Erschossener Bandido Das Rätsel des toten Rockers

Warum wurde der Bottroper Bandido Hans B. am Rande einer Landstraße erschossen? Und von wem? Die Ermittler suchen nach Spuren, mit denen sich die Bluttat aufklären lassen. In der Rockerszene wächst die Nervosität.

dapd

Von , Bottrop


"Tja", sagt der Polizist mit den blauen Augen und dem grauen Schnauzbart. "Eigentlich isset ja ganz schön hier." Er schaut die Landstraße hinab, die durch dichtes Grün führt und schließlich in eine ruhige Wohngegend mündet. "Idyllisch irgendwie." Der Oberkommissar lächelt ein bisschen schief, als er vor dem rot-weißen Flatterband steht, zu seinen Füßen die Kreidekreise, die andere Beamte auf den Asphalt gepinselt haben. "Tja, eigentlich."

Denn hier, am Rande der Horster Straße kurz vor dem Ortseingang Gladbeck, starb am Dienstagmorgen der Bandido Hans B., 49, einen gewaltsamen Tod. Er hatte seine schwere Harley Davidson auf dem Seitenstreifen "ordnungsgemäß abgestellt", wie ein Ermittler später sagen wird, als gegen 7.45 Uhr ein Schuss durch die morgendliche Ruhe krachte. Das Projektil traf den 49-Jährigen, der eine Kutte des Chapters Dinslaken trug, in die Brust. Er starb wenig später an inneren Blutungen.

"Ich war gerade aufgestanden", erzählt der Rentner Erich O., der dem Tatort gegenüber wohnt, "als ich den Schuss hörte. Ich dachte, das war bestimmt ein Jäger." Erst später, als die Polizeiwagen kamen und ein Hubschrauber, sei er hinausgegangen, aber da sei die Straße schon abgesperrt gewesen. O. schüttelt zaghaft den Kopf, er könne sich "die Sache" nicht erklären, sagt er.

Elektriker bei einem Stromkonzern

Das können die Ermittler bislang ebenfalls nicht. Der Getötete sei Elektriker bei einem großen Stromkonzern gewesen, heißt es. Zwar war Hans B. seit vielen Jahren auch Rocker, doch nahm er weder eine herausragende Position in der Hierarchie des Clubs ein, noch fiel er durch einschlägige Straftaten auf. "Ein ganz ruhiger Typ. Kein Zuhälter, keine große Nummer" sei "Hannes" gewesen, so formuliert es ein Bandidos-Sprecher und fügt hinzu: "Auch wir tappen im Dunkeln."

Gleichwohl mischt sich in das Entsetzen und die Trauer der Rocker auch Nervosität. Schon am Dienstag kursierten SMS, in denen die Bandenanführer ihre Gefolgsleute dazu aufriefen, wachsam zu sein und auf sich aufzupassen. Die Szene ist unter dem Druck großangelegter Polizeiaktionen in Aufruhr.

So enthüllte SPIEGEL TV ebenfalls am Dienstag, dass ein ganzer Ableger der Berliner Bandidos zu den Hells Angels übergelaufen war. Ein ausgesprochen seltener Vorgang. Hinzu kam, dass die Rocker offenbar vor geplanten Razzien der Polizei gewarnt worden waren und die von Verboten bedrohten Organisationen kurzerhand selbst aufgelöst oder ins benachbarte Brandenburg verlegt hatten.

Berüchtigte Truppe

Der Staatsmacht blieb am Mittwoch daher nur noch, die berüchtigte Truppe des Berliner Hells-Angels-Fürsten Kadir P. zu verbieten. Besonders hart wird der verwaltungsrechtliche Vorgang die Rotlichtgröße nicht treffen. Sein Verhältnis zum Outlaw-Leben war wohl eher pragmatisch, denn ideologisch. So hatte P. auch keine Probleme damit, mit seinem Gefolge vor zwei Jahren innerhalb kürzester Zeit vom Angels-Erzfeind zum Angels-Anhänger zu mutieren.

Zudem hatten das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein und die Staatsanwaltschaft Kiel Ende vergangener Woche insgesamt 1200 Beamte, darunter 400 Spezialkräfte und die GSG 9, in einen der größten Polizeieinsätze Norddeutschlands geschickt. Die Ermittlungen unter anderem wegen Körperverletzung, Waffen- und Menschenhandel sowie Korruption richten sich auch gegen die Führungsriege des mittlerweile verbotenen Ablegers der Hells Angels in Kiel.

In dem Mammutverfahren geht es ebenfalls um ein mögliches Tötungsdelikt. Die Ermittler nehmen an, dass der im April 2010 spurlos verschwundene Kieler Tekin B. umgebracht wurde. Der damals 47-Jährige soll bei Aktivitäten im Rotlicht und bei Waffengeschäften den Angels in die Quere gekommen sein. Das erzählte eine Milieugröße den Beamten der Sonderkommission "Rocker". Angeblich gab es auch Streit ums Geld. Vier "Höllenengel" hätten B. daraufhin getötet und seine Leiche in das Fundament einer Lagerhalle in Altenholz bei Kiel einbetoniert, so der Informant. Bislang allerdings konnten die Kriminaltechniker den Körper dort nicht finden.

Geheim gehaltener Ort

Bei dem Kronzeugen gegen Rocker handelt es sich um Steffen R., den ehemaligen Anführer des Kieler Hells-Angels-Schlägertrupps "Legion 81". Sein Anwalt bestätigte das am Mittwoch und teilte zugleich mit, dass sein Mandant sich im Zeugenschutzprogramm befinde, an einem geheim gehaltenen Ort. Jedoch wird der 40-Jährige am Donnerstag vor dem Landgericht Kiel erwartet, das derzeit gegen ihn unter anderem wegen Menschenhandels, Zuhälterei, räuberischer Erpressung, Nötigung und Körperverletzung verhandelt.

In Bottrop versuchen die Ermittler nun, das Projektil zu finden, das den Rocker Hans B. tötete. Am Nachmittag sollten Bereitschaftspolizisten die Gegend durchkämmen. Bislang gehen die Beamten davon aus, dass die Tatwaffe ein "normales Kaliber" hatte. Anhaltspunkte für einen Anschlag einer verfeindeten Motorradgang gebe es derzeit nicht, hieß es. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen stellten die Beamten neben der Leiche einen Revolver sicher.

Am Vormittag legten Bandidos einen Kranz für den verstorbenen "Hannes" am Tatort nieder. Zwei kräftige Männer mit ernsten Gesichtern und einem Blumengebinde in ihren Händen. Doch gefragt, wie sie über die Tat dächten, brummelten sie bloß Ablehnendes, stiegen in ihre schwarzen Limousinen und fuhren davon.

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Seite 1
jujo 30.05.2012
1. ...
Zitat von sysopDPAWarum wurde der Bottroper Bandido Hans B. am Rande einer Landstraße erschossen? Und von wem? Die Ermittler suchen nach Spuren, mit denen sich die Bluttat aufklären lässt. In der Rockerszene wächst die Nervosität. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,836038,00.html
Das ist doch die Lösung, lasst sie sich gegenseitig dezimieren, spart viel Geld!
talackova 30.05.2012
2. Selbstmord?
Zitat von sysopDPAWarum wurde der Bottroper Bandido Hans B. am Rande einer Landstraße erschossen? Und von wem? Die Ermittler suchen nach Spuren, mit denen sich die Bluttat aufklären lässt. In der Rockerszene wächst die Nervosität. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,836038,00.html
Selbstmord halte ich für die wahrscheinlichste Lösung.
beobachter999 30.05.2012
3. Nun ja,
Zitat von sysopDPAWarum wurde der Bottroper Bandido Hans B. am Rande einer Landstraße erschossen? Und von wem? Die Ermittler suchen nach Spuren, mit denen sich die Bluttat aufklären lässt. In der Rockerszene wächst die Nervosität. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,836038,00.html
ist es nicht eher überraschend das so wenige ums Leben kommen? In diesem Gewerbe geht es halt nicht so zart zu, oder?
knallexis 30.05.2012
4. ohne titel
Zitat von beobachter999ist es nicht eher überraschend das so wenige ums Leben kommen? In diesem Gewerbe geht es halt nicht so zart zu, oder?
Der Erschossene war Elektriker.
EinBote 30.05.2012
5. ...
1. Dort ist nicht der Ortseingang Gladbeck in der Nähe, sondern der von Gelsenkirchen, Stadtteil Horst. 2. Bottrop-Boy ist ein hartes Pflaster, hier werden mehrmals im Jahr Menschen auf offener Strasse erschossen. War vielleicht pech.
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