Detmolder Auschwitz-Prozess Verteidigung fordert Freispruch für früheren SS-Wachmann

Sollte Reinhold Hanning wegen seiner Zeit im KZ Auschwitz verurteilt werden? Nein, meinen die Verteidiger des früheren SS-Wachmanns - ihr Mandant sei freizusprechen.

Reinhold Hanning
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Reinhold Hanning


Die Anwälte Reinhold Hannings sehen keine Beweise dafür, dass ihr Mandant während seiner Zeit als SS-Wachmann im KZ Auschwitz direkt an Verbrechen beteiligt war. Hanning habe zu keinem Zeitpunkt Menschen getötet, geschlagen oder dabei geholfen, sagte Verteidiger Johannes Salmen - und forderte Freispruch.

Laut Salmen stellte sich Hanning in den Dienst eines verbrecherischen Systems, dessen Befehle er fortan befolgt habe. Als einfacher Arbeiter ohne Schulabschluss habe der junge Mann die Folgen seines Handelns nicht überblicken können. Heute bereue er sein Verhalten.

Es scheint fraglich, ob diese Argumentation die Kammer überzeugt. Denn inzwischen hat sich die Rechtsauffassung durchgesetzt, dass die erwiesene Anwesenheit in Auschwitz für eine Verurteilung ausreicht. Dahinter steht die Idee, dass jeder anwesende SS-Mann einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Tötungsmaschinerie leistete. Der Nachweis individueller Verbrechen wie die Beteiligung an Erschießungen ist damit nicht mehr notwendig.

Urteil in der kommenden Woche erwartet

Die Möglichkeit eines persönlichen Schlusswortes nutzte Hanning nicht. Er hatte lediglich an einem der vergangenen Verhandlungstage sein Bedauern zum Ausdruck gebracht: "Ich möchte Ihnen sagen, dass ich zutiefst bereue, einer verbrecherischen Organisation angehört zu haben, die für den Tod vieler unschuldiger Menschen, für die Zerstörung unzähliger Familien, für Elend, Qualen und Leid auf Seiten der Opfer und deren Angehörigen verantwortlich ist."

Aus Termingründen wurde in dem Verfahren ausnahmsweise am Samstag verhandelt. Bereits an den vorherigen Prozesstagen hatten die Nebenkläger versucht, Druck auf Hanning auszuüben. In ihren Plädoyers forderten die Anwälte von KZ-Überlebenden den 94-Jährigen auf, in seinem Schlusswort endlich seine Erinnerungen preiszugeben. Die Worte des Bedauerns seien zu wenig. Die Überlebenden und die Menschen heute hätten ein Anrecht darauf - auch, damit sich solche Taten nicht wiederholten. Die Nebenkläger warfen Hanning auch Unglaubwürdigkeit und fehlende Reue vor.

Der frühere SS-Wachmann ist wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 170.000 Fällen angeklagt. Die Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre Haft. Voraussichtlich am kommenden Freitag will das Gericht sein Urteil verkünden.

ulz/dpa

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