Ausschreitungen in Großbritannien Premier droht Randalierern mit null Toleranz

Es ist die Zeit der markigen Worte: Der britische Premierminister David Cameron hat ein entschlossenes Vorgehen gegen Randalierer und Rowdys angekündigt. Doch hochrangige Polizeiführer sehen die neue Null-Toleranz-Linie ihres Chefs ausgesprochen kritisch.

AP

London - Angriff ist die beste Verteidigung, denkt sich Großbritanniens Regierungschef David Cameron offenbar, und geht verbal in die Offensive. Nach den schweren Krawallen, die über mehrere Tage andauerten, fordert der Konservative nun von seiner traditionell zurückhaltenden Polizei eine Null-Toleranz-Taktik nach US-Vorbild.

"Wir haben die Sprache der Null-Toleranz nicht klar genug gesprochen, aber das wird nun deutlicher werden", so Cameron in einem Interview mit der Zeitung "Sunday Telegraph". Zugleich kündigt Cameron, der für sein anfangs unentschlossenes Agieren in die Kritik geraten ist, die Ausarbeitung einer neuen Strategie zur Eindämmung von Unruhen an.

Die Krawalle, durch die insgesamt fünf Menschen ums Leben kamen, seien "ein einschneidendes Ereignis im Leben der Nation", sagt Cameron. Nun müsse untersucht werden, warum es dazu gekommen sei. Grundsätzlich gelte, dass die Diskussion über herkömmliche Gewalttaten nicht verkompliziert werden dürfe, so der Premier. Zugleich gebe es im Land aber "wahrscheinlich 100.000 zerrüttete Familien, die Hilfe brauchen und sie auch bekommen werden".

Scharfe Kritik

Hochrangige Polizeioffiziere und selbst Politiker der Regierungskoalition kritisieren Camerons neue Linie jedoch scharf. Vor allem an der Einschaltung des amerikanischen Ex-Polizeichefs Bill Bratton als Berater für den Premierminister und das Innenministerium erhitzten sich am Sonntag die Gemüter. England brauche keinen "Super-Cop" aus den USA, monierte der Chef der Vereinigung der Polizeioffiziere, Sir Hugh Orde.

Der heute 63-jährige Bratton hatte einst in New York zusammen mit dem damaligen Bürgermeister Rudy Giuliani die Null-Toleranz-Linie durchgesetzt. Dabei wurde jeder Polizist verpflichtet, selbst gegen kleinere Vergehen wie das Schwarzfahren in der U-Bahn oder Alkoholtrinken in der Öffentlichkeit einzuschreiten und Strafen zu verhängen.

"Nicht besonders effektiv"

1992 hatte Bratton als Polizeichef die Einsätze zur Beendigung tagelanger Unruhen in Los Angeles geleitet. Dort gebe es jedoch heute noch Hunderte Banden, so Sir Hugh in einem Interview des "Independent". "Mir scheint, wenn man immer noch 400 Gangs hat, dann war man nicht besonders effektiv", sagt der Interessenvertreter der britischen Polizisten. Der Stil der Polizeiarbeit in den USA sei auch angesichts des dortigen "Niveaus an Gewalttätigkeiten grundlegend anders als hier".

Ähnlich äußern sich auch andere Polizeioffiziere. Kritik erntet Cameron zudem von den Liberaldemokraten, die mit seiner konservativen Partei die Regierung stellen. Die Politik müsse sich vor "überhasteten Reaktionen" hüten, warnt der stellvertretende Vorsitzende der Liberaldemokraten, Simon Hughes. So würde eine von Cameron geplante Streichung der Sozialhilfe für Krawallbeteiligte die Straßenkriminalität eher noch verstärken als eindämmen, so Hughes im "Observer".

Für eine Beruhigung der angespannten Lage in Birmingham sorgt derweil die Erhebung von Anklagen gegen zwei Tatverdächtige, die dort an der Ermordung von drei jungen Männern während der Krawalle beteiligt gewesen seien sollen. Es handele sich um einen Jugendlichen von 17 Jahren sowie um einen 26-jährigen Mann, teilt ein Polizeisprecher am Sonntag mit. Die drei jungen Männer waren in der vergangenen Woche auf dem Bürgersteig gezielt mit einem Auto überfahren worden. Sie hatten versucht, ihr Wohngebiet vor Plünderern zu schützen.

Einwohner des betroffenen Viertels der zweitgrößten Stadt Englands waren am Sonntag erneut zu einem Protestmarsch gegen die Bluttat aufgerufen worden. Angehörige der Ermordeten appellierten aber an alle Teilnehmer, ausschließlich friedlich zu demonstrieren.

Gut eine Woche nach dem Ausbruch der Krawalle in London und anderen englischen Städten, bei denen insgesamt fünf Menschen ums Leben kamen, normalisierte sich die Lage am Samstag und Sonntag weiter. So verliefen Auftaktspiele der neuen Fußballsaison in der Premier League sowie andere sportliche Großereignisse - darunter ein internationales Radrennen als Test für die Olympischen Spiele in London im Sommer 2012 - ohne Störungen.

jdl/dpa/AFP

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Seite 1
roterschwadron 13.08.2011
1. Hinter ihrer Fassade brauchen Menschen oftmals Hilfe
Zitat von sysopLangsam kehrt wieder Normalität in den beschädigten Stadtteilen von London, Birmingham und Liverpool ein, doch die Toten und der große Schaden werfen weiter Fragen auf. Nach vielen Kommentaren, Analysen und Meinungen der Betroffenen konnten noch nicht alle beantwortet werden. Was steckte hinter den Krawallen in Großbritannien?
Gegenfrage: was steckt in David Camerons Gehirn?
kyon 13.08.2011
2. Dekadenz
Zitat von sysopLangsam kehrt wieder Normalität in den beschädigten Stadtteilen von London, Birmingham und Liverpool ein, doch die Toten und der große Schaden werfen weiter Fragen auf. Nach vielen Kommentaren, Analysen und Meinungen der Betroffenen konnten noch nicht alle beantwortet werden. Was steckte hinter den Krawallen in Großbritannien?
Die Krawalle sind die dekadenten Folgen einer freien und materialistischen Wohlstandgesellschaft in Verbindung mit ungelösten interkulturellen Konflikten.
McMacaber 13.08.2011
3. ...
"Warum fragt der Premier nicht uns?" ja, warum nur?
raka, 13.08.2011
4. .
Zitat von sysopLangsam kehrt wieder Normalität in den beschädigten Stadtteilen von London, Birmingham und Liverpool ein, doch die Toten und der große Schaden werfen weiter Fragen auf. Nach vielen Kommentaren, Analysen und Meinungen der Betroffenen konnten noch nicht alle beantwortet werden. Was steckte hinter den Krawallen in Großbritannien?
Dahinter steckt die Entzauberung der großen Lebenslüge vom Funktionieren der 'multikulturellen Gesellschaft'. Es wurde ja in den letzten Tagen allerhand Edles hinter den Unruhen gemutmaßt, einige wunderten sich sogar, was aus dem "disziplinierten Engländer" geworden sei, der sich doch immer so "geduldig am Ende der Schlange an der Bushaltestelle einreiht". Die Realität ist ernüchternd, so wie Realität eigentlich immer ernüchternd ist, wenn sie mit voller Wucht auf die Träumer trifft. Hier ein Artikel aus der WELT über die Verfahren gegen die Plünderer: "Krawalle in Grossbritannien - Die meisten Angeklagten bestätigen alle Klischees". >>> http://www.welt.de/politik/ausland/article13542760/Die-meisten-Angeklagten-bestaetigen-alle-Klischees.html
Zavi85 13.08.2011
5. .
"Menschenrechtler äußerten jedoch Kritik an dem von der Regierung angekündigten harten Vorgehen." Ach nein, wer hätte denn das jetzt erwartet. Wieder mal wird zum Schutz der Täter augerufen. Es ist ja nicht so als hätte die Polizei einfach aus Jux und Tollerei einen anderen Kurs gewählt. Es bestand einfach keine Alternative.
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