Nordrhein-Westfalen Physiotherapeut wegen Kinderporno-Fotos in U-Haft

Ein Physiotherapeut aus Bad Oeynhausen soll in seiner Praxis pornografisches Material von zwei Kindern angefertigt haben. Wegen Verzögerungen bei Durchsuchungen geraten die Ermittler in dem Fall unter Druck.


Ein 60 Jahre alter Mann aus Bad Oeynhausen in Nordrhein-Westfalen soll in seiner Praxis mehrfach pornografische Fotos von zwei Kindern angefertigt haben. Wie die Polizei Dortmund und die Staatsanwaltschaft Bielefeld mitteilten, soll der Physiotherapeut und Heilpraktiker zudem kinder- und jugendpornografische Bilder besessen haben.

Den Angaben zufolge ist der Mann wegen Wiederholungsgefahr seit vergangener Woche in Untersuchungshaft. Gegen ihn wird nun wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern und des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt.

Laut Polizei sollen künftig Spezialermittler und Opferschutzbeauftragte des Polizeipräsidiums Dortmund die zuständige Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke unterstützen.

Die Ermittler wollen jetzt herausfinden, ob es noch weitere Taten gab. Seit Donnerstag hat die Polizei dazu mobile Anlaufstellen in Bad Oeynhausen und im benachbarten Minden eingerichtet. Dort werden Hinweise entgegengenommen. Weitere Verdächtige gebe es derzeit nicht, sagte Staatsanwalt Moritz Kutkuhn von der Anklagebehörde in Bielefeld.

Bei einer Sitzung des Innenausschusses im Landtag teilte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) mit, dass bei den Ermittlungen gegen den 60-Jährigen Fehler geschehen sind. So dauerte es von einem Hinweis auf den Verdächtigen bis zu Durchsuchungen fast eineinhalb Jahre.

Einem IT-Techniker, der eine Fernwartung des Computers des Physiotherapeuten durchführte, war bei seinen Arbeiten aufgefallen, dass der Beschuldigte kinderpornografische Fotos besitzt. Seit November 2017 lag der Fall beim Kriminalkommissariat der Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke. Die Beamten versuchten daraufhin mehrmals, die Wohnung und die Arbeitsräume des Physiotherapeuten zu durchsuchen: Die Polizisten rückten im März 2018 an, im Juli 2018, im Oktober 2018 und im Januar 2019 - doch jedes Mal zogen die Beamten erfolglos wieder ab, da der Beschuldigte offenbar nicht zuhause war.

Man brach die Aktionen jedes Mal "aus taktischen Gründen ab", so berichtete es Innenminister Reul im Innenausschuss im Landtag. "Gerade vor dem Hintergrund des Berufs des Beschuldigten hätte die Bearbeitung dieses Falls höher priorisiert werden müssen, denn der Mann hatte ja als Kinder- und Jugendtherapeut freien Zugang zu Kindern und Jugendlichen", so Reul.

Erst der vierte Durchsuchungsversuch klappte, am 8. März 2019 trafen die Polizisten den Physiotherapeuten zuhause an. Sie stellten Mobiltelefone, Computer und andere Datenträger sicher. Sechs Tage später rückten die Beamten ein weiteres Mal an, inzwischen hatten sie Hinweise darauf, dass der Beschuldigte auch selbst Kinder missbraucht haben könnte.

Dass Reul den Fall so offen thematisiert, hängt auch mit dem Fall Lügde zusammen, der sich zu einem Polizeiskandal ausgewachsen hat. Die Parallelen sind unübersehbar: In beiden Fällen gibt es Kreispolizeibehörden, die mit den Ermittlungen offenbar überfordert waren, die den Ernst der Lage falsch einschätzten. Beide Behörden behandelten die Fälle wohl nicht mit dem nötigen Nachdruck, und beiden wurden die Ermittlungen schließlich von höheren Stellen entzogen.

apr/fek/le/dpa

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