Zugunglück von Bad Aibling: Fahrdienstleiter soll durch Handyspiel abgelenkt gewesen sein
Foto: Peter Kneffel/ dpaEs ist eine überraschende Wende bei den Ermittlungen zum Zugunglück von Bad Aibling mit elf Toten: Der beschuldigte Fahrdienstleiter sei in Untersuchungshaft genommen worden, teilte die Staatsanwaltschaft in Traunstein mit. Dem Mann werde vorgeworfen, auf seinem Handy bis kurz vor dem Zusammenprall der beiden Züge ein Online-Spiel gespielt zu haben und dadurch abgelenkt gewesen zu sein.
Die Ermittler sehen eine direkte Verbindung zwischen dem Spielen des Fahrdienstleiters und der Ursache des Zusammenstoßes: "Es muss aufgrund des engen zeitlichen Zusammenhangs davon ausgegangen werden, dass der Beschuldigte dadurch von der Regelung des Kreuzungsverkehrs der Züge abgelenkt war." Der 39-Jährige spielte demnach über einen längeren Zeitraum auf seinem Smartphone.
Das Amtsgericht Rosenheim habe Untersuchungshaft wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr angeordnet. Die Staatsanwaltschaft Traunstein wollte auf Anfrage keine Angaben dazu machen, warum der Fahrdienstleiter in Untersuchungshaft genommen wurde.
Den Ermittlern zufolge wird dem Mann nach den neuen Erkenntnissen zu seiner Handynutzung nicht mehr nur Augenblicksversagen, sondern eine erheblich schwerer ins Gewicht fallende Pflichtverletzung vorgeworfen. Der Fahrdienstleiter habe wegen des Spielens mit seinem Mobiltelefon den Zügen falsche Signale gegeben und später bei Notrufen am Funkgerät die falsche Tastenkombination gedrückt. Er habe das Spielen gestanden, aber bestritten, davon abgelenkt gewesen zu sein.
Beim Zusammenstoß zweier Nahverkehrszüge nahe Bad Aibling waren am 9. Februar auf der Strecke von Holzkirchen nach Rosenheim elf Menschen gestorben und 85 Insassen teils lebensgefährlich verletzt worden.
Die Ermittlungen zu den Ursachen des Zugunglücks dauerten trotz der neuen Erkenntnisse noch an, teilte die Staatsanwaltschaft mit. "Bis heute haben sich aber keine Hinweise auf technische Störungen ergeben, die Ursache oder Mitursache der Katastrophe sein könnten."
Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bestätigte in der BR-"Rundschau": Es stehe fest, dass das Handy des Fahrdienstleiters längere Zeit bei einem Computerspiel eingeloggt gewesen sei. "Daraus ergibt sich die Frage, ob der Fahrdienstleiter durch dieses Computerspielen längere Zeit abgelenkt war, jedenfalls nicht seine volle Aufmerksamkeit dem eigentlichen Fahrdienst-Geschäft gewidmet hat."
Herrmann warnte aber vor vorschnellen Urteilen. Nun gelte es, sorgfältig zu ermitteln, sagte er. Im Moment bleibe das persönliche Fehlverhalten eines Mitarbeiters als Ermittlungsstand. "Für mich ist zunächst wichtig gewesen, dass klar im Raum steht, es gibt keine technischen Defizite an den beteiligten Zügen, es gibt keine technischen Defizite an der Ausstattung entlang der Strecke", so Herrmann. Das sei für die Fahrgäste, die dort täglich unterwegs seien, sehr wichtig.
Der Unfall war eines der schwersten Bahnunglücke in Deutschland in den vergangenen Jahren.
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Das Zugunglück von Bad Abiling mit elf Toten und mehr als 80 Verletzten geht laut Angaben der Ermittler auf menschliches Versagen zurück.
Gegen den 39-jährigen Fahrdienstleiter sei ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und eines gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr eingeleitet worden, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Wolfgang Giese.
Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (Mitte) und der SPD-Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag, Markus Rinderspacher (links) besuchen die Unglücksstelle in Bad Aibling, wo zwei Züge ineinanderrasten. "Das Land trauert und ist erschüttert", sagte Seehofer.
Das Zugwrack in Oberbayern: Bei dem Unglück waren am vergangenen Dienstag zwei Nahverkehrszüge auf der privat betriebenen Meridian-Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim frontal zusammengestoßen.
Elf Menschen starben, mehr als 80 wurden zum Teil schwer verletzt.
52 der leichtverletzten Personen hätten Aussagen zum Unfallhergang gemacht, sagte Polizeipräsident Robert Kopp. Insgesamt seien 71 Fahrgäste vernommen worden.
"Der eine Zug hat sich in den anderen hineingebohrt", sagte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, CSU.
Dobrindt sprach von einer "schweren Stunde in der Geschichte des Zugverkehrs in Deutschland".
Dobrindt (l.) und Bayerns Innenminister Joachim Herrmann verschafften sich vor Ort einen Überblick.
Luftbild vom Unglücksort
Laut Innenminister Herrmann waren knapp 700 Einsatzkräfte vor Ort.
Zerstörter Zug: Betroffen sind zwei "Meridian"-Züge, die von der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) betrieben werden.
Die Unglücksstelle ist schwer zugänglich. Die Rettungskräfte werden teilweise vom Technische Hilfswerk auf dem Wasserweg hingebracht.
Feuerwehrleute auf dem Weg zur Unfallstelle
Rettungskräfte bei Bad Aibling: Wegen der Faschingsferien, so die Polizei, waren die Züge nicht voll besetzt wie an normalen Werktagen. Etwa 150 Menschen sollen insgesamt in beiden Zügen gewesen sein.
Ein völlig zerstörter Waggon: Mehrere Personen sind schwerstverletzt.
Die Verletzten werden mit Hubschraubern in die umliegenden Krankenhäuser geflogen.
Das Unglück geschah gegen 6.50 Uhr. Die Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim ist gesperrt.
Rettungshubschrauber nahe der Unglücksstelle: "Der Unfall ist ein Riesenschock für uns. Wir tun alles, um den Reisenden, Angehörigen und Mitarbeitern zu helfen", wird der Geschäftsführer der Bayerischen Oberlandbahn zitiert.
Laut Polizei wurden sämtliche Rettungskräfte aus der Region an der Unfallstelle zusammengezogen, um die Verletzten zu versorgen.