noch an", sagte Hödl. Deshalb sei Karl D. nun eben auf freiem Fuß. "Das kommt immer mal wieder vor."

Das einzige, was der Staatsanwaltschaft in solchen Fällen übrig bleibt: Abwarten. Um die Rückfallgefahr zu verhindern werden, steht Karl D. unter sogenannter Führungsaufsicht. "Er muss bestimmte Auflagen erfüllen und wird von einem Bewährungshelfer betreut", sagt Hödl.

Taten mit einem "hohen Maß an Brutalität und Grausamkeit"

Mit einer Hetzjagd, wie sie nun über ihn und vor allem die Familie seines Bruders hereinbrach, hat Karl D. nicht gerechnet. Als er am Freitag aus der JVA Straubing entlassen wurde, rief er seine Geschwister an. Der einzige, der Mitleid hatte, war sein Bruder, der in Heinsberg lebt. Er fuhr die 620 Kilometer von Nordrhein-Westfalen nach Bayern, holte den Bruder ab und gewährte ihm Unterschlupf.

Was sie nicht ahnten: Der Leiter der Polizei, Landrat Stephan Pusch, informierte prompt die Bevölkerung über den unliebsamen Nachbarn. Aus Sicherheitsmaßnahmen ist es üblich, dass die Behörden in Bayern die Kollegen des neuen Aufenthaltsortes darüber informieren müssen. "Damit die Polizei präventiv handeln kann", erklärt Oberstaatsanwalt Hödl. Warum der Landrat gleich eine Pressemitteilung herausgeben musste, dazu wollte sich der Münchner Jurist nicht äußern.

Der Landrat selbst gab bekannt, er sehe es als seine "Pflicht an, die Bevölkerung zu informieren". In seiner Erklärung heißt es wörtlich: "Aufsehen erregten die Vergewaltigungsfälle des heute 57-jährigen durch das hohe Maß an Brutalität und Grausamkeit, mit der die Opfer misshandelt wurden."

Dieser Schritt sei mit dem Recht nicht vereinbar, sagte dagegen eine Sprecherin der NRW-Datenschutzbeauftragten im ZDF. Straftäter hätten nach Verbüßung ihrer Strafe ein Recht auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft und damit auf freie persönliche Entfaltung. "Man kann sie nicht, wenn das Strafverfahren beendet ist, an den Pranger stellen." Das Vorgehen des Landrats sei "gänzlich ungeeignet", die Bevölkerung zu schützen.

"Wir schützen die Bevölkerung vor ihm - und umgekehrt"

Pusch, selbst Jurist, sagt, ihm sei durchaus bewusst gewesen, dass sein Vorgehen "nicht unbedenklich" war. Aber, er habe dem Schutz der Bevölkerung Vorrang vor dem Schutz der Privatsphäre des Mannes geben müssen. Zudem seien die Informationen über den Sexualstraftäter ohnehin nicht mehr geheim gewesen, nachdem die Boulevardpresse ausführlich darüber berichtet habe. Nach einer Prüfung der Angelegenheit teilte das Düsseldorfer Innenministerium mit, das Vorgehen des Landrates sei "vertretbar" gewesen.

Ausbaden muss es die Heinsberger Polizei. "Wir lassen den Herrn nicht aus den Augen, rund um die Uhr wird er von Beamten beobachtet", sagt ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE. "Wir schützen die Bevölkerung vor ihm - aber auch ihn vor ungerechtfertigten Übergriffen der Bevölkerung."

Noch sei alles "komplett friedlich", bemüht sich der Polizeibeamte die anbahnende Katastrophe kleinzureden. Es habe an den vergangenen beiden Abenden nur "kleine Versammlungen" vor dem Haus gegeben. "Es herrscht schon Unmut, aber man lässt den Mann sonst in Ruhe."

Augenzeugen berichten das Gegenteil: "Das ist eine richtige Hetze auf den Mann. Hier herrscht schon fast Pogromstimmung", sagt ein Beobachter. "Wenn hier einer anfängt einen Stein zu werfen, machen alle mit."



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