Auftakt zum Brunner-Prozess Das Böse im Bürschchen

Die Angeklagten sind blass, schmächtig, schüchtern - im Prozess um den mutmaßlichen Mord an Dominik Brunner offenbart sich die absurde Banalität schwerer Gewalttaten. Musste der Mann wirklich nur sterben, weil zwei unsichere Halbstarke ihr Gesicht wahren wollten?

Von , München


Der Auftakt ist ein kurzer, klarer, entschiedener Akkord. Er lässt erahnen, wie diese Verhandlung unter dem Vorsitz des Jugendrichters am Landgericht München I, Reinhold Baier, verlaufen wird: eine knappe Begrüßung der Prozessbeteiligten, professionell freundlich. Kein einziges Wort zu der brütenden Hitze, die auf dem Strafjustizgebäude lastet und schon in den frühen Vormittagsstunden die Luft in dem fensterlosen Saal stickig werden lässt.

Es folgt die Vorstellung der Angeklagten, ihrer Anwälte, der beiden Staatsanwältinnen, die Gerichtsbesetzung. Wir tun hier unseren Job, heißt das, unabhängig vom Getröte der Medien.

"Hat jemand Einwände?", fragt Baier kurz. Einer der Verteidiger des Angeklagten Sebastian L., 18, will die Gerichtsbesetzung prüfen. "Wie lange brauchen Sie? Eine halbe Stunde? Eine Dreiviertelstunde?" Der Anwalt nickt. Es wird ohne langes Hin und Her unterbrochen. Diskutieren kostet nur Zeit.

Die Rechte eines Angeklagten werden geachtet, jedes weitere Wort ist überflüssig.

In einem Anflug von Jovialität erkundigt sich der Vorsitzende bei den Angeklagten, ob sie mit der Atmosphäre im Saal zurechtkämen, um sogleich hinzuzufügen, dass man sich mit diesem Raum nie werde anfreunden können.

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Der Fall Dominik Brunner: Gewaltexzess am Bahnsteig
Im Gegensatz zu der wohltuend straffen Verhandlungsführung stehen die langen Minuten vor dem Einzug des Gerichts. Mindestens eine Viertelstunde lang stehen die beiden Angeklagten - der 18-jährige Markus Sch. und eben Sebastian L. - im Fokus der Kameras.

Muss so etwas eigentlich sein? Angeklagte mögen sich schuldig gemacht haben, sie werden dafür von dem zuständigen Gericht bestraft. Eine zusätzliche Buße, die im öffentlichen Anprangern besteht, sehen weder Strafgesetz noch Strafprozessordnung vor.

Den Blick meist zu Boden

Markus Sch. hat laut Anklage am 12. September 2009 an der S-Bahn-Haltestelle Solln mit seinem Freund Sebastian L. den 50-jährigen Dominik Brunner totgetreten. Unbewegt starrt er nun in die Objektive. Sebastian, der offenbar zumindest versucht hatte, Markus aus dessen Gewaltexzess herauszureißen, richtet den Blick meist zu Boden, was ihn noch unbedarfter und schmächtiger wirken lässt, als er ohnehin ist.

Beide sind in München geboren, drücken sich aber in ungewöhnlich gefärbter Sprache aus, als entstammten sie Migrantenfamilien, was nicht der Fall ist.

Diese beiden harmlos und friedfertig wirkenden Jungen sollen wie besinnungslos auf den Kopf ihres Opfers eingetreten haben? Diese Bürschchen, die jetzt wie die armen Sünder dasitzen und gequält nach Worten ringen, dass sie selbst nicht verstünden, was sie damals getan hätten, und dass sie doch keinen Menschen hätten töten wollen und dass sie auch nicht mit Brunners Tod gerechnet hätten? Dass sie die Verantwortung übernähmen, jedoch wüssten, dass es nie eine Entschuldigung für die Tat geben werde?

"Schwer gefehlt"

Über Markus, den Älteren der beiden, sagt sein Anwalt Maximilian Pauls: "Vor Ihnen sitzt ein junger Mensch, der schwer gefehlt hat. Er wirkt nach außen distanziert, obwohl er tief betroffen ist. Er ist ein zurückhaltender Mensch, eher zur Unterordnung neigend." Was ließ einen solchen Jungen so ausrasten, dass er von sich selbst vor Gericht sagt: "Ich muss wohl voll einen Blackout gehabt haben"?

Pauls trägt für seinen Mandanten eine Einlassung zur Sache vor. Sie widerspricht in einigen Punkten der These der Staatsanwaltschaft, wonach die Angeklagten aus niedrigen Beweggründen, nämlich aus Rache, gehandelt hätten, weil Brunner sich ihren Stänkereien und Pöbeleien gegenüber vier Jugendlichen entgegengestellt hatte.

Die Einlassung passt genau zu dem, was auch der Mitangeklagte L. einsilbig, zäh und in monotonem Tonfall, dem Gericht zu erklären versucht: dass es nämlich zur Schlägerei mit Brunner nicht deshalb kam, weil der sich schützend vor ein paar Halbwüchsige stellte. Sondern weil sie sich von Brunner angegriffen fühlten - ja, wenn ihre Darstellung stimmen sollte, angegriffen fühlen konnten.

Pöbeln, rangeln und stänkern

Demnach hätten beide Angeklagte beim Verlassen des S-Bahn-Zugs am Bahnhof Solln das Interesse am Pöbeln, Rangeln und Stänkern bereits verloren gehabt. Es sei ohnehin nichts Ernstes gewesen. Man habe nicht "wie ein Depp" dastehen wollen" und weiter "blöde Sprüche" gemacht. "Ich wollte nicht, dass es so aussieht, als ziehe ich den Schwanz ein", bringt L. vor Gericht mühsam heraus, "wenn der die Polizei holt". Gemeint ist Brunner. "Ich hatte ja bis dahin nichts gemacht."

Es ging offenbar vordringlich auch nicht um Geld. Man gefiel sich vielmehr in der Rolle der bösen, schmutzigen Buben, über die sich die bürgerliche Gesellschaft gern den Mund zerreißt. "Die haben über uns gelästert", beschreibt Sebastian die Situation im S-Bahn-Zug.

Wenn es stimmt, was beide Angeklagte sagen, dann drehte sich nach dem Aussteigen der vor den Angeklagten gehende Brunner plötzlich zu ihnen um. Er legte seinen Rucksack und seine Jacke ab und begann, sich in Boxhaltung tänzelnd vor ihnen aufzubauen.

"Na, bist wohl ein ganz Harter"

Sebastian L. habe sich darüber mokiert und gemeint: "Na, bist wohl ein ganz Harter", worauf Brunner Markus einen Faustschlag ins Gesicht versetzt habe. Markus habe geblutet, sei wütend gewesen, und Tränen seien ihm übers Gesicht gelaufen. "Ich hatte den Eindruck", so Sebastian vor Gericht, "dass er körperlich unterlegen war. Also bin ich ihm zu Hilfe gekommen."

Von da an nahm das Verhängnis seinen fürchterlichen Verlauf. Brunner stürzte, sein Kopf schlug gegen ein Geländer. Nach Aussagen der Angeklagten wehrte er - um sich tretend - die Schläge und Tritte der jungen Männer ab. Sebastian, dem die Auseinandersetzung angeblich bald "zu krass" zu werden drohte, versuchte, Markus zurückzuhalten.

Nur einmal noch, so Sebastian, habe Markus von oben auf Brunners Gesicht getreten. Dann seien sie ins Gebüsch geflüchtet und hätten dort angeblich gehofft, die inzwischen eingetroffene Polizei werde bald wieder abziehen. "Ich wusste ja nicht, dass so etwas passiert war", so Sebastian. "Aber Sie waren doch dabei, Herr L.", sagt der Vorsitzende.

In diesem Prozess wird es auf die Zeugen ankommen. Es gibt eine ganze Reihe von Personen, die aus unmittelbarer oder weiterer Entfernung das Geschehen beobachtet haben. Sollte Brunner tatsächlich die körperliche Konfrontation mit diesen zwei jungen Männern gesucht haben, als sich die Situation bereits entspannt hatte und niemand mehr seines besonderen Schutzes bedurfte?

Das von der Staatsanwaltschaft unterstellte Motiv, aus dem sich die Mordanklage ableitet, wäre dann nicht mehr zu halten. Das heißt aber noch lange nicht, dass es für die Angeklagten dann glimpflich abgeht. Denn wer auf den Kopf eines Menschen so eintritt, wie es offenbar Markus und vielleicht auch Sebastian getan haben, kann später nicht behaupten, er habe nicht mit dem Tod des Opfers gerechnet - egal ob er zuvor von diesem herausgefordert wurde oder nicht.

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Seite 1
pietro-del-cesare 13.07.2010
1. ....
"Ich muss wohl voll einen Blackout gehabt haben?" - Ich sehe es schon mal wieder kommen: Man sollte vor Gericht den Doofen spielen, angeben, man sei besoffen oder bekifft gewesen, lebe in einem negativen Umfeld und/oder habe eine schwierige Kindheit gehabt - das ist der erste Schritt in die Freiheit.
Pazifist 13.07.2010
2. objektiv
Zitat von sysopDie Angeklagten sind blass, schmächtig, schüchtern - im Prozess um den mutmaßlichen Mord an Dominik Brunner offenbart sich die absurde Banalität schwerer Gewalttaten. Musste der Mann wirklich nur sterben, weil zwei unsichere Halbstarke ihr Gesicht wahren wollten? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,706360,00.html
Ich finde den SPON-Bericht erfreulich objektiv. Keine Spur von Hetze, sondern der Versuch, die Tat zu verstehen und zu einem fairen Urteil zu gelangen, das auch die Möglichkeit miteinschliesst, den beiden jungen Männern nicht für alle Zukunft den Weg zu verbauen.
Rainer Helmbrecht 13.07.2010
3. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von sysopDie Angeklagten sind blass, schmächtig, schüchtern - im Prozess um den mutmaßlichen Mord an Dominik Brunner offenbart sich die absurde Banalität schwerer Gewalttaten. Musste der Mann wirklich nur sterben, weil zwei unsichere Halbstarke ihr Gesicht wahren wollten? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,706360,00.html
Nein er musste sterben, weil Eltern nicht in die Pflicht genommen werden. Es ist schön, wenn Eltern sich um ihre Kinder kümmern, aber wenn sie es nicht machen, ist das nicht schlimm. Der Staat verkommt zu einem machtlosen Reparaturbetrieb. Egal worum es sich dreht, Eltern kommen mit den Kindern nicht klar... ab ins betreute wohnen. Kinder sind zu blöde zu verhüten, nicht schlimm Mutter Kind Heim. Diese Menschen lernen nicht Schwierigkeiten zu bewältigen, sondern sie werden aus dem Verkehr gezogen. Kinder haben keinen Bock auf Schule, kein Problem, der neue Beruf heißt Hartz IV. Beruf? Schwierig eine Lehrstelle zu finden, aber wenn es Schwierigkeiten gibt, hinschmeißen. Wenn Kinder Alkoholiker werden, dann ist das der Fehler der Gesellschaft, dafür kümmern wir uns um flächendeckendes Rauchverbot von erwachsenen Menschen. Es geht darum, dass man sich in Gefahr bringt, wenn man Jugendliche auffordert die Schuhe vom Sitz zu nehmen. Kinder um 12 Jahre sind Nachts auf der Straße, das gehört zu einer freiheitlichen Erziehung. Das einhalten von Vorschriften und Gesetzen ist etwas für Erwachsene. Kinder sind nicht mehr zu kritisieren, weil das unter deren Würde ist. Das besonders Schlimme ist, dass unser Belohnungssystem die falschen belohnt. Kinder und Jugendliche, die Funktionieren, werden als Kriecher, Schleimer und Streber diffamiert, der Rest ist cool und soviel Geld, dass er sich Zigaretten und Alkohol im Übermaß leisten kann. MfG. Rainer
unterländer 13.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Angeklagten sind blass, schmächtig, schüchtern - im Prozess um den mutmaßlichen Mord an Dominik Brunner offenbart sich die absurde Banalität schwerer Gewalttaten. Musste der Mann wirklich nur sterben, weil zwei unsichere Halbstarke ihr Gesicht wahren wollten? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,706360,00.html
Same procedure as every time. Das Opfer setzt die Ursache. Man erinnert sich noch genau an den Herrn Jessen von der Zeit, der in einem anderen Fall den Münchner Rentner als Hauptverantwortlichen für den Überfall, der ihn zum Krüppel machte, darstellte. Hinterher wollte Herr Jessen es dann nicht mehr so gemeint haben. Frau Friedrichsen konzediert immerhin, dass es angesichts des Gewaltexzesses egal sei, wo die Ursache zu suchen sei.
buutzemann 13.07.2010
5. "wir hatten ja noch nichts getan."
genau dieser satz verrät, wie sehr die appeasement- justiz versagt hat, indem sie alle bereits begangenen vergehen dieser beiden jungen männer (nicht jungen oder burschen!) nicht sanktioniert hat. nötigung und beleidigung von erwachsenen, erpressung von jugendlichen sind delikte, die - auch in der öffentlichen wahrnehmung - kaum noch als delikte betrachtet werden. ein klassischer fall von broken-window-theorie: wenn die erste kaputte scheibe nicht sofort repariert wird, verkommt über kurz oder lang die ganze straße. deshalb: hart und vor allem schnell durchgreifen, das ist die einzige option bei solchen härtefällen.
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