Auschwitz-Prozess "Mord verjährt nicht"

Reinhold Hanning steht in Detmold vor Gericht, weil er Wachmann in Auschwitz war. Nun hat die Staatsanwaltschaft ein strenges Plädoyer gehalten. Bleibt die Frage: Welches Strafmaß ist in solchen Fällen angemessen?

Reinhold Hanning
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Reinhold Hanning

Von , Detmold


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Beihilfe zum 170.000fachen Mord - eine ungeheuerliche, unfassbare und gleichwohl nur ungefähre Zahl. Wer weiß schon genau, wie viele Menschen tatsächlich in Auschwitz umgebracht wurden? Wie viele vergast, wie viele erschlagen wurden, wie viele verhungerten, an Infektionen starben oder auf andere Weise die unmenschlichen Lebensverhältnisse dort nicht überlebten? Schätzungen sagen, allein im KZ Auschwitz seien zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer gefallen.

Der 94 Jahre alte Reinhold Hanning aus Lage soll einer jener SS-Helfer gewesen sein, die die Mordmaschinerie von Auschwitz mit am Laufen gehalten haben. Der Dortmunder Oberstaatsanwalt Andreas Brendel hat nun vor dem Detmolder Landgericht eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren für Hanning gefordert.

Im Verfahren gegen den früheren Auschwitz-Buchhalter Oskar Gröning hatte die Anklage in Lüneburg eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren Gefängnis gefordert. Davon erließ ihm das Gericht zwischen 14 und 22 Monaten "wegen einer rechtsstaatswidrigen Verfahrensverzögerung". Die Dortmunder Staatsanwaltschaft fällt im Vergleich mit größerer Strenge auf - und konsequenterer Rechtsanwendung.

"Beschönigendes Aussageverhalten"

Brendel sprach von einer "Neujustierung" der Anklagevorwürfe: Erstmals seien auch die "Vernichtung durch Lebensumstände" in den Konzentrationslagern angeklagt worden, die chronische Unterernährung, die Zerstörung des Organismus und der Psyche. Das Gericht habe das im Eröffnungsbeschluss zugelassen.

Gröning, ein Jahr älter als Hanning und angeklagt wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 300.000 ungarischen Juden, wurde im Juli 2015 zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Das Gericht ging über das hinaus, was die Staatsanwaltschaft für angemessen hielt.

Doch was ist in solchen Fällen schon angemessen? Dreieinhalb Jahre, sechs Jahre, vier Jahre? Sollten die Greise auf der Anklagebank haftfähig sein, bedeutete für sie jedes Strafmaß lebenslang. Eine angemessene Sanktion sei ohnehin nicht möglich, resümierte Brendel nach 15 Verhandlungstagen in seinem Schlussvortrag, in dem er dem Angeklagten dessen "beschönigendes Aussageverhalten" vorhielt.

Nach langem Schweigen hatte sich auch Hanning in dem Prozess geäußert, die Vorgänge in Auschwitz allerdings abmildernd und offensichtlich verdrängend. Wo Gröning sich als Zeitzeuge präsentierte und sich bekannte zu dem, was in Auschwitz geschah, schien sich Hanning weiter hinter seiner "subjektiven Wahrheit", wie sie der Staatsanwalt nannte, zu verstecken.

Zweifel am abgelehnten Zeugen

Brendel setzte sich auch mit Fragen der Öffentlichkeit auseinander, warum heute noch Verbrechen aus der Kriegszeit vor Gericht verhandelt und Greise auf die Anklagebank gebracht würden. "Mord verjährt nicht", bekräftigte der Staatsanwalt. Daher sei seine Behörde zur Anklage verpflichtet. Und: "Wir sind es den Opfern schuldig! Wir haben ihnen den Trost einer Schuldfeststellung zu gewähren. Und wir haben die Erinnerung an die dunkelste Zeit unserer Geschichte wachzuhalten."

Überschattet war diese Stunde der Staatsanwaltschaft von einem Schlagabtausch unter einzelnen Vertretern der Nebenklage. Hintergrund des Streits war unter anderem der Antrag eines Opferanwalts, der in der vergangenen Woche dem Gericht einen weiteren Zeugen hatte präsentieren wollen. Der sollte angeblich bisher unbekannte Details über den quälenden Tod durch das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B und den Zustand der Ermordeten berichten.

Die Kammer lehnte den Antrag mit dem Argument ab, die Wirkungsweise des Giftes sei durch Sachverständige bereits dargelegt worden. Daraufhin lehnten einzelne Anwälte die Kammer wegen Besorgnis der Befangenheit erfolglos ab. Am Freitag warfen einzelne Vertreter der Opfer dem Gericht vor, mit ebenso wenig "Empathie gegenüber den Opfern" zu verhandeln, wie es aus früheren Auschwitz-Prozessen bekannt sei.

Nebenklage-Vertreter Cornelius Nestler, zweifelnd: "Man müsste erst einmal aufklären, ob der Mann die Beobachtungen, von denen er spricht, überhaupt gemacht hat." Denn daran gibt es offenbar begründete Zweifel.

Seitdem im Münchner NSU-Prozess ein Anwalt der Nebenklage sogar mit einem nicht-existierenden Opfer aufwartete, sind die Gerichte zurückhaltender und vorsichtiger geworden im Umgang mit Opfer-Zeugen und deren Anwälten. Verteidiger Johannes Salmen: "Die Nebenklage tut sich mit solchen Anträgen nach dem bisherigen Prozessverlauf keinen Gefallen."


Zusammengefasst: Im Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold Hanning, der in Auschwitz als Wachmann agierte, hat die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren gefordert. Das Landgericht Detmold hat zudem den Befangenheitsantrag eines Nebenklageanwalts zurückgewiesen. Zu dem Antrag war es gekommen, nachdem die Kammer es abgelehnt hatte, einen aus den USA angereisten Auschwitz-Überlebenden als Zeugen anzuhören.

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