SPIEGEL ONLINE

Polizei zu Fall in Augsburg Tödlicher Schlag kam unvermittelt von der Seite

In Augsburg starb ein Feuerwehrmann nach einer Prügelattacke von Jugendlichen. Die Polizei kann das Geschehen durch Überwachungsvideos gut rekonstruieren.

Die Botschaften auf den handgeschriebenen Zetteln schwanken zwischen stiller Trauer und anklagender Wut: "Augsburger trauert um einen seiner Helden", ist dort etwa zu lesen. Aber auch: "Pöbeln, randalieren, zuschlagen! Umbringen als Höhepunkt in Versagerkarrieren."

Um den Baum am Tatort ist eine Gedenkstätte entstanden. Hunderte Grablichter stehen dort, dazwischen Engelsfiguren, im Granulat um den Stamm liegen Kränze.

Immer wieder verharren Passanten im Gedenken, während ringsum Moderatoren von Fernsehsendern ihre Aufsager machen. Der belebte Ort im Zentrum Augsburgs wird nun für lange Zeit mit einer tödlichen Gewalttat verbunden sein: Am vergangenen Freitagabend starb dort ein 49-jähriger Feuermann und Familienvater durch den Schlag eines Jugendlichen.

Die Tat habe "in der Stadt und weit darüber hinaus Bestürzung und Fassungslosigkeit ausgelöst", so der Augsburger Polizeipräsident Michael Schwald. Er verwehrte sich auch gegen "unerträgliche Anfeindungen" in den sozialen Medien, weil die Polizei nicht sofort öffentlich mit Bild nach den Verdächtigen suchte.

Dennoch gelang ein schneller Fahndungserfolg. Inzwischen zeichnet sich deutlicher ab, wie sich die Attacke zutrug. Auf einer Pressekonferenz im Polizeipräsidium Schwaben-Nord stellten die Ermittler am Montagnachmittag ihre bisherigen Erkenntnisse vor. Der Königsplatz wird seit einigen Monaten per Videokameras überwacht, die Ermittler stützen sich vor allem auf die Aufzeichnungen des Geschehens aus mehreren Perspektiven.

"Regelkonform verhalten"

Der Feuerwehrmann war privat mit seiner Ehefrau und einem befreundeten Paar unterwegs. In Augsburg besuchten sie den Christkindlesmarkt und gingen anschließend zum Abendessen. Auf dem Rückweg gingen sie am Königsplatz neben einer lärmenden Gruppe von sieben Jugendlichen und jungen Männern im Alter zwischen 17 und 20 Jahren her.

Es kam laut Polizei zu einem Wortgefecht, dessen genauer Inhalt noch unklar ist. "Der Feuerwehrmann hat sich regelkonform verhalten", sagt dazu Gerhard Zintl, der Leiter der Augsburger Kriminalpolizeidirektion. Während die Frauen weitergingen, drehte sich der Mann noch einmal zur Gruppe um, die ihn sofort umringte.

Ermittler Werlitz, Schwald, Zintl in Augsburg: "Mit voller Wucht"

Ermittler Werlitz, Schwald, Zintl in Augsburg: "Mit voller Wucht"

Foto: LUKAS BARTH-TUTTAS/EPA-EFE/REX

Gegen 22.40 Uhr schlug einer aus dem Kreis den Feuerwehrmann gegen den Kopf. "Der Schlag war unvermittelt von der Seite und mit voller Wucht", so Zintl. "Er hat so zum Tode geführt." Der Mann stürzte zu Boden, um 22.43 Uhr ging der erste Notruf ein, eine Minute später war die erste Streife vor Ort.

Trotz sofortiger Erster Hilfe starb der 49-Jährige keine Stunde später vor Ort im Notarztwagen. Auch der 50-jährige Freund des Feuerwehrmanns wurde durch Schläge schwer im Gesicht verletzt, als er zu Hilfe kommen wollte.

Die ganze Gruppe, so führt der Leitende Oberstaatsanwalt Rolf Werlitz aus, sei der gefährlichen Körperverletzung verdächtig. Der Haupttäter, der den Feuerwehrmann schlug, zudem des Totschlags, die Gruppe der Beihilfe zum Totschlag.

Schon früher mit dem Gesetz in Konflikt

Alle sieben Jugendlichen sind inzwischen festgenommen, es wurden Haftbefehle erlassen. Die Gruppe kennt sich nach Auskunft der Ermittler schon mehr oder weniger lange, einige der jungen Männer kamen bereits mit dem Gesetz in Konflikt. Beim Hauptverdächtigen, der 17 Jahre alt ist, waren es demnach jugendtypische Delikte, unter anderem Körperverletzung.

Die Ermittler gingen auch auf die Nationalität und die Herkunft der Jugendlichen ein: Alle sind in Augsburg geboren und aufgewachsen, sechs haben einen deutschen Pass, einer einen italienischen. Der mutmaßliche Haupttäter besitzt neben der deutschen auch die libanesische und die türkische Staatsbürgerschaft. Ebenso gibt es auch bei einigen anderen zusätzlich eine türkische Staatsangehörigkeit.

Die mutmaßlichen Täter und der Feuerwehrmann kannten sich nicht, der Mann war laut Polizei ein Zufallsopfer. Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) schrieb auf Facebook: "Trauer macht mein Herz schwer. Augsburg ist Schauplatz einer folgenschweren Gewalttat geworden." Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte, es wühle ihn auf, "dass in Augsburg ein friedfertiger Bürger totgeschlagen wurde, schlichtweg totgeschlagen".

Dass allerdings, wie der stellvertretende bayerische Ministerpräsident Hubert Aiwanger unter Verweis auf regelmäßige Gewaltattacken forderte, sich "Ursachen dieser Fehlentwicklung analysieren und gezielt bekämpfen" lassen, muss nach den bisherigen Ermittlungen als ungewiss gelten. Es gibt keine Hinweise, dass mit Gegenständen geschlagen wurde. "Der ganze Handlungsablauf hat wenige Sekunden gedauert", so Kripochef Zintl. Inwieweit der persönliche Hintergrund der Tatverdächtigen eine Rolle spielte, etwa durch frühere Gewaltneigung, ist noch unklar.

Feuerwehrleute verwehrten sich in den sozialen Medien gegen die Stimmungsmache mit einem toten Kameraden. Die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft rief stattdessen dazu auf, am heutigen Montagabend bundesweit vor den Feuer- und Rettungswachen Kerzen zu entzünden.

"Wir können das Geschehene nicht mehr ändern, aber wir können zeigen, dass Rettungskräfte Respekt verdienen und gemeinsam trauern", so heißt es in einer Stellungnahme der Feuerwehr-Vertreter. Und: "Zivilcourage muss ein wichtiger gesellschaftlicher Bestandteil bleiben."