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Aachener Ausbrecher: "Hohes Rückfallrisiko"

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Ausbrecher-Prozess "Lieber tot als in Aachen"

Die Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski flohen unter Mithilfe eines Vollzugsbeamten aus dem Aachener Gefängnis. Angeblich, weil ihre Lage ohnehin aussichtslos war. Doch der Prozess zeigt: Die beiden hatten durchaus noch etwas zu verlieren.

Hamburg - 36 Tage lang trippelten Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski in den Saal 0.20 des Landgerichts Aachen, die Fuß- und Handgelenke durch enge Fesseln aneinander gebunden. Die Verhandlungen waren mal aufschlussreich, mal unterhaltsam, auch amüsant, aber sie verloren sich teilweise in langatmigen Beweisanträgen in juristischem Vokabular. Für die beiden Schwerverbrecher dürfte es dennoch eine willkommene Abwechslung gewesen sein, nach Jahrzehnten im Knast und vielen Jahren in Einzel- und Isolationshaft.

Im November 2009 hielten die beiden Schwerverbrecher die halbe Republik in Atem, als sie aus der JVA Aachen ausbrachen - mit Hilfe des ebenfalls angeklagten Strafvollzugsbeamten Michael K.. Der Prozess gegen die Ausbrecher und ihren Komplizen neigt sich nun dem Ende zu. Die beiden Langzeithäftlinge sind wegen Geiselnahme, schwerer räuberischer Erpressung und Verstoß gegen das Waffengesetz angeklagt, der JVA-Beamte wegen Gefangenenbefreiung und Bestechlichkeit.

Am Dienstag plädierten die Verteidiger der beiden Ausbrecher und nutzten den Saal ein letztes Mal als Bühne, um auf die desolaten Zustände in der JVA Aachen aufmerksam zu machen - angeblich der einzige Grund, warum Heckhoff und Michalski am Abend des 26. Novembers 2006 aus dem Gefängnis türmten und vier Menschen als Geisel nahmen.

Es gebe zu wenig Beamte, die Gefangenen würden lediglich verwaltet und hätten keine Perspektive, sagte Heckhoffs Anwalt Rainer Dietz. 16 Jahre lang habe Heckhoff gesessen, ohne negativ aufzufallen. Als er dann von der JVA Köln nach Aachen verlegt wurde, sei von der in Aussicht gestellten Mindestverbüßung keine Rede mehr gewesen, im Gegenteil: Über das Handy eines JVA-Beamten habe er mitbekommen, wie man auf Verwaltungsebene über ihn sprach. Angeblich wollte man ihn "ruhigstellen" und "abschieben". Heckhoff habe zudem darunter gelitten, dass er anders als in der JVA Köln statt drei nur noch eine "Ausführung" gehabt habe, nicht mehr zum Grab seiner Schwester oder ins Altenheim zu seiner Mutter gedurft habe. "Lieber tot als in Aachen", sei Heckhoffs Devise gewesen, erklärte sein Verteidiger.

Schnaps, Handys, Pornos gegen Bares

Im Verfahren hatte der mitangeklagte Michael K. katastrophale Zustände hinter den Gefängnismauern beschrieben. Er schilderte, wie Langzeitgefangene die Körperpflege vernachlässigten, ihre Zellen nicht mehr reinigten und regelrecht verwahrlosten. Wie sich viele, die keine Arbeit oder Geld haben, anderen Gefangenen als Prostituierte zur Verfügung stellten. Und wie Heroinabhängige sich selbst überlassen würden.

Eindringlich berichtete der Justizobersekretär vom Handel mit Heroin, Alkohol und Hardcore-Pornos und davon, wie groß die Versuchung ist, Häftlingen Wünsche zu erfüllen - gegen Bares, versteht sich. Erst schmuggle man ein paar Dosen Bier in den Knast, dann Schnaps und Handys. Deals zwischen Vollzugsbeamten und Gefangenen gehörten zum Knastalltag, so der 41-Jährige.

Michael K. war im Hafthaus eigenen Angaben zufolge ohne Schutz seiner Vorgesetzten dem Frust, der Aggression und der Resignation der Häftlinge ausgesetzt. Er zeichnete nach, wie er für die beiden Schwerverbrecher vom Vollzugsbeamten zum Kumpel wurde. Irgendwann habe er Heckhoff gar als "Leidensgenossen" betrachtet.

Heckhoffs Verteidiger Dietz forderte am Dienstag für seinen Mandanten eine Haftstrafe im "hohen einstelligen Bereich". Die Anzahl spiele keine Rolle, da Heckhoff bereits zu lebenslanger Haft verurteilt sei und noch mindestens acht Jahre abzusitzen habe. Danach werde geprüft, ob er begnadigt werde. Ist das der Fall, erlöscht die Sicherungsverwahrung.

Wichtig sei daher, dass der 51-Jährige keine "zweite Sicherungsverwahrung" bekomme. "Sonst wird er bis an sein Lebensende in Haft bleiben und dort sterben. Das ist die Verantwortung, die dem Gericht obliegt", sagte Dietz und beantragte eine sogenannte "vorbehaltene Sicherungsverwahrung", wobei es nicht als "sicher", sondern nur als "wahrscheinlich" betrachtet wird, dass der Angeklagte nach seiner Haftentlassung weitere Straftaten begeht. Das Gericht kann dann zu einem späteren Zeitpunkt über die Maßnahme entscheiden.

"Die hätten ja auch anders gekonnt"

Die Chancen stehen weder für Heckhoff noch für Michalski gut. Mit Blick auf eine möglicherweise sofort angeordnete Sicherungsverwahrung sagte Anwalt Dietz an die 8. Große Strafkammer gewandt: "Lassen Sie Herrn Heckhoff nicht aus der Türe gehen, ohne dass er eine Hoffnung und Perspektive für die Zukunft hat." Heckhoff sei ein "Hochkrimineller" gewesen, aber längst nicht mehr der Gefährliche, als der er immer dargestellt werde.

Das habe auch der Umgang mit den Geiseln gezeigt: Heckhoff und Michalski - beide bewaffnet - hatten auf ihrer tagelangen Flucht quer durch Nordrhein-Westfalen einen Taxifahrer sowie eine 18-Jährige gekidnappt und sich bei einem Ehepaar in Essen einquartiert. Den Taxifahrer raubten sie aus, gaben ihm jedoch Geld, damit er mit dem Zug nach Hause fahren konnte. Der Schülerin klauten sie deren restliche 13 Euro, als dann die Tanklampe des Autos zu leuchten begann, stiegen die Ausbrecher aus und gaben der jungen Frau zehn Euro zurück, damit sie tanken konnte.

"Die Geiselnahmen liefen relativ glimpflich ab, weil die beiden das wollten, nicht weil sie mussten. Die hätten ja auch anders gekonnt", sagte Dietz. Mit dem Ehepaar hätten Heckhoff und Michalski zudem gemeinsam die weitere Flucht besprochen und vereinbart, die Ehefrau besser zu Hause zu lassen und sich nur von ihrem Mann zur weiteren Fluchtstation fahren zu lassen.

Das Gericht müsse berücksichtigen, dass die Ausbrecher schonend mit ihren Geiseln umgegangen seien, sagte auch Michalskis Anwalt Andreas Chlosta. Trotz des hohen Fahndungsdrucks auf der tagelangen Flucht hätten sie alle vier Geiseln freigelassen und in ihr Lebensumfeld zurückkehren lassen.

In der Zelle führt Heckhoff Selbstgespräche

Das desolate Vollzugssystem in Aachen habe seinen Mandanten zu der Flucht getrieben. Michalski habe nach dem Mord bei einem Freigang 1993 im Vollzug keine Chance mehr bekommen. Für den heute 47-Jährigen habe danach eine Odyssee durch die Hochsicherheitstrakte der Republik begonnen. "Warum wurde Peter Paul Michalski über diese lange Zeit nicht resozialisiert?", fragte Chlosta vor Gericht und forderte eine Haftstrafe von siebeneinhalb Jahren.

Die Staatsanwaltschaft hatte ihr Plädoyer am vergangenen Donnerstag dazu genutzt, um die Motivation der Ausbrecher zu widerlegen. Heckhoff und Michalski seien keineswegs frustrierte Gefangene gewesen, denen die JVA jede Perspektive geraubt habe. Vielmehr habe die Verlegung nach Aachen Aussichten auf angenehmere Haftbedingungen bedeutet, so Staatsanwältin Claudia Schetter.

Zudem tat sie die Darstellung, Heckhoff und Michalski hätten als sympathisches Gangster-Duo ihre Geiseln geschont und pfleglich behandelt, als Legende ab. Vielmehr hätten sie die Gekidnappten eingeschüchtert, ihnen mehrfach signalisiert, dass sie beide in Hinblick auf ihr Vorstrafenregister nichts mehr zu verlieren hätten.

Dabei hatten sie das durchaus: Denn seit ihrer Flucht leben Heckhoff und Michalski (in getrennten Gefängnissen) wieder einmal in Isolationshaft: 23 Stunden am Tag sind sie in ihrer Zelle eingesperrt, haben ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, ein Klo und - weil Häftlinge das Recht auf Information haben - ein Campingradio. Sie dürfen eine Stunde am Tag im Kreis gehen, abgeschottet von den anderen Gefangenen. Wer sie anspricht, bekommt Ärger. Ihnen selbst ist das Reden strikt verboten.

Heckhoff saß von mehr als 30 Jahren insgesamt 21 Jahre in Einzel- und Isolationshaft. Dafür hält er sich gut, wie sein Anwalt sagt. In der Zelle führe der 51-Jährige Selbstgespräche, nur so halte er den Zustand aus. "Jeder Betroffene muss für sich lernen, mit der Isolationshaft umzugehen", so Verteidiger Dietz. Heckhoff habe sich dadurch eine Art "Parallelleben" aufgebaut. Seit Sommer hat er einen Fernseher, vor Weihnachten bekam er nach Monaten seine Playstation zurück. Täglich fährt er darauf Autorennen, beamt sich in eine andere Welt.

Die Gutachter sagen, das Rückfallrisiko sei groß

Auch Michalski verbüßt seine Strafe in einer Isolierzelle fernab vom Betrieb der JVA. Ihm merkt man auf der Anklagebank an, dass die Jahrzehnte im Gefängnis deutliche Spuren hinterlassen haben: Der 46-Jährige wirkt weitaus älter. Er spricht kaum, leidet seinem Anwalt zufolge unter Konzentrationsschwäche.

Beide sind zu lebenslangen Freiheitsstrafen und Sicherungsverwahrung verurteilt. Heckhoff wurde seit seinem 17. Lebensjahr immer wieder verurteilt, kann auf eine 30-jährige Knastkarriere zurückblicken. Die wenigen Momente, in denen er nicht hinter Gittern saß, nutzte er für neue Straftaten. Er sitzt derzeit wegen versuchten Mordes, weil er 1993 versuchte, mit einem anderen Häftling aus der JVA Werl zu fliehen. Sein Komplize übergoss zwei Geiseln mit Benzin und zündete sie an.

Michalski sitzt seit 1988 ununterbrochen hinter Gittern. Während dreier Hafturlaube verübte er Überfälle auf Banken und Videotheken und tötete einen Mann, der einen Komplizen bei der Polizei verpfiffen hatte. Er sitzt ein wegen Mordes.

Gutachtern zufolge weisen beide eine dissoziale Persönlichkeitsstruktur auf und sind nicht zur Empathie fähig. Heckhoff gilt demnach als exzentrisch, feindselig, manipulativ und besitze ein "hochgradiges Aggressionspotential"

Beiden bescheinigten die Sachverständigen ein hohes Rückfallrisiko, erneut schwere Straftaten zu begehen. Dies bedeute jedoch nicht, dass sie das "sicher" tun werden, sagt Strafverteidiger Dietz. Die genaue Prognose wird jedoch entscheidend dafür sein, ob die Kammer erneut Sicherungsverwahrung anordnet oder nicht.

Oberstaatsanwalt Alexander Geimer forderte für die Ausbrecher zwölf und 13 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Das Urteil soll am 9. Februar fallen.

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