Nach Gullydeckel-Attacke auf Regionalzug Tatverdächtiger Lokführer beurlaubt

Ein Lokführer soll Gullydeckel an einer Brücke angebracht haben. Die Scheibe des Regionalzugs, den der Mann steuerte, wurde daraufhin durchschlagen. Nun äußert sich sein Arbeitgeber zu dem Verdacht.

Mindestens ein herabhängender Gullydeckel durchschlug die Scheibe dieser Regionalbahn.
Markus Klümper/dpa

Mindestens ein herabhängender Gullydeckel durchschlug die Scheibe dieser Regionalbahn.


Ein Lokführer steht nach der Gullydeckel-Attacke auf eine Regionalbahn unter Verdacht, die gefährliche Konstruktion an einer Brücke selbst angebracht zu haben - nun hat sein Arbeitgeber den Mann bis auf Weiteres beurlaubt.

Der Triebfahrzeugführer sei aus dem Dienst genommen worden, um ihn zusätzlich zu den laufenden Ermittlungen nicht weiter zu belasten, sagte eine Sprecherin der Hessischen Landesbahn (HLB). Nach dem Vorfall bei Bad Berleburg sei der 49-Jährige nicht mehr im Einsatz gewesen, weil er aufgrund eines diagnostizierten Schocks krank geschrieben gewesen sei.

Vor knapp zwei Wochen war ein Zug der Hessischen Landesbahn frühmorgens auf der Strecke im Wittgensteiner Land gegen zwei Gullydeckel gefahren, die an Seilen von einer Brücke über den Schienen hingen. Der Lokführer hatte auf dieser Strecke den ersten Zug des Tages gesteuert - als unbesetzte Leerfahrt auf dem Weg vom nächtlichen Abstellplatz in Erndtebrück zum Startbahnhof Bad Berleburg.

Die Spurenlage deute darauf hin, dass der Mann die beiden massiven Gullydeckel an Seilen und Ketten befestigt und in Richtung der Gleise hinabgelassen haben könnte, sagte Rainer Hoppmann, Sprecher der Staatsanwaltschaft Siegen, nun. Mindestens einer davon durchschlug die Windschutzscheibe. Am Tatort hätten die Ermittler DNA-Spuren gefunden.

Tatmotiv ist noch unklar

Am Mittwoch hatten Beamte den 49-Jährigen vorläufig festgenommen. Am Donnerstag sei er wieder auf freien Fuß gesetzt worden, weil keine Haftgründe wie Flucht- oder Verdunkelungsgefahr vorgelegen hätten, sagte der Staatsanwalt. Ermittler hatten die beiden Wohnungen des Lokführers in Erndtebrück und Lünen durchsucht. Zu möglichen Funden wollte der Staatsanwalt zunächst keine Angaben machen. Das mögliche Motiv für die Tat liege bislang im Dunkeln. "Die Ermittlungen dauern an."

Auch zur Frage, ob der Lokführer die Gullydeckel selbst im mehr als 20 Kilometer entfernten Hilchenbach entwendet hatte, gebe es noch keine Klarheit. Insgesamt vier gusseiserne Abdeckungen von Wasserabflüssen am Straßenrand waren mehr als 24 Stunden vorher an einer Straße gestohlen worden. Zwei baumelten nach Ermittlerangaben später von der Brücke, ein weiterer Deckel wurde im Gleisbett gefunden. Den vierten stellte die Polizei in Tatortnähe sicher.

Der mutmaßliche Anschlag hatte für Entsetzen gesorgt. Die auf Höhe des Fahrerhauses angebrachten Gullydeckel hatten ein großes Loch in die Windschutzscheibe geschlagen. Fotos vom Zug nach dem Vorfall zeigen eine zersplitterte Scheibe und zerborstenes Glas auf dem Steuerpult. Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst wegen versuchten Mordes die Ermittlungen gegen Unbekannt aufgenommen.

"Ein schwerwiegender Vorwurf"

Die Hessische Landesbahn hatte von einem "ungeheuerlichen Anschlag" gesprochen, bei dem bewusst der Tod eines Menschen in Kauf genommen worden sei. Nach damaligen Angaben hatte der Lokführer einen "mittelschweren Schock" erlitten. Auch hatten HLB und Ermittler früh das "instinktiv richtige Handeln" des Lokführers hervorgehoben, wonach er sich nach eingeleiteter Notbremsung weggeduckt habe. "Wir sind heilfroh, dass durch seine geistesgegenwärtige Reaktion nichts Schlimmeres passiert ist", sagte eine Sprecherin zunächst.

Dass der Lokführer nicht mit voller Geschwindigkeit, sondern mit mäßigem Tempo von unter 50 Kilometern pro Stunden auf der Strecke unterwegs war, begründete eine Sprecherin damals damit, dass er sich auf dem Weg zum Startbahnhof und noch nicht im vollen Einsatz befunden habe. Wegen der neuen Erkenntnisse sind diese Angaben nun fraglich.

Die Hessische Landesbahn zeigte sich in einer Mitteilung betroffen. Sie habe aus der Presse erfahren, dass gegen den eigenen Triebfahrzeugführer ermittelt werde. "Dieses ist ein schwerwiegender Vorwurf, der uns tief getroffen hat." Mit Blick auf die laufenden Ermittlungen wolle man jedoch keine weitere Auskunft geben.

bbr/dpa



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