Bandenterror in Brasilien Mafia hält Sao Paulo in ihren Fängen

Die Anschläge von Verbrecherbanden haben die brasilianische Millionenstadt São Paulo lahmgelegt. Firmen, Bahnhöfe und Schulen blieben geschlossen. Nahezu 100 Menschen kamen bislang bei der Angriffsserie ums Leben.


Sao Paulo - "Wir befinden uns in einem wahren Krieg gegen die Mafia", sagte der Landespolizeichef Elizeu Borges. Er kündigte für heute eine "Gegenoffensive" der Polizei in Sao Paulo an.

Viele Straßen der Stadt, die die meisten Auslandsfilialen deutscher Firmen weltweit beherbergt, waren gestern weiterhin von schwer bewaffneten Polizeieinheiten gesperrt. Schulen, Universitäten, Firmen, Läden und Bahnhöfe blieben geschlossen oder machten deutlich früher dicht. Die Prachtgeschäftsstraße Avenida Paulista war menschenleer. Der zweitgrößte Flughafen von São Paulo, Congonhas, musste wegen einer Bombendrohung evakuiert werden.

Bei Anschlägen auf Sicherheitsbeamte, Polizeiwachen und Gefängnisse sowie bei Dutzenden von Häftlingsrevolten starben nach offiziellen Angaben bislang in São Paulo und anderen Gemeinden des gleichnamigen Bundeslandes mindestens 97 Menschen. Unter den Opfern waren 39 Polizisten und Gefängniswärter. Mindestens 60 Menschen seien verletzt worden. Es handelt sich um die schlimmste Gewaltwelle in der Geschichte Brasiliens.

Die Aktionen sind nach Behördenangaben eine Antwort der Mafia auf die Zwangsverlegung von rund 740 Gefängnisinsassen in der vergangenen Woche. Dabei waren unter anderem auch acht ranghohe Mafiabosse isoliert worden. Hinter den Anschlägen wird das "Primeiro Comando da Capital" (PCC, Erstes Hauptstadt-Kommando) vermutet, das von inhaftierten Drogenbossen angeführt wird.

Der Gouverneur Sao Paulos, Claudio Lembo, wies unterdessen ein Hilfsangebot der Zentralregierung in Brasilia zurück. Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva, der die Gewaltwelle als "Provokation" des organisierten Verbrechens kritisierte, hatte die Entsendung von 4000 Angehörigen der Streitkräfte angeboten. Die Gewalt ebbe bereits ab, sagte Lembo. Er bestritt Gerüchte, er habe der Mafia als "Gegenleistung" für das Ende der Gefängnisrevolten Zugeständnisse gemacht.

Die Häftlingsrevolte konnte friedlich beendet werden. Nach drei Tagen gelang es der Polizei, alle Aufstände in den 73 Gefängnissen des Bundesstaats friedlich zu beenden und mehr als 200 Wächter aus der Gewalt der Meuterer zu befreien.

als/dpa/reuters/AFP



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