Auschwitz-Prozess "Doch, Herr Gröning, Sie waren dabei"

Die Anwälte von Auschwitz-Überlebenden halten die geforderte Strafe für den früheren SS-Mann Gröning für "nicht akzeptabel". Was aber wäre gerecht für Beihilfe zum Massenmord?
Von Wiebke Ramm
Oskar Gröning: "Sie haben sich ausdrücklich einverstanden erklärt mit der Mordmaschinerie"

Oskar Gröning: "Sie haben sich ausdrücklich einverstanden erklärt mit der Mordmaschinerie"

Foto: Christian Charisius / dpa

Den Anwälten der Überlebenden von Auschwitz reicht das nicht.

Ihnen reicht nicht, was die Staatsanwaltschaft am Vortag als Strafe für den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning vor dem Landgericht Lüneburg gefordert hat. Der 94-jährige Gröning muss sich wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 300.000 Menschen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im Sommer 1944 verantworten.

Sechs Vertreter der Nebenklage plädieren am Mittwoch in der zum Gerichtssaal umfunktionierten Ritterakademie. Anwalt Christoph Rückel sagt es am deutlichsten: "Der Strafantrag der Staatsanwaltschaft ist für mich nicht akzeptabel."

Der Strafrahmen für Beihilfe zum Mord liegt bei drei bis 15 Jahren. Die Staatsanwaltschaft hatte am Dienstag eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren gefordert. Die Opferanwälte fragen nun: Dreieinhalb Jahre für Beihilfe zum Massenmord?

Davon vielleicht noch, wie von Staatsanwalt Jens Lehmann angeregt, 14 bis 22 Monate wegen rechtsstaatswidriger Verfahrensverzögerung abgezogen, sodass die Reststrafe womöglich zur Bewährung ausgesetzt wird? Gröning, der mutmaßliche Gehilfe in einer Mordmaschinerie, müsste in diesem Fall gar nicht mehr ins Gefängnis.

"In Auschwitz konnte man nicht nicht dabei sein"

Opferanwalt Günther Feld war früher als Staatsanwalt in Köln an mehreren NS-Verfahren beteiligt. Er sagt an diesem Tag zwar auch, dass Grönings Alter, die Tatsache, dass die vorgeworfene Tat 71 Jahre zurückliegt, sein Geständnis und das Versagen der Justiz über all die Jahre berücksichtigt werden müssten. Aber er sagt auch, bei 300.000 ermordeten Menschen könne die Strafe doch nicht nur dreieinhalb Jahre betragen. Ein konkretes Strafmaß nennt er nicht, nennt keiner der Nebenklagevertreter an diesem Tag.

Anwältin Suzan Baymak-Winterseel geht noch weiter.

Sie sieht in Grönings Tun keine Beihilfe zum Massenmord, sondern Mittäterschaft. Sie zitiert die Aussage von Gröning, dem sogenannten Buchhalter von Auschwitz: "Zu den Vorfällen kann ich nichts sagen, weil ich nicht dabei war. Das betraf nicht meinen Arbeitsbereich." Die Anwältin sagt: "Doch, Herr Gröning, Sie waren dabei. In Auschwitz konnte man nicht nicht dabei sein. Sie haben die verbrannten Leichen gerochen, Sie haben die im Todeskampf Schreienden gehört." Sie sagt: "Sie haben zugesehen, gebilligt, sich ausdrücklich einverstanden erklärt mit der Mordmaschinerie."

"Warum erst jetzt?"

Eine rechtsstaatswidrige Verfahrensverzögerung liege nicht vor, auch das sagt sie. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hatte schon 1977 ein Ermittlungsverfahren gegen Gröning eingeleitet. 1985 wurde es eingestellt. Gröning selbst hatte vor Gericht jedoch gesagt, dass er damals gar nicht gewusst habe, dass gegen ihn ermittelt werde. Grönings Strafe könne also nicht wegen einer Verfahrensverzögerung gemildert werden, die er gar nicht gespürt habe, sagt nun Anwältin Baymak-Winterseel. Als der Kölner Strafrechtsprofessor Cornelius Nestler kurz zuvor Ähnliches sagte, sah es ganz so aus, als nicke auch Richter Franz Kompisch.

Nestler hatte zu Beginn des Tages einen Abriss über das "jahrzehntelange Versagen" der Justiz im Umgang mit NS-Verbrechen gegeben. Nestler vertritt zusammen mit Anwalt Thomas Walther 51 der mehr als 70 Nebenkläger. In seinem Plädoyer widmete er sich einer der wohl meist gestellten Fragen im Umfeld des Prozesses: "Warum erst jetzt?" Warum hat es 70 Jahre gedauert, bis Gröning sich vor einem Gericht verantworten muss?

Blick in den Gerichtssaal: "Von Hitler bis Oskar Gröning"

Blick in den Gerichtssaal: "Von Hitler bis Oskar Gröning"

Foto: Christian Charisius/ dpa

Nestler spricht von einer "Geschichte der Nicht-Verfolgung". Er erinnert an den Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1964/65 und den großen Ankläger Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Dieser habe die Morde in Auschwitz schon damals als "pyramidenförmig arbeitsteilig organisiertes Massenverbrechen" bewertet.

Das Landgericht Frankfurt folgte Bauer darin damals nicht. Es suchte für jeden Angeklagten nach einer konkret nachweisbaren Tat. "Grotesk" nennt Nestler das. Bei dem "industriell organisierten Massenmord" habe es sich um eine zusammenhängende Tat gehandelt, für die alle Beteiligten Verantwortung trügen - "von Hitler bis Oskar Gröning".

"Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte"

Die Wende kam 2011, als das Landgericht München II den KZ-Aufseher John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord in 28.000 Fällen verurteilte. Den Richtern reichte dafür die Feststellung, dass Demjanjuk in dem Vernichtungslager Sobibor tätig war.

Der Auffassung, dass das Gericht damit eine neue Rechtslage hergestellt habe, widerspricht Nestler. "Das Recht war immer das Gleiche", sagt er. Das Demjanjuk-Verfahren habe nur eine Änderung in der Praxis eingeleitet.

Eine Selbstverständlichkeit sei es dennoch nicht, dass Gröning heute auf der Anklagebank sitzt. "Solche Verfahren kommen nur noch zustande, wenn ein williger, engagierter und schnell arbeitender Staatsanwalt auf ein williges Gericht trifft und der Beschuldigte noch verhandlungsfähig ist", sagt Nestler. Und weiter: "Man kann letztlich nur froh sein, dass das Verfahren bei Staatsanwalt Lehmann in Hannover und bei der Schwurgerichtskammer in Lüneburg gelandet ist."

Nestlers Fazit: "Auschwitz war ein Ort, an dem man nicht mitmachen durfte. Herr Gröning hat mitgemacht, und deswegen wird er wegen Beihilfe zum Massenmord verurteilt werden. Viel zu spät, aber nicht zu spät."

"Genug für heute", sagt Richter Kompisch um kurz vor 12 Uhr. Gröning war am Morgen nach eigenen Angaben beim Frühstück "umgekippt". Das Gericht möchte ihn an diesem Tag daher nicht über die Maßen beanspruchen. Am kommenden Dienstag werden die Plädoyers der Nebenklage fortgesetzt.

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